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Greyhound 05

Longmont liegt im Schatten von Denver und Boulder, also im Vorgebirge der Rocky Mountains, das auch als das "Napa Valley des Bieres" bekannt ist. Natürlich möchte Longmont gerne heraus aus diesem Schatten. In ganz Denver war kein Hotelzimmer zu bekommen, drei Kongresse, ein Golfturnier, weswegen es mich in diesen Ort verschlagen hat. Im Radio des Zubringerbusses läuft der passende Soundtrack, der neue Hit von Sara Evans: "A Real Fine Place To Start." Longmont ist übrigens kein schlechter Ort für diejenigen, denen Boulder zu teuer oder zu birkenstockig ist (es gibt dort sogar "ganzheitliche" Immobilienhändlerinnen!), und für Touristen tatsächlich die optimale Startrampe: 10 Minuten nach Boulder, 30 nach Denver, selbst Nichtautofahrer werden versorgt: Es gibt einen Linienbusverkehr. Im Radisson behandeln sie mich wie einen König, ein junger Bursche namens Dana zieht mir die optimale Route aus dem Computer, und das schönste: Die Verbindung funktioniert!

Am nächsten Morgen finde ich mich also pünktlich auf dem Highway zwischen Denver und Boulder wieder, wo sie gerne schon mal die Prairiehunde mit riesengrossen Saugern aus ihren Löchern holen, damit diese die Böschungen nicht ruinieren. Die Schlange in der Greyhoundstation zieht sich bereits neunzig Minuten vor Abfahrt quer durch die Halle. Dazu irren die üblichen Freaks umher, die Tramperin z.B., etwa 50, in Homie-Klamotten und lackierten Fingernägeln, die von Zeit zu Zeit unartikulierte Laute ausstösst, als leide sie am Tourette-Syndrom. Als Kontrastprogramm die mexikanische Familie, 63 Verwandte verabschieden ein brav aussehendes Mädchen, das eine Ausgabe von Punk Confidential im Arm wiegt. "Ich war noch nie in einem Flugzeug", sagt die junge Mutter neben mir und lässt ihre Kifferlache ertönen. Ihre Kinder spielen derweil Fangen um die Gitterroste, die sie hier als Sitzgelegenheiten ausgeben. Kurz: Greyhoundreisende sollten sich auf ein aussergewöhnliches Universum einstellen, und komisch ist es nicht immer. Alle Busse, mit denen ich gereist bin, waren voll, anders als früher, was ein Indiz dafür ist, dass sich die wirtschaftliche Lage verschärft hat, denn im Greyhound reisen die Mühseligen und Beladenen, Gestalten aus Arthur Millers Panoptikum. Busse als rollende Countrysongs, wie bei Collin Raye: "A bible and a bus ticket home." Auf meiner ersten Fahrt 1990 in einem soliden MC-12 zwischen Cincinnati und St. Louis sass ich neben einem Selfmadeprediger aus Brasilien. Er machte einen nüchternen und klaren Eindruck und bildete somit eine Ausnahme: Da man lt. Verordnung an Bord keine chemischen Substanzen zu sich nehmen darf, hat das Gros der Reisenden das vorher erledigt, man muss es nur überspielen können. Ein Panoptikum: Jede Menge Getackerte, mit und ohne Tattoo und Zigarettennarben auf den Unterarmen. Haftentlassene mit Tätowierungen der ersten Generation, bevor sie hip wurden, Single Moms mit riesigen U-Haul-Umzugskisten, Vertreter sämtlicher Minderheiten, darunter viele Wanderarbeiter von jenseits des Tortilla-Vorhangs, häufig Soldaten und ein Häuflein Flugangsthasen. Im Greyhound reisen viele Menschen, denen es erkennbar schlecht geht und die schreckliche Geschichten mit sich herum tragen. Sogar Theodore Kaczinsky, der "Una-Bomber", benutzte den Silbernen, um seine Schandtaten zu begehen. Schon Mitte der 30er Jahre hatte Robert Johnson gesungen: "So my ole evil spirit can get a Greyhound bus and ride …" Wer das Risiko sucht, ist bei Greyhound gut aufgehoben.

