2026 wird ein gutes Jahr.
Don’t it always seem to go
That you don’t know what you got ‚til it’s gone?
They paved paradise and put up a parking lot
Joni Mitchell, „Big Yellow Taxi”

Dieser Text ist keine Jahresvorschau, dennoch lässt sich jetzt schon konstatieren: 2026 wird ein gutes Jahr. Das obige – vielbemühte – Zitat von Joni Mitchell lässt sich natürlich problemlos auf fast alle Lebensbereiche anwenden, im vorliegenden Fall passt es besonders gut. Ganz früher, in den 50ern und 60ern, da wollte man gar nicht weg aus den Speisewagen, unzählige Fahrgäste, die kaltlächelnd gegen Sitzblockade-Gesetze verstießen. Die Waren waren frisch, auf der Rheinstrecke hielt der Chef den Käscher aus dem Fenster, damals war das möglich, als sich Zugfenster noch öffnen ließen. Auch war das Ufer nicht durchgehend zugebaut, der Rhein sauber und Fische gab es ebenfalls. Dann aber die 70er und 80er Jahre, als die DSG unter der Oberaufsicht eines staatlich vereinigten Lebensmittelkomikers stand und den Gästen reihenweise die Gesichtszüge entgleisten. Gepflegte Gastlichkeit? Aber hallo, wie man wenig später in den Neunzigern sagte, das Personal hatten sie aus Pflegeberufen abgeworben, teils sogar Pflegefälle beschäftigt, und viele Gerichte waren kaum anders als aktive Sterbehilfe zu interpretieren. Der Salat hatte da seine letzte Ölung schon länger hinter sich. Der Kaffee dünn- und damit überflüssig, kurzzeitig stieg die DSG zum führenden Magensäureproduzenten Mitteleuropas auf. Schlimmer ging es nur in den Raumschiffen der NASA zu, wo man dem barbarischen Brauch des Kaffeebeutels frönte – grad so wie bei Tee. Der Klassiker: „Expresso? Expresso dauertn bisschen.“ Wie zur Hölle haben selbst die Italiener in ihrem Cisalpino, der sonst als technischer Totalausfall eingestuft wurde, das hingekriegt, frischen Caffè aufzubrühen?
In jenen Tagen konnte man sich gegen die Speisen der DSG risikoversichern lassen. Nicht gering die Zahl jener, die sich mittels einer Bundesbahnbockwurst das Leben nahmen. Damals ließ sich die komplette Zuggastronomie lahmlegen, indem man kurzerhand den Dosenöffner aus dem Fenster warf. Heute sind die Waren frisch, jedenfalls bei Saisonbeginn. Penne Napoli – den langen Weg hierher sieht man ihnen dennoch deutlich an. Und, typisch, bieten Nudeln an, hängen die Parmesanraspler aber auf die Toiletten. (Gut, in den ICEs funktionierte dieser Witz nicht mehr, wohl aber lange in den grausigen Interregios.) Die Frage stellte sich, wieso sie Kotztüten eigentlich nur in Flugzeugen angeboten haben. Probierte die Bahn AG ein neues ökologisches Konzept aus: „Essen auf Rädern einmal anders“? Entsorgte die Bundeswehr bei der Bundesbahn überschüssigen Proviant? Waren das womöglich Spenden des Partyservice der Gefängniskantine der JVA Werl? Hatte man endlich die Fesseln der Verfallsdaten abgestreift? Dem Reisenden blieb nichts anderes übrig, als zu versuchen, nicht panisch zu werden und langsam in den Dickdarm hineinzuatmen. Komisch, die Schweizer, die konnten das, die Eidgenossen verstanden es, Mahlzeiten regelrecht zuzubereiten. Heute liegt die Betonung leider auf genossen, genießen kann man sogar bei den SBB nicht mehr richtig. Wo zur Hölle bleibt eigentlich der Espresso?
