Zum Text springen


Lesen Sie doch grad, was Sie wollen >> Logbuch:

Kanadabalsam

größeres Bild
Foto T.C.Breuer
Yellowknife, North-West Territories

Ich hab nicht viel Zeit, Sie müssen entschuldigen, wenn ich noch was von Kanada sehen will, muss ich mich beeilen. Früher haben Kanadier steif- und festgefroren behauptet, es gäbe überhaupt nur zwei Jahreszeiten: "Winter & getting ready for winter". (Beliebte Variante: Winter & road construction ) Die Amerikaner gehen davon aus, dass alle Canucks in Iglus wohnen. Ich habe stets geglaubt, Kanadier seien kälteresistent, weil sie sich kurzbehost ins Strassencafé setzen, sobald die Aussentemperaturen drei Grad Celsius übersteigen. Ich war mir sicher: Der Kanadier heizt sich von innen auf. Wer z.B. den Halifax Visitors Guide aufschlägt, sieht gleich auf Seite 2 - weit vor den Notfallnummern - eine ganzseitige, vierfarbige Anzeige der Nova Scotia Liquor Commission, in der penibel sämtliche Schnapsläden der Provinz aufgelistet werden - auf Seite 2! Diese Zeiten sind vorbei.

Goodbye Packeis, oder wie die Franzosen sagen: Arrivederci, denn das Eis schmilzt, die Staatsfläche schrumpft schneller als gedacht, dazu eklatanter Schneemangel - von den letzten fünf Wintern waren vier genaugenommen Sommer. Weiss gar nicht, wieso die überall Staudämme bauen - harmlose Bäche verwandeln sich in reissende Fluten, sogar die Biberdämme werden hinfort gespült, die Kanadier sehen ihre Felle davonschwimmen, nicht mal die Niagarafälle sind, was sie mal waren. Im vergangenen Winter wurden 60 Hundeschlittenrennen abgesagt, weil die Temperaturen einfach zu mild sind. Die Tourismusbranche in Florida und auf Jamaica liegt darnieder, seit Kanadier ihre häufig tropischen Winter im eigenen Garten verbringen.

Eistaucher sind beschäftigungslos, Eisbären müssen zu Grizzleys umgeschult werden, Schlittenhunde werden depressiv. Schnee findet sich höchstens in den Nachtclubs von Toronto. Auch Céline Dion, die Spitze des Eisbergs, geht weg, singt ab sofort drei Jahre non-stop in Las Vegas. Die Eishockey-Goldmedaille in Salt Lake City war wahrscheinlich die letzte ihrer Art, bald müssen sie auf Feldhockey umsteigen - und da kriegen sie es mit den Deutschen und den Pakistani zu tun. Es ist einfach zu warm. Nur die Verkäufer von Tiefkühltruhen reiben sich die Hände. Kanada verschwindet von der Landkarte, disintegriert. Bald funktioniert der alte Kalauer: Kanada - keiner da! Die Fische sind aus den Gewässern verschwunden, viele Arten konnten sich nur durch einen gezielten Hechtsprung in Sicherheit bringen. An der Pazifikküste kehren die Fischer immer häufiger mit leeren Netzen heim und suchen ihr Heil im Alkohol, z.B. zur berüchtigten Unhappy Hour in der Racuda-Bar in Kitimat. Das soziale Netz zeigt Risse. Kanada verschwindet, der Begriff "National Moving Day" erhält bald eine völlig andere Bedeutung. Die englische Sprache verabschiedet sich aus Québec und Québec womöglich aus Kanada. Ich bin kein Ahornochse, aber Kanada ohne Québec bzw. Québec ohne Kanada scheint mir so beeindruckend zu sein wie ein Mountie ohne Pferd.

Es war in Montréal, wo ich mal diese hübsche Wandschmiererei gesehen habe: "Le Nationalisme - cèst cool!" Dafür allerdings, dass die Québecois alles Anglo-Amerikanische verabscheuen, sind die McDonald's und Burger Kings erstaunlich voll. Warum will Québec ins Separée? Pro Winz, für das Winzige?

größeres Bild
Foto T.C.Breuer
Whitehorse, Yukon

Absurd. Vor einer Abspaltung kann man nur dringend abraten. Am Ende müssten sie sich irgendwann aus wirtschaftlichen Gründen wiedervereinigen - und eine Wiedervereinigung, da kennen wir Deutsche uns aus, bereitet nur wenig Freude. Irgendwas wollte ich noch zum ewigen Thema gesagt haben, aber ich erinnere mich nicht. Witze darf ich mir als Gast schon grad nicht erlauben, das muss ich denen überlassen, die sich damit auskennen, den sog. Stand-up Canadians. Obwohl: Ich habe hier viel Geld investiert, über die horrenden airport improvement fees bin ich an mehreren Flughäfen beteiligt, sogar am vorsintflutlichen Flughafen der angeblich ältesten Stadt Nordamerikas: Vancouver, B.C. - Before Christ. (Merkwürdig, weil auch der südliche Nachbar an der Pazifikküste diese Initialen im Namen trägt: Baja California.)

Kanada und die States darf man keinesfalls in einen Topf werfen, die Unterschiede sind gewaltig. In Amerika dürfen Terroristen Flugschulen besuchen, in Kanada ist das nicht erlaubt. Das Verhältnis beider Länder ist nicht ohne Probleme, allein die Plakatwand vor Jahren in Edmonton: "Find out what pasta was like before Americans got hold of it!" Ein Leben ohne Probleme wäre allerdings langweilig. Nur eine Frage sei gestattet: Wenn man den südlichen Nachbarn nicht ausstehen kann, wieso drängeln sich die meisten Kanadier so dicht an der Grenze?

