Bahnhöfe verstehen
Heidelberger pflegen höflich die Stirn zu runzeln, sie können es kaum fassen, dass jemand freiwillig in die Diaspora zieht: Was will der da? Ebenso Rottweiler, die - teils aus gutem Grund - nicht mehr in Rottweil wohnen, aber jede Gelegenheit nutzen, Heimat heimzusuchen. Rottweiler, die entweder noch oder wieder hier wohnen, beargwöhnen mich: Was will der hier? Sie versöhnt der Gedanke, dass mich persönliche Gründe in die Arktis gelockt haben. Man guckt ja nicht auf die Landkarte und sagt: Wo könnte ich bloss als nächstes hinziehen? Alle anderen im Land kommen mit den üblichen Klischees rüber: "Kommen da nicht diese Hunde her?" Manche erinnern sich auch an Munitionsfabriken, ein leichtes Karma ist das nicht.
Heidelberg und Rottweil, liegen da wirklich Welten dazwischen? Beides sind Städte, die auf ihrem kulturellen Erbe herum reiten, Heidelberg möchte das sogar subito von der Unesco quittiert haben. Rottweil feiert sich seit Neunzehnhundertschlagmichtot als älteste Stadt Baden-Württembergs, und beide Ansiedlungen vereint diese Attitüde: Hey, wir sind schon was, das soll erst einmal genügen - und nun kommst du! Städte wie Mannheim oder Tuttlingen, von Historie und/oder Natur weit weniger begünstigt, müssen sich ordentlich Mühe geben, tun dies auch - und haben, was z.B. das Kulturleben anbelangt, Heidelberg und Rottweil längst abgehängt. Das sind doch einige Gemeinsamkeiten. Gut, Heidelberg hat mehr Einwohner, entsprechend auch mehr Ratten. Man sieht sie überall, hellichten Tages nagen sie am Bismarckplatz herum, huschen aus den Büschen in der Kurfürstenanlage auf den Radweg und rund um die Fahrradständer am Bahnhof. Sogar im Bahnhof selbst haben sie Rattenfallen aufgestellt, sonderlich werbewirksam kommt mir das nicht vor.
Diese weltstädtische Volte geht Rottweil völlig ab. Aber an den Bahnhöfen lassen sich die Städte gut vergleichen - und sie nehmen sich wenig. Selbst wenn Heidelberg mit der fünffachen Einwohnerzahl von Rottweil ein entsprechend höheres Fahrgastaufkommen hat.
Heidelberg hat es sich nicht nehmen lassen, etwa um 2002 via Lautsprecherboxen stolz zu verkünden, hier handele es sich um eine "non-smoking station", was auf deutsch so viel wie "nicht-rauchender Bahnhof" heisst. Davon sind sie nur zögerlich abgekommen. Das umfänglichste Raucherreservat findet sich seither vor den automatischen Schiebetüren, die zur Brücke über den Bahnsteigen führen: eine Qualmschleuse, eine Rauchdusche. Wozu? Etwa um dem fatalen Ruf einer internationalen Teesockenmetropole entgegen zu wirken? Rottweil bietet das strikte Gegenteil: Das ist ein ausgewiesener Vollraucher-Bahnhof, wahrscheinlich mit Paffzwang, obwohl ich keine diesbezügliche Hinweistafeln habe entdecken können, denn ich halte es nicht lange genug im Gebäude aus. Das Heidelberger Krebsforschungszentrum könnte hier lässig eine Niederlassung eröffnen, um Feldstudien durchzuführen. Der Boden lädt einen nicht dazu ein, seine Gepäckstücke darauf zu lagern, man muss sie also ständig am Körper tragen, was eine recht eigenwillige Auslegung der Nine-Eleven-Sicherheitspolitik der Bahn AG darstellt: "Please do not leave your bags unattended!" Auch der Kiosk, an dem um acht Uhr früh bereits die Süddeutsche ausverkauft ist, weil einfach zu wenig geordert werden, zieht mich nicht unbedingt an. Ohnehin gewinnen am Ständer die Zeitungen mit kyrillischen Buchstaben allmählich die Oberhand. Sonst ist noch die Welt die Ordnung: Die Glastafeln werben mit "Schokolade, Zigarren, Reisebedarf, Keks, Zigaretten", die guten, alten Genussgifte also - in der Theorie. Den obersten Teil des Regals nehmen fünf ausrangierte Lautsprecherboxen in Anspruch. Den tatsächlichen Mangel an Angebot gleicht der Betreiber, der zu Stosszeiten, und die sind ja recht übersichtlich, auch gerne längere Telefongespräche führt, mit einer Überdosis Natürlichkeit oder, bei guter Laune besehen, Originalität aus, denn dieses anbiedernde moderne Servicegetue mit Begrüssung, Namensnennung und der unvermeidlichen Frage "Was kann ich für Sie tun?" liegt ihm fern. Wenn irgendwann einmal die Landjäger zugunsten einer jüngeren Generation ausgetauscht werden, ist Rottweil Grand Central einen grossen Schritt weiter gekommen.
Auf Bahnsteig fünf wirbt eine moderne Stelltafel der Deutschen Eisenbahn-Reklame: "Kommt man in den Bahnhof rein, kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus!" Wohl wahr. Die Aussenfassade wurde gerade einer Sandstrahlbeblasung unterzogen, die Anzeigetafeln funktionieren nach nur halbjähriger Ausfallzeit wieder, allein die Bahnhofshalle - ich weiss nicht. Eine Art Non-VIP-Lounge. Auf den Sitzbänken, vor allem auf der Bank links neben der Tür zu den Bahnsteigen, lagern wie zur Abschreckung gerne mal Rechtsradikale, Alkoholiker oder Russlanddeutsche, wenn da überhaupt ein Unterschied auszumachen ist. Keine Ahnung, wer hier für das Casting verantwortlich zeichnet. Was mag unsere östliche Verwandtschaft nur so anziehend finden: Generell das sibirische Klima der Region? Oder speziell der Bahnhof, der Reminiszenzen weckt an den von Celinograd? Warum setzt die Bahnhofsverwaltung nicht gleich an paar von diesen Hunden hin: The Rottwhile School of Abschrecking. Alles andere als anheimelnd, da fährt man gerne weg, da halten einen nicht einmal die Original Fasnets-Fresken aus dem 16. Jahrhundert von Balthasar Snekenburger d.Ä.. Ein Lichtblick natürlich das Café, da kann Heidelberg mit seinem Angebot von der Stange einfach nicht mithalten. Eine kompliziertere Bestellung - z.B. einen Cappuccino - sollte man indes nur aufgeben, wenn man genügend Zeit mitbringt, denn auch hier hat man sich abgekoppelt von den Bedrängnissen der Moderne.
Nun wieder Heidelberg: Selbstverständlich ist auch dort der Bahnhof ständigen Veränderungen unterworfen. Gerade hat sich ein bayrischer Imbiss etabliert, der über Jahre so dringend vermisst wurde. Gut, die Buchhandlungen sind richtig gut, und auch den türkischen Bahnhofsfriseur möchte ich ausdrücklich preisen, dafür sind die Bahnheinis nicht in der Lage, Verspätungen so rechtzeitig anzusagen, dass man nicht erst auf dem zugigen Bahnsteig davon erfährt. Schande, Schande, Schande! Die Bahnsteigsüberdachungen von Rottweil Metroplex Station bringen dafür das Kunststück fertig, zu tropfen, selbst wenn es nicht regnet
.Gegenüber Heidelberg kann Rottweil natürlich seinen Standortvorteil ins Feld führen: Bar jeglicher amerikanischer Soldaten und Touristen liegt man nicht direkt im Fadenkreuz von Al Qaida. Dafür wird Rottweil von internationalen Zügen angesteuert, aus der Schweiz, aus Italien - wenn sie denn kommen, eine multikulturelle Drehscheibe zwischen Okzident (Schwarzwald) und Orient (Alb). Passend dazu befindet sich der Red Light District in Gestalt der Mirage Erotic Dance Bar wie anderswo in früheren Tagen im Bahnhofsviertel. Sex and the Kleinstadt. Ein Werbeschild besteht auf Tradition: "AP Liquors - Old Tradition Since 1854", ganz so, als gäbe es auch eine neue.
Nicht zuletzt überzeugt Rottweil Gare Centrale aber durch Kompaktheit, Übersichtlichkeit, kurze Wege, flexibles Personal und die persönliche Note. Den Bahnhofsvorsteher trifft man schon mal auf dem Bahnsteig, wo er die Automaten auffüllen muss. Der Kioskbetreiber klappert inzwischen die Mülleimer nach Pfandflaschen ab. Das Gros der Reisenden kennt man rasch, bald hat man sie ins Herz geschlossen, nicht zuletzt weil die local player einen mitfühlenden und sehr persönlichen Umgang miteinander pflegen:
"Au scho unterwägs?"
"Jawoll!"
In einer wuseligen Metropole wie Heidelberg undenkbar. Für den geplagten Traveler bedeutet so etwas: Gefühlte Heimat. Deshalb möchte ich den Rottweiler Bahnhof nimmer missen.
©Thomas C. Breuer Rottweil 15.12.2004/07.01.2005