Früh zu erscheinen ist die eine Regel, und im Bus direkt einen der vorderen Sitze einzunehmen, eine weitere. Die ersten beiden Reihen sind Leuten mit Behinderungen vorbehalten, aber dann sofort zuschlagen. Sobald man jemanden erspäht, der halbwegs vertrauenerweckend aussieht: hinsetzen. Je weiter vorne, desto eher kriegt man nicht mit, wenn jemand hinten die Clotüre öffnet. Ich habe Glück mit meiner ersten Reisegefährtin, einer pensionierten Lehrerin und Bush-Gegnerin, die es einfach hasst, mit dem Auto zu fahren, es andererseits auch nicht weit hat: In Fort Collins steigt sie wieder aus, ab da darf auf dem Sitz neben mir mein Rucksack reisen, zumindest bis Salt Lake. Am Tag vorher übrigens hat Greyhound die Fahrpläne geändert, in Salt Lake City muss ich den Bus wechseln. Nächste Regel: Immer auf dem Laufenden sein, notfalls fragen. Auch Internet-Fahrpläne sind mit Vorsicht zu geniessen.

Der Busfahrer, ein gestandenes Mannsbild mit schwarzen Fingerlingen, Pilotenbrille und azurblauen Polohemd, lässt es gelassen angehen: "We're outta here!" Ob die Kopfhörer erlaubt sind - wen kümmert's? Los geht's, parallel zur Front Range, der ersten Gebirgskette der Rockies. Die vielen mehrachsigen Pferdetransporter mit Heu und Schubkarren auf dem Dach deuten es an: Willkommen im Cowboyland! Hier, zwei Stunden nördlich von Denver, wird man schon an die Stadtgrenze eskortiert, wenn man im Restaurant einen Rotwein bestellt. Wir folgen dem kleinen Highway 287, brausen durch rote Sandsteinformationen mit kunstvoll darauf drapierten Kühen. Dazu aufgebauschte Gewitterwolken mit Bilderbuchblitzen, die feine Haarrisse auf eine kärglich schwarze Leinwand zeichnen. Stossgebete zu St. Faraday. Der Scheibenwischer ächzt wie ein Beatmungsgerät. Das Radio spricht beharrlich von einer 60%igen Regenchance. Wie auf Bestellung liefert die Radiostion K 99 "The Thunder Rolls" von Mr Brooks. Wyoming heisst uns mit dem Stateline Café willkommen, das allerdings geschlossen ist. Das Wetter sorgt weiterhin für Unterhaltung, was in einer derart abgeschiedenen Gegend mit golfplatzkompatiblen Flächen, Weideland und, leicht bedrohlich klingend, "lebenden Schneezäunen" sicher willkommen ist. Längst haben die christlichen Radiostationen das Regiment übernommen. Laramie führt mich zurück in die Western meiner Kindheit, aber eigentlich sind wir in der Mitte von Nichts. Der erste Pitstopp an einer Blockhütte, Überraschung: Es gibt Bananen! Hier warten wieder Leute, kahlgeschorene Kids, die sich nach hinten verziehen. Draussen bleibt es stürmisch.

Ein Mann, der aussieht wie ein pensionierter Surfer, fragt mit weinerlicher Stimme: "Was tue ich, wenn sich jemand auf meinen Platz gesetzt hat und nicht weggehen will?" Wie angestochen springt der Fahrer auf und deutet kurz mal an, was er unter Autorität versteht. Er scheint ein souveräner Bursche mit Prinzipien zu sein, jedenfalls sollte er das sein mit diesem Job. Dem Achtjährigen vor mir beschert er andererseits ein komplettes Unterhaltungsprogramm, zeigt ihm die Narbe einer Schusswunde am Bein, ein Unfall, wie er lakonisch bemerkt, stellt Tiere in Aussicht, von denen sich leider keines zeigen wird, aber Kinder brauchen eine gewisse Dramaturgie für lange Reisen, und diese hier ist sehr lange: Er reist mit seinen Grosseltern von Portland Maine, nach Portland, Oregon, vier Tage im Bus, und nach fünftägigen Hochzeitsfeierlichkeiten soll es dann wieder zurück gehen, na danke.

Seit einiger Zeit begleiten uns dicke Rohrleitungen, von denen ein Ende schliesslich im Boden verschwindet, als würde das Rohr etwas im Boden erschnüffeln wollen. Ganze Alleen von Windrädern, Wind gibt es hier genügend. Die Landschaft wirkt zerzaust, hier wird Energie erwirtschaftet. Die Raffinerie von Sinclair, ein gigantischer Industriekomplex, der vom Himmel unversehends in eine Westernkulisse geknallt zu sein scheint. Überwucherte Bahngleise parallel zur Strasse, kein Wunder: vor einigen Jahren bin ich diese Strecke mit dem Zug gefahren, aber der Pioneer wurde leider eingestellt. Ein Schicksal, das auch vielen Greyhoundrouten droht.