Eines steht fest: Kanada ist wesentlich sauberer als die Vereinigten Staaten. Aussenszenen von U.S.-Filmen werden gerne in (z.B.) Toronto gedreht, weil es nicht soviel kostet und die Behörden kooperativ sind, was Drehgenehmigungen angeht. Die Sache hat nur einen Haken: die Strassen sind so rein, dass die Amerikaner der Authentizität halber ihren eigenen Müll mitbringen müssen. Im Ernst! Es gibt die Geschichte dieser Filmcrew, die in T.O. liebevoll eine abgesperrte Strasse mit Müll verzierte. Zu einer kurzen Besprechung zog man sich in den Wohnwagen zurück und als man eine Viertelstunde später wieder rauskam, war der ganze Dreck verschwunden. Auch auf dem Land geht es fleckenlos zu: damit die Ahornbäume nicht mit ihrem Saft den Erdboden bekleckern, hängen Eimerchen dran. Warum die Kanadier noch ganz sauber sind? Nun, Nova Scotia beispielsweise wurde bevorzugt von protestantischen Deutschen und Schweizern besiedelt. Die waren den Briten willkommen, galten sie doch als unpolitisch, unproblematisch, arbeitswillig - und reinlich. Aber bis auf den heutigen Tag haben Deutsche und Kanadier einiges gemeinsam - Wölfe z.B. - die Reisswölfe in den Parteizentralen in Berlin und Ottawa. Oder das Nationalgericht: Pizza. Kleiner Scherz! Natürlich weiss ich, dass die Lieblingsspeise der Kanadier Elchsteak in Ahornsirup ist. Dieses grosse Land hat mir auch eines der schönsten Wörter der deutschen Sprache spendiert: Insgesamt 12 Buchstaben, 5 davon ein A! Kanadabalsam! Ungetrübt ist unser Verhältnis allerdings nicht: ich verweise nur auf die jahrhundertealte Erbfeindschaft zwischen Jacques Villeneuve und Michael Schumacher. Aber mit den Amis können wir einfach nicht mithalten. Kanadische Touristen sind neben den Schweizern die einzigen, die ihre Nationalflagge auf alle verfügbaren Gepäck- und Kleidungsstücke kleben, nähen oder einbrennen, um sicher zu gehen, nicht mit den hässlichen Amerikanern verwechselt zu werden.

größeres Bild
Foto T.C.Breuer
Dildo, Newfoundland

Nur um den südlichen Nachbarn zu ärgern, benutzt der Kanadier das metrische System. Auf den Schildern fällt die notorische Zweisprachigkeit auf. Grafiker haben nichts zu lachen: zweifache Arbeit - und teuer dazu, für alle Verkehrsschilder braucht man die doppelte Menge Farbe zum Beschriften. Auch die Durchsagen der Flugzeiten bei Air Canada hört man auf englisch und französisch - und merkwürdigerweise sind sie selten identisch: "Flying time is about 4 hours and 15 minutes, eh!", auf französisch dagegen: "Nous fliegerons 4 heures and 14 minutes, hein." Merkwürdig auch, dass man beim Zappen durch's Fernsehprogramm auf ca. 28 Kanälen Eishockey zu sehen kriegt und auf den restlichen Lacrosse. Noch dazu, wo eine uramerikanische Sportart wie Basketball von einem Kanadier namens Naismith erfunden wurde. Kanadier scheinen nur in den Wintersportarten zu funktionieren: allen voran Eisessen. Aber eben nicht mehr lange!

Kanada ist ein wildes Land. 85 % der Fläche New Brunswicks ist mit Wald bedeckt, der Rest ist Wildnis. Irgendwann verschlug es mich mal an den Yukon. In Whitehorse sieht man unglaubliche viele Autos mit Kanus auf dem Dach. Die Erklärung: Da Draussen gibt es viele Flüsse, aber kaum Brücken. Wenn man mit seinem Allrader also an irgendein Gewässer kommt, dreht man das ganze Ding einfach um. Sowieso fragt man sich als Aussenstehender: Was mag halbwegs vernünftige Menschen dazu bewegen, in die Öde zu ziehen, beispielsweise nach Ft. McMurray in Alberta? Die Antwort: Geld. Zaster. Flocken. Dort droben liegen unvorstellbare Ölvorkommen. Arbeiter verdienen nicht selten an die $ 4.000 die Woche. Ausgeben können sie das Geld nicht, wo denn, wofür denn? Nur Alkohol und Einhandsegeln. Selbst ein simpler Ambulanzfahrer kommt auf einen Wochenlohn von $ 3.000. Wobei auf solche Leute ein Haufen Arbeit wartet. die Trinkgewohnheiten provozieren Schlägereien, Autounfälle sind an der Tagesordnung. Die Einerkanadier, die das rauhe Leben up north heil überstehen, sind auf hohe Einkommen angewiesen, vor allem für die Lebertransplantation. Für mich wär' das alles nix - wenn die Wildnis ruft, sag ihr, ich rufe zurück.

Im Vergleich zu den Staaten zeichnet Kanada eine geringere Kriminalität und weniger Rassismus aus. Dennoch scheinen sich viele Kanadier in ihrem eigenen Land nicht so recht glücklich zu fühlen. Ist es die ausbleibende Kälte? Keiner weiss es. Aus dem ehedem klassischen Einwandererland ist ein Auswandererland geworden: allein in South Dakota leben mittlerweile über 30.000 Kanadagänse. Das gibt mir zu denken. Jetzt aber muss ich mich erstmal sputen!

© Thomas C. Breuer Heidelberg 18.03.2002

^ nach oben

Aktualisiert am 09.09.2009