Welcome to Luanville
Aimee Mann schwärmt davon, tut es. Wondratschek hyperventiliert darüber in seinen Gedichten und Essays. Jan Philipp Reemtsma ist ergebener Fan. Wer hätte Bob Dylan in dieser Reihe vermutet, der sogar seine eigene Trainingshalle besitzt.
In den internationalen Gazetten kommt der Rottweiler nicht allzu gut weg, vor allem die englische Boulevardpresse missbraucht ihn an vorderster Front, tituliert Camilla als Rottweiler, und als Ratzinger zum Papst gekürt wurde, steigerte man sich - übrigens gar nicht mal so unpassend - zur Schlagzeile: "God's Rottweiler". In Rottweil selbst tut man sich daher schwer, andere Sympathieträger zu finden, folglich geht man mit den vorhandenen in die Offensive. Der bekannteste Rottweiler ist ein Boxer. Auf Hunde bezogen, haben wir da nicht gerade die anheimelndsten Vertreter der Canine beisammen: Rottweiler-Boxer, das tönt nach Mischling. Hier aber handelt es sich um einen Boxer aus der schillernden Welt des Sports, der Rottweil derzeit international auf die Landkarte drischt, überraschenderweise steht ihm dabei seine Herkunft nicht im Weg, er ist Kosovo-Albaner, eine Nationalität, die normalerweise eher eine verhaltene Akzeptanz in der Bevölkerung hervorruft. Andererseits ist Boxen keine so ungewöhnliche Sportart für Menschen aus der Gegend um Prizren, Eiskunstlauf wäre das schon eher.
In den 90ern feierte Deutschland seine eigenen Heroen, Henry Maske als Symbol der Wiedervereinigung, wir waren wieder wer, Axel Schulz, aber hallo, anscheinend kamen die Säuglinge in Frankfurt/Oder mit Fäustlingen zur Welt. Boxen war nicht länger Milieusport, sondern edel, gut und irgendwie sogar hilfreich: Selbst ein K.O. war o.k., sogar irgendwo auch p.c., denn schliesslich donnerten da zwei handschuhbewehrte Gestalten stellvertretend für uns alle ihre Aggros raus. Boxen war über Nacht ein Erlebnis, ein event, die Luden und Nutten wurden auf die hinteren Ränge verwiesen, jetzt sassen da andere, bei denen es nicht gleich auffiel, jedenfalls ohne Goldkettchen, erfolgreiche Jungunternehmer, die selber im "Gym" Faust anlegten und die hohe Schule der niederen Instinkte durchliefen. Man sah davon ab, ungalant Champagnerkelche in Richtung Ringrichter zu schmeissen oder dem Faustrecht auch nach dem Kampf Gültigkeit zu verschaffen. Natürlich sah man Politiker, Intellektuelle und Unterhaltungsbranchler, die Promoter mussten nur Minimum 600 Mark für einen Platz am Ring verlangen und eine Schampussteigleitung legen lassen, schon kamen die Reichen und die Schönen, die dort als ihre eigene Bandenwerbung posierten.
Boxen lief zur besten Sendezeit, gespickt mit Hymnen wie "Conquest of Paradise" von Vangelis oder den Arien von Benjamino Gigli, und im Abspann der RTL-Übertragung - hier gab es mal einen - stand der Begriff "Ablaufregie" zu lesen, vielleicht eines der Schlüsselwörter des Booms: Boxen war gesitteter geworden, ordentlicher, hygienischer. Gegner durften nicht mehr mit Mundgeruch demoralisiert werden, da stand schon Sir Henry für, der nicht nur Mundbakterien, sondern das schlechte Image des Boxsports sozusagen im Alleingang besiegt hatte. Kein anderer liess derart leichtfüssig Tränen der Rührung und des Nationalstolzes sowie Sponsorengelder fliessen, selbst wenn er dabei Neger verdrosch. Kein Rohling wie Tyson, der mal davon geschwärmt hat, wie schön es sei, seinem Gegner das Nasenbein ins Hirn zu treiben. Dank Sir Henry wissen wir heute, dass es so etwas in einem Boxerschädel überhaupt gibt. Er war Rollenmodell und Leitwolf, er steckte den Orientierungsrahmen neu. Höchstens Pavarotti hätte ihn übertrumpfen können, wenn er sich als Sumo-Ringer geoutet hätte. Bei Sir Henry erhob sich der Geist über die Materie, das begeisterte sogar Schwerintellektuelle und selbst von professionell Sensiblen hörte man nicht länger dumme Sätze wie "Ich mag Boxen nur, wenn es total gewaltfrei ist".
Die Zeiten haben sich geändert, Maske und Schulz sind in Pension, mit Nachfolgern tut man sich schwer, da muss man halt Kämpfer aus dem Ausland adoptieren: Für einen Polen wie Dariusz Michalczewski haben wir sogar die Ausländergesetze für einen Moment grosszügiger ausgelegt, weil der seine Konfliktbewältigungen zumindest eine Zeit lang so ursprünglich gehandhabt hat, dass man ihn enthusiastisch den Tiger nannte. Bis zum Haarfestiger war es dann nicht mehr weit. Dann waren da die Klitschkos, na ja, na gut, aber warum eigentlich nicht? Solange sie sich anständig benehmen und ihr Gastland loben.