Nur langsam haben sich die Zeiten gebessert. 1992 wurden erstmals Vitamine zugelassen, 1995 reichte man Servietten aus Christo-Restbeständen und drei Jahre später fanden sog. Gewürze ihren Weg in die Speisen, nachdem man in den geheimen Laborküchen der Mitropa in Pullach fast vier Jahrzehnte mit Pfeffer und Salz experimentiert hatte. Die Gleise sind robuster, die Waggons besser gefedert, die Uniformen schnittiger, vieles wird besser, vom Angebot einmal abgesehen, denn zur Jahrtausendwende bekamen Gäste einen Dämpfer verpasst, als man anfing, ausgekochte Convenientprodukte aus dem Kombidämpfer zu servieren. Der kulinarische Tempel stand im Hunsrück, wo ein Gourmetgigant diese Plumpsackmenus herstellte für den Gebrauch in den Speisewagen der Bahn-AG., und nicht nur da: die Firma produzierte u.a. für Essen auf Rädern und die leckeren Sägespänefilets für Ikea und belieferte sogar Hotels der höchsten Kategorie. Das Prinzip nennt sich „Cook & Chill“, mutmaßlich weil einem bei Nahrungsaufnahme alles gefriert. Allerdings gibt Leute, die so etwas ernsthaft für Nahrung halten, und überraschenderweise entwickelten Reisende rasenden Appetit auf Vorgegartes. Im Zug funktionieren Hungergefühle offenbar anders. Und ums Essen ging’s auch gar nicht, den eigentümlicherweise waren die Speisewagen gut ausgelastet.
Ich vermisse das schrecklich.

Von gleichbleibend hoher Qualität blieben die Ansagen, mit ständig neuen Wortschöpfungen, die sich als wahre Delikatessen erwiesen. Trouvaillen wie „Über Ihren Besuch im Bistro-Restaurant würden wir uns gerne freuen.“ Zumindest sind sie ehrlich. „In unserem Bordbistro sind unerwarteterweise noch Plätze frei!“ Hoppla, nichts wie hin, vielleicht lässt sich dort ja etwas anbahnen, bei einem lecker Glas Bahnbordeaux. Das Bier kommt kategorisch „frisch gezapft“ daher, so wie in Hotels das Frühstücksbüffet ausschließlich „reichhaltig“ zu sein hat.
Man könnte ja meinen, dass sie im ersten Weltkrieg andere Sorgen hatten als die Gründung einer Mitteleuropäischen Schlafwagen- und Speisewagen Aktiengesellschaft, die der französisch-belgischen Compagnie des wagon-lits die Stirn bieten sollte. Man schrieb den 24. November im Jahre des Herrn 1916, Kaiser Franz Joseph war gerade mal drei Tage tot, und vielleicht hat Zita ihren Mann Karl, der die Thronfolge antreten musste, beschleunigt: „Da kannst du dich gleich profilieren, Karli!“, woraufhin Karli vielleicht entgegnete: „Eh!“ Wobei die Frage gestattet sein muss, wer in jenen Tagen Reisen fürs Pläsir unternahm. Die Soldateska wollten sie sicherlich nicht im Salonwagen an die Front karren, nicht mal die gehobeneren Ränge. Für das Projekt, aus dem später die Mitropa hervorgehen sollte, spannte Österreich-Ungarn mit den Deutschen zusammen. Karl kam der Vorschlag gelegen, war er doch ein unruhiger Geist, der sich nie lange in Residenzen aufhielt, sondern sich in seinem k.u.k.-Hofzug durch sein Reich kutschieren ließ. Kaiserin Zita wurde vor jeder Entscheidung konsultiert, sie war damit Rollenmodell für Hillary Clinton und Michelle Obama, nicht aber Nancy Reagan, die während Ronnies Amtszeit im Weißen Haus die Hosen anhatte.
Im neuen Jahrtausend geben die Zugbegleiter derweil unverdrossen ihr Bestes, lesen die Texte ab, um nur keinen Fehler zu machen, gerne auch handschriftliche, die sie dann selbst nicht mehr entziffern können: „… servieren wir ihnen frische Bagnettes!“ (Bannjetts!) „Nussplundergipfel“ – genau genommen kein so erfreuliches Wort. „Schaum von jungen Erbsen“ klingt hingegen erfrischend unanständig, aber schließlich fuhren hierzulande lange Zeit Züge, die auf den Namen Regio-Swinger hörten. Bahnbedienstete geben diese Wortkreationen an die lieben Mitreisenden weiter, ohne mit der Wimper zu zucken. Der Lautsprecher im Großraumabteil fragt (Originalton, auch die folgenden): „Wie wäre es denn mit einem Butterkuchen, einem Schokoladenkuchen oder einem Butterkuchen?“ Und was war das vorhin? „Im Speisewagen ist leider die Heizung kaputt. Falls Sie ein Getränk mitnehmen möchten, bringen Sie bitte ein paar warme Gedanken mit!“ Das ist fraglos große Kunst. Moment, wie war das eben? Wurde soeben empfohlen „Aus dem feurigen Spanien eine cremige Tomatensuppe“, oder hieß es „aus dem cremigen Spanien eine feurige Tomatensuppe“? Zur Ehrenrettung der Bahn muss man allerdings sagen: gelegentliche Probleme hatten auch mit den überzogenen Erwartungen der Reisenden zu tun, manche von ihnen schienen zu denken, sie befänden sich im ICE „Oskar Schlemmer“.
