Mango Lodge. Côte d'Or. Praslin. Seychelles
Nostalgisch veranlagten Flugreisenden sei der Inlandsflughafen (Domestic Terminal) von Mahé auf den Seychellen empfohlen, gleich neben dem "erwachsenen" Airport. Wer noch einmal so richtig nach Herzenslust paffen möchte, stark übergewichtiges Gepäck aufgeben und das Handgepäck irgendwo unbeaufsichtigt herumstehen und Einliterflaschen mit Wasser durch die Kontrolle schleusen will, wo das Personal in entspannter, legerer Atmosphäre eine geradezu rührende Sicherheitspantomime hinlegt, ist hier an der richtigen Adresse. Der Flug von Mahé zur Nachbarsinsel Praslin dauert gerade mal 15 Minuten, erwarten Sie also keine Mahlzeiten oder Filme. Auf Praslin freuen sich schon die Taxifahrer auf Sie, die Ihnen für die Fahrt auf die andere Seite der Küste 30 Euro abknöpfen. Und gerne auch Ihr Geld wechseln. Jeder will hier Geld wechseln, auf Kuba kann es nicht schlimmer sein. Jeder Kurs unter 10 Rupies auf einen Euro - Finger weg! Das wirklich komische daran: In vielen Läden, Restaurants, Hotels kann man gar nicht mit Rupies bezahlen.
Viele Hotels auf den Seychellen bieten die sog. Selbstverpflegung (self-catering) an. Leider gibt es in den Läden wenig zu kaufen. Frischen Fisch muss man sich an der Strasse besorgen, Gemüse, tja, Gemüse … schwierig. In den Geschäften schon mal nicht. Man muss die Augen offen halten. Manchmal bilden sich spontane Verkaufsstände. Manchmal bilden sich Schlangen in Supermärkten. In Victoria der Markt, natürlich, aber der ist auf Mahé. Ich werde das Gefühl nicht los, das die Seychellois (Seselwa auf kreolisch) die Kubaner parodieren. Dabei befinden wir uns in Afrika. Gut, im Land mit dem höchsten afrikanischen Lebensstandard, aber trotzdem. Es gibt Läden, in die man gar nicht richtig hineinkommt, gleich am Eingang eine lange Theke, und wenn man beim diensthabenden Inder eine Bestellung aufgibt, muss man genau wissen, was man will.
Die Mango Lodge ist kein Strandhotel, erschrecken Sie also nicht, wenn der Taxifahrer plötzlich fast senkrecht den Berg hinauf fährt. Sowieso sollte man bei den engen Strassen als Beifahrer nie so genau hinsehen. Gut, der wirklich bezaubernde Strand befindet sich in Sichtweite, alles auf der Insel ist in Strandnähe, allerdings 150 Meter unter einem. Wenn Sie aber von Kevin, dem Besitzer mit den Rastazotteln, einem netten Kerl, in das Häuschen geführt werden, wird der Schrecken über die Bacardiferne augenblicklich gelindert, denn dem Betrachter entbietet sich ein grandioser Anblick, der einem in einem Prospekt abgebildet sofort misstrauisch machen würde. Aber nein, hier ist nichts nachkoloriert, weder der Strand noch die Palmen noch der Indische Ozean in all seinen Blau-, Grün- und Türkisschattierungen. Wenn man auf dem Terrassendeck steht, weiss man: Hier will man nie wieder weg. Leider muss man aber, nicht zuletzt wegen der Selbstverpflegung.
Ein Mietwagen ist unabdingbar, denn die Vorstellung, die ganzen Container an Seybrew-Flaschen den Berg hinaufzuwuchten, ist eine grauenhafte. Das Bier ist nämlich sehr lecker hier und das Wetter macht durstig. Den Mietwagen sollten Sie sich möglichst selbst besorgen. In der Mango Lodge ist man zwar sehr hilfsbereit, aber nicht immer effektiv. Gegenüber der Hauptinsel Mahé hat sich hier das allgemeine Tempo noch einmal halbiert, und bei jedweden Versprechungen und Abmachungen sollte man unbedingt nachhaken, wenn Sie wissen, was ich meine. Auf Praslin gibt es sicher doppelt so viele Rastafari wie auf Mahé, da passen zufällig eine Menge Klischees. Termine sind nur als sehr grober Zeitrahmen zu interpretieren, und wer beispielsweise Wäsche zum Waschen gibt, sollte nicht zu sehr an den Farben seiner Kleidung hängen. Inselgroove. Dabei sind die Jungs durchaus geschäftstüchtig, betreiben unten im Ort noch ein Wassersportgeschäft, in dem man u.a. Schnorcheltouren buchen kann.
