Nachts gehen die Dichter aus

Das Maß ist voll, verkündet der Sensenmann am Zeitglockenturm am Marktplatz von Solothurn, wo in diesem Mai wie gewohnt die viel besuchten Literaturtage stattfinden.
Foto: online/A. Jenny
Solothurn feiert seine Schriftsteller wie keine andere Stadt der Schweiz und besteht gleichzeitig auf helvetischer Biederkeit
Seit 505 Jahren wendet der Sensenmann zu jeder Stunde im Zeitglockenturm sein Zeitglas. Sein kahler Schädel bedenkt den Ritter nebenan mit einem knappen Nicken: „Das Maß ist voll!“ Menschen laufen zusammen und erschauern wie gewünscht. Zeit für einen Kaffee. Mitten im Herzen der Stadt lädt der Friedhofsplatz mit seinen Straßencafés ein, von dem die Friedhofsgasse abgeht. Was fehlt, ist der Friedhof. Solothurn könnte mit seinem Hang zum Morbiden gut in Österreich aufgehoben sein, von der Akkuratesse und Sauberkeit eher weniger. Wie schrieb schon Bloch an Adorno 1962: „Von Österreich geht halt immer noch der Reiz des Verfalls aus.“ Von der Schweiz eben nicht. Wie dem auch sei: Solothurn pflegt sein Faible für Skurrilitäten –wobei die Zahl Elf die dominierende Rolle spielt. Der Besucher zählt elf Türme, elf Bastionen, elf Stadttore, elf Zünfte und elf Brunnen, soweit die Historie. Hinzu kommen elf Museen, elf Kirchen und die legendäre Uhr am Amtshausplatz, die nur elf Stunden im Repertoire hat. Die St.-Ursen-Kathedrale wurde innerhalb von elf Jahren erbaut, zwischen 1762 und 1773. Die Fassade ist drei mal elf Meter hoch, der Turm misst sechs mal elf Meter bis hinauf zum Wetterhahn, darin hängen – wie viele wohl? Elf Glocken. Die Freitreppe – eine Parodie auf die „Spanische“ in Rom, setzt sich aus drei Gruppen zu je elf Stufen zusammen. In der Kirche selbst zählt man elf Altäre, die Bankreihen sind natürlich in Elfergruppen angeordnet, und sogar die Anzahl Pfeifen der großen Orgel sind durch elf teilbar.
In der Krone
Meistens samstags läuft die Elf des FC Solothurn im Stadion auf, man dümpelt in der (unteren) 1. Liga, kann aber auf einen berühmten Fan verweisen. Am 24. März 2005 fand sich folgender Eintrag auf der Homepage des FC Solothurn: „Lieber Peter, heute, am 24. März 2005, kannst Du Deinen 70. Geburtstag feiern. Zu diesem Tag gratuliert Dir die ganze FCS-Familie herzlich. Gerne erinnern wir uns an den ‚Sonntag von Basel‘. Am 24. Mai 1998 hast Du Dich doch tatsächlich für den Besuch der Lesung Deines Schriftsteller-Kollegen Günter Grass an den Solothurner Literaturtagen entschuldigen lassen. Dies, um Deinen FCS im ultimativen Spiel gegen den FCBasel im prall gefüllten alten ‚Joggeli‘ unterstützen zu können. Am abendlichen Bankett in der ‚Krone‘ hast Du uns mit Deinen treffenden, witzigen Worten geholfen, den ersten Schmerz der Niederlage zu verarbeiten und andere, neue Werte in den Mittelpunkt zu setzen.“ Der Adressat dieser Zeilen: der Schriftsteller Peter Bichsel.
Die Literaturtage im Mai – damit sind wir schon beim „unique selling point“ der Stadt, denn dieses Ereignis bringt – mehr noch als die Filmtage im Januar – Solothurn jedes Jahr auf die Landkarte und Tausende Besucher in die Stadt. Die Webseite kommt entsprechend selbstbewusst daher: www.literatur.ch. Der Sonderbeilage der Mittelland Zeitung war allerdings folgender Satz zu entnehmen: „Es gibt wohl keine Stadt in der Schweiz, in der übers Jahr so wenige Lesungen stattfinden.“ Der Verfasser dieser Zeilen: Peter Bichsel. Über Livingston, Montana, stand irgendwo einmal der Satz, dass, wenn man in einem bestimmten Saloon das Feuer eröffnen würde, die Chance riesig wäre, einen Schriftsteller zu treffen. In Solothurn hieße dieser Saloon „Kreuz“.