„Meine sehr verehrten Damen und Herren, in München ist soeben die Minibar zugestiegen!“ Aus eigener Kraft? Wow. Die alten Servierwagen verfügten über eine Wegfahrsperre, die später wohl auch bei Lokomotiven zum Einsatz kam. Mit den Jahren wurden sie leider leiser, kündigten sich Minibars nicht mehr bereits zwei Waggons entfernt an mit ihrem infernalischem Geschepper. Die Vorfreude wurde allmählich schmählich ausgebremst. Heute stoppt – wenn überhaupt – überfallartig der Versorgungsbolide mit dem sinnigen Namen „Snack Caddy“ neben einem, die professionelle Bereifung lässt die Hand von Bernie Ecclestone vermuten. Espresso? Durchaus. Ich sollte eigentlich froh sein, wahrscheinlich kommt aus der Tüte. Mit der Dezimierung des Angebots verschwanden auch die Typen, das Personal war bevorzugt in einem Land rekrutiert worden, das bekannt ist für seinen Charme: Jugoslawien. „Wasse esse no?“ bellte es durch das Abteil, oder „Hab ich nicht gesagt, Minibar-Servus, habe ich gesagt: Minibar-Service!“ In der Schweiz gab es die Railbar, auf die sie eine Espressomaschine montiert hatten, die über wasserstoffbetriebene Brennstoffzellen funktionierte. Die wackeren Railbars wurden 2017 mit der Begründung eingestellt, dass das Angebot an den Bahnhöfen so vielfältig sei. Die Vielfalt sieht im Fall so aus: Coca-Cola-Diktatur, Herrschaft des Brezelkönigs, Caffè Spettacolo, überall derselbe Mist, der viele Falten im Gesicht beschleunigt. Railbars sind ebenso Geschichte wie Jugoslawien.

Unvergesslich indes die beiden Ober im k.u.k.–Speisewagen, der Stuttgart gegen 23 Uhr verließ, aus dem Land, das für sein Gulasch berühmt ist, dass dort nicht einmal so heißt, sondern „Pörkölt“. Unser Umtrunk war fast schon Tradition, drei-, viermal im Jahr. Wir hatten gerade unsere Radioshow im Funkhaus im Süddeutschen Rundfunk beendet und gönnten uns regelmäßig ein Feierabendbier im besagten Bordrestaurant (étkezökocsi), in dem vielleicht schon Karli und seine Zita gesessen haben, die seinerzeit womöglich vom alterslos erscheinenden Kellnergespann bedient worden waren. Wie von Hergé gezeichnet – der eine mit dem Schnurrbart hieß womöglich István, der andere Ferenc und hatte auch einen Schnurrbart. (Leider sind Schnurrbärte wieder en vogue, hier sollte der Gesetzgeber einschreiten.) Vielleicht verhielt es sich auch andersherum, sie waren schwer auseinanderzuhalten in ihren halbwegs weißen Jacketts mit den Original-Szegedinerflecken, Sie erwarteten den Gast stets akkurat nebeneinander in Hab-Acht-Stellung stehend mit angedeuteter Verbeugung.
Der Zug hatte sich den ganzen Tag über von Budapest heraufbemüht und musste noch weiter nach Frankfurt, und wahrscheinlich ging es für die beiden am nächsten Morgen wieder zurück. Trotzdem strahlten sie, wenn sie eine Flasche Soproni servierten, vielleicht sogar ein Stiegl. Es war alles ein wenig angeranzt, aber saugemütlich, Ostblock mit einem Schuss Hawelka. Schwere Vorhänge, echte Tischdecken. Heiratsschwindler hätten sich gleich zuhause gefühlt. Für uns war der Tag lang gewesen, das Bier kühl und frisch, die Welt war in Ordnung.