Rawlins überrascht, denn entlang der Strip Mall wimmelt es von Espressobuden. Andererseits auch Geschäfte wie der "Surprise Store" - die grösste Überraschung, dass er mit all dem Ramsch überleben kann. Rawlins ist ein Kurzstop für Schnellraucher, der Anteil Nikotinabhängiger ist im Greyhound erfahrungsgemäss gross, draussen an der frischen Luft ist der Qualm am dichtesten. Seit über hundert Meilen hat der Radiohörer nur die Wahl zwischen Country und christlichen Stationen. Das dürfte dem wiedergeborenen Präsidenten gefallen, der auf Country steht. Andererseits gibt es Riesenwerbetafeln für Methadon-User, also muss es auch dafür eine Klientel geben. Ob da vielleicht ein Zusammenhang besteht? Busreisen jedenfalls arbeiten dem Alkoholentzug zu, man muss nur lange genug unterwegs sein. Wir rumpeln über die Continental Divide, begleitet von Güterzügen, die hinter der Erdkrümmung verschwinden, und natürlich jeder Menge Trucks. Das Wetter ist gigantisch, ich würde das einen veritablen Sandsturm nennen, wir schlingern in den Turbolenzen, und ich denke daran, dass sich bei uns demnächst Busreisende anschnallen müssen. Die Gegend ist absolut baumlos, kein Wunder, bei solchen Wetterlagen hätte ich hier als Baum auch keinen Bock. Ab und zu ein Paar Felsanhäufungen, als würde die Landschaft dafür üben, den Canyonlands den Rang abzulaufen. Nur die Farbe lässt zu wünschen übrig: sperlingsgrau.

Die Restaurants sind zugeschnitten auf das Publikum, also hält man beim Schnellfress. Nächste Regel: Einfach umschauen, in der Regel gibt es ringsum Besseres. In Rock Springs wirbt ein Laden mit Espresso, nichts wie hin! Leider ist die Maschine kaputt (wahrscheinlich seit 1987) und das restliche Angebot Komplettmüll, so dass ich bei McDonald's lande und eine Art Salat ordere. Kurz vor der Abfahrt, nach 30 Minuten Aufenthalt, fällt einer Frau ein, dass sie eigentlich hier aussteigen muss. Fahrer Marv ist entgeistert. Der Tunnel vor Green River entlockt manchen Mitreisenden Schreie des Entzückens, dabei ist er gerade mal 250 Meter lang. Wir bewegen uns auf den Pfaden des Overland-Trails. Sieben Stunden durch Wyoming, räsonniert Marv, die Pioniere haben sieben Wochen gebraucht und es gab nicht mal Salat! "Wir jagen das Tageslicht!", ruft der Junge begeistert.

Ab Evanston geht es bergab, Himmel, ich habe gar nicht gewusst, wie weit oben wir waren, eine Talfahrt sondergleichen. Utah fängt toll an, mit einem "Port of Entry", in dem wir auf die Waage müssen, das habe ich mit einem Bus noch nie erlebt und erscheint mir hyperalbern. Vielleicht leiden die hier unter extremer Stau-Unterversorgung. Dafür bieten sie wieder diese spektakulären roten Sandsteinfelsen, die im Abendrot natürlich noch roter schillern. Ja, landschaftlich hat Utah eine Menge zu bieten. Seit bald 12 Meilen geht es nun schon bergab, und irgendwann scheinen wir den Tiefpunkt der Reise erreicht zu haben: Den Busterminal von Salt Lake City. Hier werden die Fahrer und Bus gewechselt, Marv macht Feierabend. Leider, wie sich schnell herausstellt.

Man ist gut beraten, sich gleich seinen Koffer zu schnappen und sich wieder einzureihen. Sowieso hat der Busbahnhof nicht viel zu bieten, es ist schmuddelig, man kommt gar nicht nach mit Händewaschen. Busbahnhöfe üben eine magische Anziehungskraft auf Verzweifelte aus, die nicht nur Reisende anbetteln wollen, sondern die Station zum Ausgangspunkt ihrer Reisen im Kopf machen, so wie sich in den frühen 60er Jahren die sog. "Gastarbeiter" wie auf Verabredung auf den Bahnhöfen getroffen und sehnsüchtig den Zügen in den Süden nachgeschaut haben. In solchen Lokalitäten erlebt man häufiger Menschen ohne Contenance. Eine dunkelhäutigen Frau regt sich lautstark vor dem Schalter über irgendetwas auf, man ruft die Polizei, die eine Fahrradstreife schickt. Will man die Lady auf dem Gepäckträger abtransportieren?