Die Mango Lodge besteht aus einigen Steinhäusern, die sich an den Hang ducken, aber richtig herausragend sind die kleinen Chalets aus Holz mit den grünen Wellblechdächern, herausragend im wahrsten Sinne des Wortes, in den freien Raum hinaus auf Stelzen gebaut, grazil, fragil, aber stabil, so wird jedenfalls versichert. Einfach ein Dach mit ein paar Brettern drunter, innen mit Mahagoni verkleidet - ja, in den Tropen ist das noch erlaubt, Tropenholz zu verbauen. Hier also findet sich tatsächlich das für diese Breiten oft beschworene Paradies, vor allem im Vergleich zu den beklagenswerten Resorts unten an der Küste, deren Spassgetöse mitunter sogar das Grummeln der Brandung übertönt. Sonst aber dominieren die gelegentlich jaulenden Hunde und das Gefirpse und Gezirpse der Nachrichtenagenturen der Frösche und Zikaden, die unablässig ihre "breaking news" über ihren akustischen Ticker laufen lassen. Nicht zu vergessen in der Abenddämmerung, in den Tropen - etwa 7" südlich des Äquators - stets ein Quickie, das gigantische Vogelorchester, das im Schutze eines mächtigen Baumes die Tagesereignisse referiert. Das ist dann auch die Stunde der Mücken, immerhin erfreulich malariafrei, aber dennoch unbestechlich in der Wahl ihrer Opfer, und man ist froh über diese Kräuterspirale namens Mosfly, deren weihrauchähnlichen Dämpfe die Viecher weitgehend fernhalten. Die Flughunde drehen ihre Runden, "fruitbats" auf englisch, weil sie bekennende Vegetarier sind, im Gegensatz zu den Einheimischen, die sie gelegentlich als Eintopf verspeisen. Auf der Seybrewflasche bilden sich Perlen, und gelassenen Blickes geniesst man die hereinbrechende Nacht über der Anse Volbert, während sich unten im Ort bereits die ersten Funhabenden abmühen. Und man denkt an die frischen Papaya zum Frühstück, die hier auf dem Gelände gedeihen, der Nutzgarten wird gehegt und gepflegt, Mangos und Bananen, die Vögel fühlen sich sichtlich wohl, vor allem die Madagaskar-Fodys, die wie feuerrote Pingpongbälle zwischen den Palmen hin- und her witschen.
Ich persönlich gebe nicht viel auf Strände, aber in Côte d'Or sind Wasser und Sand sehr einladend, was natürlich dazu führt, dass viele sich eingeladen fühlen. Keine Bange, Platz ist genügend da, so wie in Rimini ist es nicht, ohnehin findet man hier mehr Italiener als ebendort, und es nimmt einen daher schon Wunder, wie schwer es ist, auf den Inseln einen gescheiten Cappuccino zu kriegen. In Côte d'Or rettet Sie allerdings eine Gelateria, deren Besitzer dermassen dem Eisdielenbetreiber in Victoria auf Mahé ähnelte, dass ich ihn schliesslich fragte, ob er auf der Hauptinsel einen Bruder habe. Er sah mich erstaunt an, denn er war es selbst. Nur wirkte er auf Praslin wesentlich entspannter. Der Inselgroove eben.
Manchmal geben die Inseln Rätsel auf: Reklame für Joghurt habe ich gesehen, Joghurt selbst nirgends, nicht mal in den Supermärkten der Hauptstadt. Wer vor den Problemen der Selbstversorgung kapituliert, braucht nicht zu verhungern. An der Anse Lazio, angeblich einem der schönsten Strände überhaupt, aber das lässt sich von jedem zweiten behaupten, gibt es tagsüber im einzigen Restaurant Bon Bon Plume leckere Mahlzeiten, für abends - so man einen Tisch reserviert hat - ist das Laurier mit seinem exorbitanten Buffett zu empfehlen, und zu keiner Tageszeit das La Goulue, ein sog. Strassenrestaurant: mehr Strasse als Restaurant. Generell lässt sich sagen, dass die Seselwa in ihrer wechselhaften Geschichte von den Franzosen den Baustil (Architektur würde zu hoch greifen) und von den Engländern die Küche übernommen haben. Andersherum wäre besser gewesen. Dennoch: Fischcurrys, Red Snapper, alles mögliche Meeresgewimmel, das heute unter dem Begriff Seafood verkauft wird, da ist für jeden was dabei. Solange Vorrat reicht.
Nach soviel Wohlergehen tut ein bisschen Demut richtig gut, und nichts ist dafür geeigneter als ein Besuch im Unesco-Weltnaturerbe Vallée de Mai mit seinen alles überragenden Coco-de-Mer-Palmen, die männlichen bis zu dreissig, die weiblichen bis zu 24 Metern hoch. Obwohl Naturpark, ist das Vallée vom Menschen weitgehend unberührt, man hat nur alles entfernt, was ursprünglich hier nicht vorhanden war. Sie sollten möglichst zur Parköffnung um 8:30h da sein, der frühe Vogel sieht den Wurm und all die anderen Bäume, Pflanzen und Vögel und wird mit der Stille belohnt, die es einem ermöglicht, dem Schackern der riesigen Palmblätter zu lauschen, und selbst wenn man keinen der etwa 40 Schwarzpapageien zu Gesicht bekommt, die auf Praslin überleben konnten, ist der Besuch jeden einzelnen Cent des Eintrittgeldes von 15 Euro wert, denn irgendwann steht man selbstvergessen da und fühlt sich ehrfürchtig und richtig klein, aber auch wohlbehütet unter dem Palmendach, was ist sehr tröstlich ist. Die Blätter der Coco-de-Mer können bis zu 14 Metern lang werden, die Früchte bis zu 20 Kilo schwer.
Bekanntlich sind die Seychellen nicht billig, und sie tun alles, um den Hochpreistourismus weiter ins Land zu locken. Gerade auf Praslin sollte man stets Euros in der Tasche haben. Überall entstehen neue Luxusresorts und Spas, vor allem auf die Russen hat man es abgesehen, und wie die sich gelegentlich aufführen können, erzählt Ihnen gerne jeder Grandhotelmanager in Graubünden. Da ist die Mango Lodge erfrischend unkonventionell und erstaunlich erschwinglich, die Einheiten liegen zwischen 75 und 120 Euro und richten sich dabei nach Saison und durchaus, wie die Geschäftsleitung durchblicken liess, schon mal nach dem Herkunftsland des Besuchers. Für Schweizer ist das keine wirklich gute Nachricht.
© Thomas C. Breuer Rottweil 09.01.2007


