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Lesen Sie doch grad, was Sie wollen >> Meanweil in Rottwhile:

Die Wurzeln der Fasnet liegen in Westafrika

Niemals würde ich es wagen, mich über eine so ernste Angelegenheit wie die schwäbisch-alemannische Fasnet lustig zu machen, das war übrigens auch so ziemlich das erste, was man mir nahelegte, als ich erwog, mich hier anzusiedeln.

Andererseits vermisse ich doch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Wurzeln dieses Spektakels. Entgegen landläu- fi ger Behauptungen – Obacht, Herr Mezger – stammt dieser Brauch aus Westafrika. Genau genommen ist nur ein einziges Ritual auf hiesige Gepfl ogenheiten zurückzuführen: Das sogenannte „Abstauben“ – darauf können nur Schwaben kommen!

Aber wenn man sich die Abstauber in Frack und Zylinder näher betrachtet, landet man sehr schnell bei den kreolischen Beerdigungsgesellschaften in Louisiana, und damit bei den Afro-Amerikanern, die bekanntlich von westafrikanischen Sklaven abstammen. Und erinnern nicht die Peitschen an die düsteren Tage der Sklaverei, die bunten Kostüme (z.B. Purple Häs) an die Ausgelassenheit, die für Deutschland nicht unbedingt typisch ist? Man fragt sich unwillkürlich, warum sich Rottweil nie um eine Städtepartnerschaft etwa mit Lafayette bemüht hat – eine Unterlassungssünde! Bis in die heutige Zeit haben sich in der gesamten Region gewisse Afrikanismen erhalten. Die Lässigkeit etwa – nirgends in Deutschland sieht man mehr Autobusse mit der Laufschrift „Fahrerpause“ als am Friedrichsplatz. Immer mehr Cafés bieten Kaffeegetränke „Togo“ an. Die Sommerfasnet alias Fronleichnam kann heidnische Ursprünge nur schlecht kaschieren.

Die Wortverwandtschaft von Schantle und Ashanti (Ghana). Die Königin von Saba stammt natürlich aus St. Georgen. Tribalistische Freudengesänge – die Auswirkungen des JuchzGens haben schon berufene Fasnetsforscher beschrieben, aber bislang hat sie niemand mit den Hüpf-Gesängen der Kono im Senegal verglichen. Rottweil, das ist Teufelskreis und Kauderwelsch, viele Larven sind den Ahnenmasken des Ekpo-Bundes und der Ibibio in Südnigeria nachempfunden, und wer dies nicht glaubt, dem sei ein Besuch in der afrikanischen Abteilung des Völkerkundemuseums (Lindenmuseum) in Stuttgart empfohlen: Auch da trifft man wilde Kerle mit Fransen, Federn und Strohhalmen und muss feststellen: Der Schömberger Allabär ist offenbar eine naturgetreue Nachbildung des Guro von der Côte d’Ivoire, nur sind halt in Afrika die Masken aus anderem Holz geschnitzt. Und weist nicht das „Schwarze“ Tor auf eine gewisse koloniale Vergangenheit hin?

Die Wissenschaftler halten sich noch bedeckt, aber vieles deutet darauf hin, dass die Fasnet – Schrecklein, lass nach – von Mitgliedern der „Alemannenbrigade“ des deutschen Kolonialheeres um 1910 aus Kamerun und Togo nach Deutschland importiert wurde. Die Bewohner der Region sollten daher bei der anstehenden Fußballweltmeisterschaft unbedingt die Togolesen unterstützen. Selbst die allgemeine Verhühnerung (Guller, Fäderahannes) ist afrikanischer Herkunft, das sollte man in Orten wie Zepfenhan, Dornhan oder Dotternhausen nie vergessen. Ein Wort: Voodoo! Nicht anders als auf Haiti, dem wohl afrikanischsten Staat der westlichen Welt, lieben es die Alemannen, sich mit fremden Federn zu schmücken. Hoffentlich macht ihnen in Zeiten der Vogelgrippe nicht der Seehofer einen Strich durch die Rechnung.

Weiter: Das Heringswerfen zur Fasnetsbegrabung ist ein Brauch der Kru-Stämme im Südwesten der Hölzenbeinküste. Die archaischen Masken des Erich Hauser (siehe auch: Haussa, Nord-Nigeria). Die Schellentänze der Wolof in Gambia. Der Buschtrommel kommt bei der Nachrichtenübermittlung auch in diesen Breiten hohe Bedeutung zu. Selbst die Narr-Kotika sind vergleichbar: Berauschende Getränke aus vergorenen Getränken sind auch hierzulande beliebt, vor allem während der Fasnet, im Amtsdeutsch FRZ genannt: Führerscheinrückgabezeit. Wer das Biß allerdings kannibalistischen Umtrieben zuordnet, schießt über’s Ziel hinaus. Obwohl … eigentlich ist hier nur das Klima jenseits von Afrika.

Zwischen Alb und Schwarzwald muss man sogar den Vogelscheuchen Windjacken überstreifen. Wer sich je gefragt hat, wieso die heidnischen Bräuche mit dem Segen der Kirche vollstreckt werden, der sei auf ein Wort des Schriftstellers Mario Vargas Llosa verwiesen: „Solange es in Brasilien Karneval und Fußball gibt, wird es hier nie eine Revolution geben …“ Und wo kommt der brasilianische Carnaval ursprünglich her? Richtig, aus Westafrika. Brasilien sei uns Vorbild: Wiewohl es derzeit mit einer schweren Wirtschaftkrise zu kämpfen hat, seit der Betriebsrat von Volkswagen seine Auslandsaktivitäten eingeschränkt hat, bleibt die Stimmung ausgelassen. Die Fasnet ist natürlich von immenser wirtschaftlicher, aber auch kultureller Bedeutung in einer Region, in der die Ankündigungen für Blitzer häufi g größeren Raum einnehmen als Kinoprogramm und Veranstaltungskalender (z.B. in Rottweil).

In der die Tageszeitung schon einmal prickelnde Ereignisse ankündigt wie „ Die Fotogruppe des Bundesbahnbetriebswerkes trifft sich heute … Thema: Passepartoutschneiden“. Vorläufi ger Höhepunkt war allerdings: „Der Elferrat und die Obernarren treffen sich heute, Donnerstag, um 13.15 Uhr an der Leichenhalle, Friedhof Hintersulgen, zu einer Beerdigung."

©Thomas C. Breuer Rottweil 2006, veröffentlicht in der NRWZ "Glosse" am 10.02.2006

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Aktualisiert am 09.09.2009