Ein Massenerlebnis trotz hoher Niederschlagmengen. Als Boris kam, hiessen ordinäre Arztsocken von einem Tag auf den anderen plötzlich Tennissocken. Nun eroberten Boxershorts immer mehr Marktanteile. Für die folgende Generation ist Boxen der Ring fürs Leben, auch wenn die Kämpfe von Männern beaufsichtigt werden, die allem Anschein nach nicht weiter als bis 9 zählen können. Anders Luan Krasniqi, der sich für das Boxprojekt des Kreissozialamtes engagiert und somit als eine Art Bildungsboxer zu gelten hat. Bildungsboxer nannte man früher Lehrer.
Vielleicht berichtete deshalb die "alternative" Presse so detailliert wie engagiert über das Geschehen, und auch ein Teil der "Szene" hatte sich Chez Yves vor der Grossleinwand eingefunden, jeder Besucher ein Angelo Dundee. Rottweil flatierte seinem Helden, natürlich auch in Ermangelung anderer Sportasse, und angeregt wurde über das offizielle Kampfgewicht diskutiert, als gäbe es auch ein inoffizielles. Ich ertappte mich dabei, selbst frühmorgens im Internet ergebnishalber die Sportseiten anzuklicken, war aber leider einen ganzen Tag zu früh dran. So ganz begreife ich als bekennendes Weichei diesen Sport natürlich nicht. Wenn die Scheinwerfer aufflammen und meistens grässliche Rockmusik ertönt und dann diese Gestalten durch die Gasse kommen, wobei die Hände der Begleiter auf den Schultern des Protagonisten ruhen wie in Amerika die Pranken der Wärter auf denen des Delinquenten auf dem Weg zur Hinrichtung; das Prickeln will sich bei mir nicht recht einstellen, und da gibt es noch etwas, das ich nicht kapiere: Wozu braucht ein Boxer Security? Ich meine, wenn so ein Kraftpaket sich nicht mal seiner Haut wehren kann, hat es dann nicht den Beruf verfehlt?
So richtig Hochglanz ist das alles auch nicht mehr, der Kampf fand in Stuttgart statt, bisher nicht unbedingt als "Las Vegas der Schwaben" in Erscheinung getreten. Aber unverändert handelt es sich um eine Sportart, an der es nichts zu deuteln gibt: "Gerade", "Rechte", das sind Vokabeln, die einfach passen in diese Welt wachsender geistiger Unterforderung und Orientierungslosigkeit, wiewohl uns Heiner Lauterbach sicher gelegentlich das ausgeleierte Hemingway-Zitat von den "grossen Momenten der Wahrheit" um die Ohren hauen wird oder irgendetwas anderes Sinnreiches aus der Geisteswelt zwischen Bodycheck und Wondratscheck. VIP ist schliesslich das Kürzel für Vipern, und wer kennt schon den amerikanischen Schriftsteller John Fante, der einmal geschrieben hat: "Sie bedachten ein Kunstwerk mit demselben Beifall wie einen Boxkampf". Und wer hat die Zeit, zwischen den Seilen zu lesen, jetzt, wo der Existenzkampf allgemein härter geworden ist und ein Boxkampf daher eine treffende Metapher dafür? Der einzige Haken an der Sache ist ein Aufwärtshaken und wer heute behauptet, Boxen sei nichts anderes als die Produktion zukünftiger Behindertensportler, der wird zu Sozialarbeit nicht unter 5 Jahren verurteilt. Frauen lockt er damit jedenfalls keine an, 50 % aller Zuschauer sind übrigens weiblich, die uns entflammt erklären, wie es um das Herz eines Boxers tatsächlich bestellt ist. Von den Litfaßsäulen starrt mich eine Frau in Unterwäsche an, und noch während ich denke, ob die für ein Model nicht ein bisschen zu kräftig ist, muss ich mir anhören, es handele sich um eine Boxerin. Meinetwegen.
Der Rottweiler Boxer blickt nach seinem letzten - ungemein erfolgreichen - Kampf auf den Fotos etwas treuherzig drein wie ein Kuschelboxer, um den Hals lässig ein Frotteehandtuch drapiert, als wäre es der Schal von Johannes Heesters. Ich habe natürlich nichts gegen den Mann, ich würde es nicht für sonderlich ratsam halten, despektierlich über einen Schwergewichtler zu reden, der gekonnt die Fäuste schwingen lässt und keine zwei Kilometer Luftlinie entfernt lebt, aber die Hysterie, die er bei den Schwaben entfacht, die sonst nur zur Fasnet aus dem Knick kommen, ist erstaunlich: Autokorso im Kabrio, Empfang auf dem Rathausbalkon, der Oberbürgermeister lässt sich das natürlich nicht entgehen, in den Jubel mit einzutauchen und für die Presse mal seine Faust zu ballen. Luan Krasniqi ist ein Identitätsstifter, dafür gebührt ihm Lob, obwohl ich auch nichts dagegen hätte, wenn es eine Hiphop-Band wäre, die Rottweil über die Grenzen hinaus bekannt macht. Wenn Luan Weltmeister wird, heisst Rottweil vielleicht bald Luanville, denn laut eigenem Bekunden fühlt er sich unter den "ehrlichen Menschen von Rottweil wohl" (Schwarzwälder Bote vom 1. Juni 2005) und möglicherweise geht er ja dann in die Politik wie weiland Jesse Ventura oder heuer Arnie und dafür fängt der OB an zu boxen. Es müsste nicht zum Schaden der Stadt sein.
©Thomas C. Breuer Rottweil 28.07.2005