Mexikanische Erntegeschwader warten, im Bus sind wir alle gleich, Gott sei Dank halten wir "Transfers" in den Händen, die uns bevorzugten Einstieg ermöglichen sollen. Die ignoriert der neue Fahrer zunächst, man muss immer auf der Hut sein und ihn in dem Fall darauf hinweisen. Der Kerl ist eine Fehlbesetzung, unsouverän, unlocker, aber schon nach zwei Stunden heisst es: Greyhound reloaded. Einem leicht lallenden Jugendlichen hat er den Zutritt verweigert. Spass versteht er keinen, er ist ein Hundertfünfzigprozentiger. Als bei seiner Eröffnungsansprache ein paar Kids zu kichern anfangen, bremst er abrupt ab und stellt klar, dass er sie beim nächsten Mal rausschmeisst. "Willkommen in der Hölle!", wird denn auch die Blondine - Typ Cheerleader - begrüsst, die in Ogden zusteigt. Jetzt kommt mächtig viel Testosteron ins Spiel, die Jungs laufen zur Hochform auf. Bedrohlich ist das nicht, nur kindisch. Warum der Busfahrer in Tremonton die Polizei holt und zwei Burschen aus Texas vor die Tür setzen lässt um viertel nach eins in der Früh - keine Ahnung. Völlig überreagiert. Die mexikanischen unter den Reisenden wissen gar nicht, wo sie hingucken sollen. Derweil kommt der Besitzer mit Besen und Kehrblech aus dem Laden, um die Kippen, die die unzüchtigen Ausserstaatlichen auf dem himmlischen Boden von Utah hinterlassen haben, zusammenzufegen. Im Bus ist es fortan dunkel, viel gelesen wird im Greyhound ohnehin nicht. Das Radio ist mein unbestechlicher Begleiter, selbst wenn sie einem wie in Utah ständig Vokabeln wie Jesus, Lord, etc. um die Ohren hauen. Wenn einem Amerika zu sehr auf die Pelle rückt, empfiehlt sich Klassik auf NPR als Gegenmittel. Im Moment kommt das sehr gut, beruhigende Momente mit einem Anflug von Magie in einem Bus, in dem die Stimmung ansonsten auf Null ist. Der Fahrer hat es wirklich verstanden, alle gegen sich aufzubringen. Wie der Typ in der Reihe hinter mir, ein schmächtiger Greyhound-Romeo, seine Nachbarin anbaggert, kriegt er allerdings nicht mit. Wie viele Kinder wohl auf Greyhoundsitzbänken gezeugt worden sind? So weit geht es heute gottlob nicht.

Wer einmal nachts in Burley, Idaho an der Busstation vorgefahren ist, so gegen vier (dank halbstündiger Verspätung), bei Vollmond, der diesen Mexikaner mit seinem mächtigen Hut illuminiert, kriegt ein schönes Bild dieses Landes, das niemals schläft, nicht mal in Burley. Der Mann kann von Glück reden, dass in Utah zwei Plätze frei geworden sind, was würde er sonst machen? Die vielen Lichter scheinen unablässig Botschaften nach oben zu blinken, um sich der Zuneigung desjenigen zu versichern, der mittlerweile für vieles herhalten muss in Amerika. Ich frage mich, ob sich die Amerikaner via Religion sich nicht einfach ein wenig Geschichte einverleiben möchten.

Der Fahrer ist wirklich lausig, nach einer Weile gebe ich es auf, sein Gesicht im Rückspiegel zu beobachten, denn dass er dauernd seine Augen fest zusammenkneift und wieder aufreisst, ist kein ermutigender Anblick, ebenso wenig das unablässige Schulternkneten. Dabei drückt er mächtig auf die Tube, um die Verspätung aufzuholen, die er selbst verursacht hat. Noch 120 Meilen bis Boise! Sinnlose Schilder wie "Waldbrände melden!" Weit und breit sehe ich keinen Wald, überhaupt nichts brennbares ausser Gestrüpp. Der Zeitung habe ich entnehmen dürfen, dass es in Washington State weniger Waldbrände geben wird in diesem Jahr, weil die Wälder schon in den vergangenen zehn Jahren niedergebrannt sind. Aha. Boise empfängt mich morgens um acht mit etwa 20 Heissluftballons, sehr aufmerksam. Hier hatte ich ursprünglich einen Tag Pause geplant: Nahrungsmittel, Hygiene, Schlaf, diese Dinge. Der Taxifahrer erzählt mir, er habe einmal vom Terminal aus einen Fahrgast nach Reno gefahren, das sind schlappe 430 Meilen. Es tut gut, wieder im Nordwesten zu sein. Erst einmal einen Espresso im Record Exchange (mit integriertem Plattenladen). Im Verlaufe des Tages beschliesse ich, den Greyhound sein zu lassen, zumal mir Horizon Air einen guten Tarif anbietet. Mit dem Taxi wäre es mir nach Seattle zu teuer. Ich mache zwar damit meine Hausaufgaben nicht vollständig, aber das hat schon seit der Schule Tradition. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mir nach 18 Stunden non-stop Greyhound noch irgendwelche Erkenntnisse von Bedeutung liefern kann. Es ist unverändert die intensivste Art, Amerika kennen zu lernen, von unten, und so lange es dieses Angebot noch gibt, sollte man es unbedingt nutzen. Und dabei ständig auf der Hut sein. Und zwischendrin möglichst Übernachtungen in Hotels einplanen. Und nach Alternativen schauen: Von Boise verkehrt z.B. eine Buslinie namens Boise-Winnemucca Stages nach Spokane. Andere grosse Betreiber im Westen sind Jefferson Lines, Rimrock Stages, und landesweit natürlich Trailways.