Die Stadt hegt zu Waffen, nebenbei gesagt, ein unkompliziertes Verhältnis: DasAlte Zeughaus beherbergt die größte Waffensammlung Europas. Der Streckenabschnitt vor dem Kreuz dient den Literaten als Flaniermeile, als eine Art Croisière der Dichtkunst, und es empfiehlt sich, keinen schwarzen Anzug anzulegen, will man nicht für einen Dichter gehalten werden. Obgleich Bichsel Literaturtage nicht schätzt, sieht man ihn häufig auf dem Geläuf, denn das Kreuz ist sein Erstwohnsitz, wenn er mal nicht im Zug sitzt. Drei Tage lang ist seine Ruhe dahin, vielleicht erklärt das seinen Furor. Binnen dreier Tage wird man überall im Stadtgebiet mit Lesungen bombardiert: auf dem Marktplatz inmitten einer Plantage von Rucola-Setzlingen oder morgensumneun an einem Verkehrsknotenpunkt. Für die Dichter allemal eine schöne Erfahrung: Wann hat man mal Gelegenheit, seine Worte direkt an die Rückwand der Bushaltestelle Amtshausplatz zu schmettern? Als optisches Zuckerl gibt es Wasserfontänen, die unvermittelt aus dem Boden schießen, in einer vollendeten Mischung aus Kunst und Rohrbruch, die Kunst ist hier allgegenwärtig. Die Solothurner sehen sich insgesamt nur ungern auf das Poeten-Woodstock regelmäßig am Wochenende nach Himmelfahrt reduziert, nach Film und Fasnacht fahren sie daher im August ein Classic Open-Air auf, und im Herbst die Foto-Tage und den Kunst-Supermarkt. Wer sich bewegen will, mag das beim Swiss Walking Event Anfang September tun. Das Umland ist dem Weinbau zugetan, und selbstverständlich ist die Stadt kinderfreundlich, wie man im Kinder- und Familienführer „Abenteuer in Solothurn“ nachlesen kann. Oder im Internet im so genannten „Event-Verzeichnis“, das allerdings auch einen lit. Gottesdienst als ebensolchen ausweist.
Solothurn mit seinen knapp 16 000 Einwohnern ist eine kleine wehrhafte Stadt mit zahlreichen Festungsbauten, schließlich liegt man haarscharf auf der Grenze zwischen der Romande und der Deutschschweiz, weswegen man über Jahrhunderte hinweg heftigstem Gezerre ausgesetzt war. Mehr noch als das Mittelalter hat das Barock seine Spuren hinterlassen, mit der St. Ursen-Kathedrale als Platzhirsch. Kirchenbesichtiger kommen hier überhaupt auf ihre Kosten. Von Mai bis September gibt es hier für nur fünf Franken Führungen, jeden Samstag um14.30 Uhr ab Baseltor. Darüber hinaus aber beglückt Solothurn mit allerlei Absonderlichkeiten: Hier begegnete dem Reisenden der erste Blindenpudel seines Lebens. Zu bestaunen gilt es das Künstlerhaus in der Schmiedengasse, welches das handtuchartigste der gesamten Häuserzeile ist, gerade mal halb so breit wie „Cleopatra Dessous“ nebenan. Nur ein Gebäude in der Stadt ist noch schmaler: „Peter’s Fischerlädeli“, was hoffentlich keine Rückschlüsse auf die Wasserqualität der Aare zulässt. Angesichts der extrem schlanken Fassade hätte Peter den Apostroph gern weglassen können.
Wasser für den Korsen
Es geht das Gerücht, dass Napoleon auf der Durchreise hier Station gemacht habe und die Notabeln von Solothurn ein Riesenbüfett aufgefahren und es an nichts hätten fehlen lassen. Doch der Korse habe nur die Türe seiner Kutsche geöffnet und nach einem Glas Wasser verlangt, ähnlich wie der junge Elvis Presley bei einem unfreiwilligen Zugstopp in Troy,Montana. Falsch ist, dass die Reste dieses Büfetts noch heute in den gastronomischen Betrieben rund um den Marktplatz verkauft werden. Gute Cafés und Restaurants, viele davon in den Monaten ohne „r“ auf der „Gasse“ sowie exquisite Gastronomie sind in der Eidgenossenschaft beinahe eine Selbstverständlichkeit. Nirgends auf der Welt schmeckt zum Beispiel die Original Solothurner Torte besser als gerade eben hier, wir treffen auf zartschmelzende Haselnuss-Meringue mit leichter Cremefüllung. Eine vorzügliche Mischung, wie Solothurn selbst: ein wenig Weltkultur, ein bisschen helvetische Bünzligkeit, Verwaltungssitz, Poesie und Rucola. Wenn sich die Schweizer nur angewöhnen würden, dem ausländischen Besucher bei Grenzübertritt ein Begrüßungsgeld zu zahlen! Wir haben das schließlich auch geschafft, und in der Schweiz könnte man es noch wesentlich besser gebrauchen.
THOMAS C. BREUER, Süddeutsche Zeitung, Dienstag, 3. Mai 2005, REISE
Weitere Auskünfte:
Region Solothurn Tourismus,
Hauptgasse 69,
CH-4500 Solothurn,
Telefon:
0041 (0) 32 626 46 46,
Internet: www.solothurn-city.ch,
www.solothurner-fasnacht.ch,
www.solothurnerfilmtage.ch,
www.literatur.ch,
www.ryffel.ch (Swiss Walking)
Vom Autor ist zuletzt das Buch „Schweizfahren“ im Maro-Verlag, Augsburg erschienen (13,80 Euro).