Zugegeben, die Wagen der ungarischen „utasellátó“ waren nie das Paradies auf Erden, aber doch eine Idylle auf Rädern – das Ungarische kennt hier das beglückende Wort „üdülö“. Sie waren schon während ihres aktiven Dienstes nostalgisch. Die Tasse, die ich damals geklaut habe, versieht noch heute ihren Dienst. Im neuen Jahrzehnt brachte man neues Rollmaterial aufs Gleis, aber bei den Magyaren wurde immer noch frisch gekocht, im EC 173 Hungary waltete sogar ein Koch mit dem hübschen Namen Laszlo Schmaus seines Amtes. Ernsthaft. Die Dinge, über die man sich damals aufregen konnte, waren vergleichsweise simpel und überschaubar, die Welt war weniger komplex, heute weiß man kaum mehr, wo man anfangen soll mit den Aufregern, weswegen die Menschen durchweg zur Dauerempörung tendieren. Die Bahngastronomie war damals eine verlässliche Größe, beliebt und geliebt trotz aller Mängel, das Bordbistro erwies sich als rollender, immerwährender Betriebsausflug. Heute ist sogar das Vermissen selbiger ein treuer Begleiter.
Manchmal träume ich von István oder Ferenc (bzw. umgekehrt), wie sie am Tisch nächst zum Tresen sitzen, und István (oder Ferenc) hat seine Zither auf dem Tisch liegen, und er (oder eben der andere) singt die erste Zeile: „Nem mindig úgy tűnik, hogy elmúlik”, der zweite „Hogy nem tudod, amid van, amíg el nem veszed?”, und beide schmettern „Kikövezték a paradicsomot és parkolót építettek”, schöner ist „Big Yellow Taxi“ nie gecovert worden (danke DeepL), und irgendwie passt das Instrument – die „citera“ – bestens dazu, denn Joni Mitchell hat sich oft des artverwandten Dulcimers bedient. Im Korsett des notorischen Nostalgikers fühle ich mich nicht so wohl, ich hege auch keine Ambitionen auf den Posten des Schriftführers irgendeines Abgesangsvereins. Ungeachtet dessen gibt es besagten Speisewagen natürlich nicht mehr, ebenso wenig den Süddeutschen Rundfunk. Joni Mitchell aber erhält 2026 in ihrer kanadischen Heimat den „Lifetime Achievement Award“, während die Mitropa ihr 110-jähriges Jubiläum feiern kann, ungeachtet der Tatsache, dass sie nicht mehr existiert. Vor zwanzig Jahren wurde die Gesellschaft aufgelöst, das Geschirr (siehe oben) wird munter für teuer Geld im Internet verscherbelt. 2026 wird trotzdem ein gutes Jahr. Im April wird der Orbán Viktor die Wahl vergeigen (ob er dann tatsächlich verschwindet, ist noch die Frage), und Mitte des Jahres die Palla Evelyn verkünden, wann Stuttgart 21 definitiv eventuell eröffnet werden wird. 2026 machen im ehemaligen Triebwerksdepot im IV. Bezirk in Budapest das Eisenbahnmuseum wieder auf, wo auch bestimmt der eine oder andere ausrangierte Utasellátó-Waggon zu bewundern sein wird, lost places auf Rädern. Wer bis dahin nicht warten möchte, mag sich mit dem Hofsalonwagen Hz011 von Kaiserin Elisabeth im Wiener Technischen Museum trösten.
Hätte mich jemand geheißen: Schreib mal eine kleine Geschichte, in der Joni Mitchell, ungarische Speisewagen und der Süddeutsche Rundfunk drin vorkommen, wäre ich vermutlich hier gelandet. Den Espresso können Sie übrigens vergessen, ich muss jetzt aussteigen. Boldog új évet!
© Thomas C. Breuer Rottweil 20.12.2025
Fotos:
Mitropawagen – von Flominator – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=213728
MÀV – von NAC – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30392073
Das schöne Mitropa-Geschirr mit freundlicher Genehmigung der Stiftung Stadtmuseum Berlin Landesmuseum für Kultur und Geschichte Berlins.
Und das hier vom Autor:
