Breuer frei!

Thomas C. Breuer nimmt die Schweiz ins Visier: "Das Entlebuch ist kein Geflügelführer."
Ausgerechnet ein Deutscher aus Rottweil schlägt uns im Kleintheater Luzern bissig helvetische Eigenheiten um die Ohren. Kann das gut kommen? Thomas C. Breuer beweist es mit seinem aktuellen Programm „SCHWEIZfahrer“ und hat viele Lacher auf seiner Seite.
„Sein oder nicht sein“: Das ist für den „Wilderer im Kabarettmetier“, den gebürtigen Heidelberger Thomas C. Breuer, die Frage. In Holland habe er sich schon öfter als Schweizer ausgegeben, da Helvetier schneller ins Herz geschlossen würden, gesteht der Entertainer den überraschten Zuhörern. Deutschland sei allgemein das „Mega Mekka der Meckerer“. Diese Tatsache ziehe sich durch vieles: Windjammer, Miesmuschel, Hängematte und Fallstudie sind einige Beispiele. Die Schweiz sei das pure Gegenteil: Klein, fein und oho.
Von Schweizer Exportschlagern
Der beobachtende Deutschte stellt fest: „Die Helvetier verfügen über einen ausgeprägten Geschäftssinn. Das eidgenössische Schweizerkreuz findet man auf Sackmessern, Feuerzeugen, Fussabtretern ...“ Wobei er einen rot-weissen Fussabtreter nicht die wirkungsvollste Methode findet, um den Patriotismus zur Schau zu stellen. Die Deutschen hätten ja auch ein Kreuz gehabt, mit dem Unterschied, dass ihres einen gewaltigen Haken gehabt habe.
Auch andere Exportschlager würden wir fleissig in die EU-Länder pushen: DJ Bobo, Francine Jordi, Roger Schawinski. Eu-Bürger Breuer fragt das Publikum vorwurfsvoll: „Ja, sind wir denn eine Müllhalde?“
"Fotzelschnitte" und "flüssiger Matsch"
Neulich sei er sich wie ein Barbar vorgekommen, berichtet Schweizkenner Breuer: „Als ich Senf zur „St. Galler Bratwurst“ verlangte, erntete ich einen entsetzten Blick und wurde anschliessend bis vor die Stadtgrenze deportiert.“
Unsere Ausdrücke für einige Fressalien findet er überhaupt nicht appetitlich. Eine „Fotzelschnitte“ klinge nicht besonders elegant und „es Ihklemmts“ verbinde man auch nicht mit schönen Gefühlen. Wer sei schon gerne eingeengt und freiheitsberaubt? Was er uns aber wirklich übel nimmt, ist die Erfindung der Flüssigwürze „Maggi“. Die Germanen sprechen es allgemein „Ma-ggg-i“ aus und die Deutschweizer „Matschi“, was er recht treffend finde, weil „diese Würze ja nichts anderes als flüssiger Matsch ist“. Ebenfalls hasst er Wintersportarten jeglicher Art - extreme Bindungsangst. Das Lied für die Snowboard-Fraktion: „Ein letzter Joint, ein Kaffee fertig: die Snöber poppen sich bergab. Und jeder, der ihnen ihm Weg ist, befördern sie in sein weisses Grab.“ Deswegen beauftragte er seinen Freund: „Wenn mich der Berg das nächste Mal ruft, sag ihm, ich rufe irgendwann zurück.“
Sparen für ein "Hahnenwasser"
Während der Fahrten durch die verschiedenen Kantone stellt sich der aufmerksame Zugfahrer Breuer so manche Frage: „Warum gibt es in Bolligen eine „Flugbrunnen-Strasse“? Warum verkauft man in Wohlen „Pizza über d’ Gass“? Ist das nicht gefährlich? Die Pizzen könnten von einem Flugbrunnen gerammt werden.“
In Zürich, wo er regelmässig alberne, pummelige Figuren, die unbeholfen auf den Strassen herumstehen, sichten müsse, könne er sich kein Essen leisten, weil er für ein „Hahnenwasser“ spare.

Schweizkenner Breuer nimmt kein Blatt vor den Mund, aber in die Hand nimmt er es durchaus zwischendurch.
"Warum heisst die SVP eigentlich nicht BSG"?
Der Vielreisende durchquert das „Entlebuch“, welches erstaunlicherweise kein „Geflügelführer“ sei und das „Säuliamt“, das man nicht als „Reduit für pensionierte Beamte“ einstufen könne. Ein Tipp des kreativen Herrn: „Ihr solltet eure Ortsnamen veramerikanisieren, damit sie problemlos von allen Touristen ausgesprochen werden können“ Frauenfeld hiesse also „Chicksfield“. Bei Genf werde es komplizierter. Bekanntlich sei das die Abkürzung für Gen-F-orschung. Das wiederum hiesse übersetzt „Genetics“. Warum eigentlich nicht? Sounds good. Er hat noch mehr Tipps auf Lager: „In der Schweiz gibt es bekanntlich eine Partei Namens SVP. Als gebildeter Mensch weiss ich: Das ist im Französisch die Abkürzung für „s’il vous plait“. Warum nennt sich die Gruppierung also nicht BSG, „Bisch so guet“?“
Der Literat: "Kein Komiker, keine Lesungen"
Der Literat bezeichnet sich prinzipiell nicht als „Komiker“ und seine Vorstellungen nicht als „Lesungen“. Die Gründe: Die meisten Komiker würden frei reden und reihten Witz an Gag. Thomas C. Breuer arbeitet anders. Er hat Blätter mit allen Texten und Pointen, die er bringen will, vor sich. Er spricht also nicht frei, sondern liest ab. Und gesteht, dass er ganz einfach nicht alles auswendig könne. Diesem Makel kann Breuer aber einiges abgewinnen. „Das Tolle an Alzheimer ist: Du lernst täglich neue Leute kennen“, scherzt er. Warum er seine Shows nicht als „Lesungen“ deklariert, hat marketingtechnische Gründe. „Es würden keine Männer kommen.“ Ein Phänomen in Deutschland: Sobald ein Anlass als „Lesung“ angepriesen werde, sässen fast nur Frauen im Publikum.
Der Unterhalter beobachtet, philosophiert und analysiert. Man muss seinen kompakten und durchdachten Sätzen aufmerksam lauschen, damit man sie versteht. Wenn einem das gelingt, lacht man sich kaputt. Zum Beispiel, wenn er seinen Auftritt mit den Worten "Breuer frei!" beendet. Uneingeschränkt empfehlenswert für Jedermann und Jederfrau.
Bevor Thomas C. Breuer wieder in Deutschland auf Tournee geht, tritt er noch drei Mal in der Schweiz auf: Am 24 November nochmals im Rahmen des Comedy Festival im Miller's Studio in Zürich, am 25. November im Schauwerk im Haberhaus in Schaffhausen und tags darauf im Kleintheater Grenchen.
--------------------------------------------------------------------------------Seine Website nennt der Deutsche Bühnenkünstler "Heimatseite" und darauf ist so manches über ihn, seine Bücher und seine Programme zu erfahren.
(20.11.2005. Quelle: www.youthguide.ch, Youthguide Kultur Eventreportage, ein redaktionenübergreifendes Projekt von Youthguide. Vom Comedy Festival berichten Anna Röthlisberger aus Thun, Lena Tichy aus Luzern, Anina Peter aus Zürich, Maria Mokrievitch aus Basel, Raphael Hünerfauth aus Solothurn und Milena Geiser und Janosch Szabo aus Biel. )