Dem Unternehmen geht es seit geraumer Zeit nicht gut. Unzählige Hindernisse hat Greyhound in den letzten Jahren umfahren müssen: Die Deregulierung des Flugverkehrs kostete Kundschaft, der Streik von 1983 trieb die Firma fast in den Ruin, dazu häufige Besitzerwechsel mit den entsprechenden Kurswechseln. Nach 9-11 sanken die Passagierzahlen weiter, in den letzten beiden Jahren fuhr man 140 Mio. Dollar Verlust ein. Gerade haben sie allein im Westen 81 Destinationen gestrichen, Orte wie Lyle, Wash. oder Deer Lodge, Mont., in denen der Bus für die einzige Verbindung zur Aussenwelt sorgte. Ohne Bus ist Zigzag, Ore., nichts anderes als Isolationsfolter für die Immobilen. Ein dicker Hund. "Jede Meile eine prächtige Meile, jeder Highway ein Streifen Samt", versprach eine Werbung in besseren Tagen. Wer die Grösse dieses Landes erfahren wollte, war mit Bus und Bahn bestens bedient. Art-déco-Busbahnhöfe wie in Pocatello, Ida., gereichten jeder Stadt zur Zier. Der in Boise ist leider Standard. Sein Glück, dass mich der zweite Fahrer nicht gefragt hat, wie mir sein Fahrstil gefallen hat: Nicht die Bohne! Dafür ist Boise die optimale Pferdewechselstation, und abends lasse ich mir von den thailändischen Chilis im Restaurant Mai-Tai die Schleimhäute freischmirgeln.

Ich bin ja stets nur auf der Durchreise, just another town along the road, aber was ist mit den armen Eingeborenen, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind? Wie schon der grosse Elmore James bemerkte: "Wer zu Fuss geht, macht sich verdächtig!" Irgendwann, wenn wir nicht aufpassen, werden sie den Busbetrieb komplett aus dem Geschäft rausnehmen und sich ausschliesslich mit dem Greyhoundmuseum in Hibbing, Minn., beschäftigen. Nach Hibbing kommt man nebenbei nicht mit dem Bus. Was ist los? Sind die Bilanzen schuld oder sitzen die Windhunde woanders? Die Automobillobby in Washington, die schon das Eisenbahnwesen an den Rand des Abgrunds getrieben hat? Autoverleiher, die sich die missliebige Konkurrenz vom Hals schaffen möchten? Das Ministerium für Heimatschutz, das unkontrollierte Reisetätigkeiten unterbinden will? Wie sollen entlassene Sträflinge reisen? Will man die Führerscheinlosen weiter stigmatisieren? Na dann goodnight, Vermillion! Eins ist klar: Wenn Greyhound auf den Hund kommt, geht ein weiteres Stück dieses stets grossartigen Landes. Diese Tiere gehören unbedingt unter Artenschutz. Ohne Greyhound verschwinden die sehnsüchtigen Schmachtlieder und somit ein Stück Alltagskultur. Songs wie Sara Evans': "Head on down with the windows up … she fell in love on the backseat of a Greyhound bus" sind dann nur noch eine Reminiszenz. Schon oft habe ich das Unternehmen verflucht, aber letztlich vermag ich mich seinem spröden Charme nicht auf Dauer zu entziehen.

www.greyhound.com

Toll free 1-800-231-2222

© Thomas C. Breuer Rottweil 11.07.2005

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Aktualisiert am 09.09.2009