Der Sprengerort
Sie kommen natürlich übers Jahr verteilt, auch wenn die Kneipendichte nicht mehr so ist wie auch schon mal und die Gastronomen bundesweit einen Umsatzrückgang im dritten Jahr in Folge beklagen, im vergangenen Jahr allein 3,7 %. Sie kommen die abschüssige Gasse hinunter, und an der Unsicherheit ihres Ganges, an der Art ihrer verstohlenen Blicke erkennt man ihre Intention. Manche kommen freilich auch unbekümmert und grosskotzig daher, die Reviermarkierer, erhobenen Hauptes wie weiland Prinz Ernst-August am Türkenpavillon bei der Expo 2000.
Der Zugang zum Stadtgraben und somit der endgültige Triumph bleibt ihnen verwehrt, da sei das Gatter vor, also dringt Strahl gegen Stahl. Leider düngen sie auch weit genug vom Haus entfernt, als dass sie von einer der hier so beliebten Dachlawinen erschlagen werden könnten. Andererseits Gott sei Dank, denn Häuserwänden merkt man es nicht so schnell an wie Zäunen, die Ammoniaksäure des Urins dringt in den Beton ein und lässt drinnen die Stahlträger munter oxidieren. Irgendwann implodiert das Gebäude und keiner weiss, wieso. Bewundernswert hingegen, weil stets ein magischer Anziehungspunkt, die Beharrlichkeit der mächtigen alten Kastanie, als handele es sich hier um eine wissenschaftliche Versuchsanordnung über die Widerstandsfähigkeit von Bäumen unter Extrembedingungen.
Allen anderen voran liefert die wichtigste Zeit des Jahres jene Flüssigkeiten, die dringend entsorgt werden müssen: Je Fasnet, desto liquider, als stünde Urinus im Dritten Haus, als wäre hier die Abgabelokalität eines Radrennens, als wäre diese schattige Ecke am Ende der Hohlengrabengasse als womöglich ältestes Urinal Baden-Württembergs stolzer Bestandteil des UNESCO-Weltpissoirerbes, pilgern ab dem "Schmotzige" ganze Prozessionen von Eckenbrunsern die "Gass nab", im Namen des Harn, wie bei der Love-Parade im Tiergarten, nur eben in Zeitlupe. Eine Kloake des Friedens, würde ich nicht ab und zu das Fenster öffnen, um eine paar wüste Beschimpfungen los zu werden, denn für mich sind das Momente voller Himmelsferne, zumal die Strahlemänner den Weg zu unserem Auto kreuzen, was neben Pfützen oder Flecken eine olfaktorische Behelligung sondergleichen darstellt, denn was einem da in die Nase steigt, sind nicht eben Sexuallockstoffe. Die unflätigen Worte meinerseits mögen stilarm erscheinen, die Pisser sind damit aber besser bedient als in Amerika, wo Verfechter der "Not-in-my-backyard"-Theorie gleich zum guten, alten Sechsschüsser greifen. Auch in Deutschland geht es ihnen gelegentlich an den Kragen, wenn man den Vorabendpolizisten auf RTL II Glauben schenken darf, die angeblich gerne Wildpinkler verfolgen.
In einer Gegend, in der die Religion noch eine halbwegs bedeutende Rolle spielt, ist die Fasnet natürlich ein gigantisches Überlaufventil, in Anlehnung an eine kanadische These in Sachen Winter veranstalten sie hier auch nur zwei Jahreszeiten: Fasnet und Nichtfasnet, und wehe, man gestattet sich, die Autorität der Narrenzunft spöttisch anzuzweifeln mit ihrem geradezu lächerlichen Vorschriftenkatalog: Umgehend wird man geteert und gefedert, was nebenbei natürlich gleich ein hübsches wie preiswertes Kostüm abgibt, und letzteres ist gerade in Schwaben unbedingt ein Thema.
Gerade an den tollen Tagen lassen viele die Larve auf dem Gesicht, wenn sie die Hose öffnen, Getränkerückgabe einmal anders. Dennoch, die wahre Bedeutung des Namens dieses Ortsteils - Sprengerort - hat sich mir erst erschlossen durch ein besinnliches Gedicht des rumänischen Literatur-Nobelpreisträgers Urinel Latrinescu, seinerzeit Stipendiat der Josef-Hoben-Stiftung für hingewandte Literatur, der über den Weihnachtsmarkt schrub:
Der Sprengerort heisst Sprengerort
Weil all die Glühweintrinker dort
Die Gassen sprengen und so fort.
Vielleicht sehn sie's als Leistungssport.
Die Blasen harren auf Entleerung:
Da haben alle die Bescherung.
Also mitnichten, wie ursprünglich geglaubt, Sprenger als schwäbische Variante von Sprengel, geschweige denn benannt nach dem grossen Tilman Sprenger, auch hausten hier früher keine Leute, die von Berufs wegen mit explosiven Stoffen umgingen. Wie jede aufrechte Stadt verfügt auch Rottweil über eine erspriessliche Anzahl von Verbotsschildern, auf denen kauernde Haufensetzer abgebildet sind, verbunden mit dem Hinweis: "Hier darf ich nicht!", häufig aber in derart luftige Höhen ragend, dass Hundedamen wie Daisy ihrer gar nicht angesichtig werden können. Saichverbote gibt es nirgends. Einmal sehe ich einen dieser Typen unten am Zaun stehen, und mich packt der helle Zorn und ich reisse das Fenster auf und brülle wenig nette Dinge, woraufhin er mir seinen Dömmel zeigt, der sich aus der Entfernung natürlich winzig ausnimmt, und er schreit und ich schreie, denn sie gehen mir wirklich auf den Senkel, die Herren der Schöpfung, die sich immer noch so benehmen, als gehöre ihnen diese verdammte Welt allein, oftmals nicht die hellsten, oder, wie man hierzulande sagt: "Z'domm zom a Loch en Schnai z'bronza." Ich knalle das Fenster zu, mal sehen, vielleicht kommt er ja gleich vorne vorbei, in Richtung Kaiserstrasse 7ücke, ich munitioniere mich mit einem Krug Wasser, positioniere mich in meinem Arbeitszimmer, blicke vorsichtig auf den Gehsteig, er muss ordentlich getankt haben, oder aber der plötzliche Flüssigkeitsverlust hat ihn derart geschwächt, jedenfalls kommt er wacklig daher und ich öffne das Fenster ganz, leere den Krug, eine noble Geste, denn ich will ihm ja diesen Verlust wieder ausgleichen, werfe einen raschen Blick hinterher, um mich der Zielgenauigkeit zu versichern, nicht schlecht, und selbigen Momentes mache ich das Fenster leise zu und bin auch schon verschwunden.
Wenig später läutet es an der Haustür. Jetzt, wo es richtig spannend wird, kann ich Ihnen auch nicht weiter helfen. Manchmal wäre ich schon gerne stark oder zumindest kampfsportlich ausgebildet, und das bitteschön so, wie das bei Kindern funktioniert: Ich will nicht üben, ich will das können! Das fehlte noch, dass ich mich ins Studio begebe, um dort mit Männern zu trainieren, die allesamt potentielle Eckenpinkler sind! Die Tür bleibt zu!
Gleich morgen werde ich bei Greenpeace anrufen, ob sie nicht mal eine Aktion in der Hohlengrabengasse machen können wegen der illegalen Verklappung von Harnsäure im grossen Stil. Ansonsten gilt ab sofort: Verpissez-vous!
© Thomas C. Breuer Rottweil 31.01.2005 (IC Koblenz-Mainz)