Bußfahrt ins Grenzgebiet

Foto: T. C. Breuer Niemand will zugeben, dass er ein armer Schlucker ist: Deshalb fährt jeder nur ausnahmsweise mit dem Greyhound durch Montana. Beliebte Klischees, die einem zu Montana in den Sinn kommen: Lederfransengestalten mit schwerfälligem Gang; Pick-ups mit angeschraubten Hunden auf der Ladefläche, die Winchester quer überm Heckfenster; Angelruten, die über den ewigblauen Himmel geschwungen werden; ausgewachsene Mannsbilder, die auf Pferde einflüstern. Kein Mensch denkt an Radwege und Radfahrer; oder an Espressoläden mit Namen wie "The Catalyst", an Blumengeschäfte oder Gourmetrestaurants, Programmkinos, Buch- und Naturkostläden. Missoula, Montana, bietet all dies und dazu ein atemberaubend schönes und in Ehren ergrautes Theater namens "Wilma", ein antikes Kettenkarussell, freie Buslinien - und die eingangs geschilderte Testosteronwelt dazu. Wie findet man Perlen wie diese? Im vorliegenden Fall wiesen die Biographien diverser Lieblingsautoren wie Richard Ford, James Lee Burke oder James Crumley stets Missoula als Wohnort aus. Die Lehrstühle der Universität von Montana, wo die Herren Schriftsteller die Kunst des Schreibens unterrichten, sorgen nebenbei für den entsprechenden Dienstleistungsteppich, dazu die atemberaubende Umgebung des Bitterroot Valley mit all den wilden Wassern, Skihügeln, Bergen zum Drachensegeln und passendem Getier in Hülle und Fülle. Den riesigen Himmel gibt's sogar gratis.

Wie kommt man hin? Von Seattle aus beispielsweise mit Horizon Air, in kleinen Schlingerhornissen, auch andere Fluggesellschaften steuern diese Stadt mit ihren 50000Einwohnern im Nordwesten Montanas an. Wie kommt man weg? Warum nicht mal mit dem Greyhound Bus? Es ist noch dunkel, als dieser die Stadt verlässt, pünktlich und leidlich gefüllt. Greyhound fahren bedeutet heuer weniger Schmuddel als in den Jahren zuvor. Am Design hat sich seit den 50ern wenig geändert, der Komfort ist heutigen Ansprüchen angepasst worden. Alle Busse sind nagelneu und kaum schlechter gewartet als ein Flugzeug. Natürlich will man den Fluglinien Passagiere abspenstig machen, weswegen man sie imitiert: Die Fahrscheine gleichen Flugtickets, die Sitze und die Armaturen persiflieren Boeing, die Fahrer klingen nicht mehr ganz so bärbeißig bei ihren "No smoking, no alcoholic beverages, no loud music"-Litaneien. Lediglich die Grundstimmung unter den Reisenden hat sich wenig geändert: Misstrauen gepaart mit tiefverwurzeltem Argwohn, eine mobile Selbsterfahrungsgruppe, in der jeder vom anderen zu denken scheint: Was ist los mit dieser Person, dass sie den Bus nehmen muss? Kein eigenes Auto? Kein Geld für einen Flug?

Fadenscheinige Ausreden

Foto: T. C. BreuerDeshalb sieht sich jeder bemüßigt, einem unverzüglich zu erklären, warum man "diesmal ausnahmsweise" den Bus genommen habe: Auf der kurzen Strecke lohne sich der Flug nicht oder gerade habe man einen brandneuen Wagen bestellt beziehungsweise der eigene Wagen sei gestern kaputtgegangen. Wer gibt schon gern zu, dass er ein armer Schlucker ist oder vor Flugangst schier umkommt? Die Ausreden fadenscheinig wie die Kleidung, viele Passagiere kaum weniger abgewetzt als ihr Gepäck, Arthur Miller lässt grüßen. Das Scheitern hat sich in die Gesichter vieler Mitreisender gebrannt: Menschen, die ihre gesamte Habe mit sich führen - Prediger auf Pilgerfahrt, die Busfahrt als Bußfahrt: "You got all you need to get there/A bible and a bus ticket home", wie Collin Raye treffend trällert. Dabei bezeichnet Greyhound seine Omnibusse gern als "American Dream Machine".

Der Interstate 90 erklimmt massive Gebirgszüge, zerklüftet wie das Gesicht Robert Redfords - ein Vergleich, an dem man in Montana kaum vorbei kommt - und rast hinunter in grandiose Täler, offen, weit, kahl und leer. In Anaconda lädt ein "Haufbrau" zum Hühnerverzehr. Das "Joker's" in Butte ist der ultimative Truckstop mit Highway-Ikonen an der Wand, die mit einem nikotingetränkten RandMc-Nally-Straßenkartenmuster tapeziert ist. Der Chauffeur, vielleicht heißt er Hank, ist seit Dezennien hier ebenso zu Hause wie in wahrscheinlich zwanzig ähnlichen Läden links und rechts des Interstate, gealtert mit den Serviererinnen namens Sarah Lee oder Mary Kay, mit denen er routiniert herumschäkert. In solch einem Laden ist Rauchen geradezu erwünscht, und Hank isst seit Jahren gratis. Bevor er zum Aufbruch bläst, lässt er sich von Ruthie Mae noch die Thermoskanne füllen.

Kurz nach der Continental Divide nimmt ein übel riechender Mann in einer Vikings-Jacke Platz. Er kann sich augenscheinlich nicht nur kein Flugticket, sondern auch keinen Zahnarzt leisten. Er ist auf dem Weg nach Hause, Sauk Centre, Minnesota, und kann auf weitreichende Erfahrungen in Landwirtschaft und Fleischverarbeitung zurückblicken, beides Tätigkeiten, an denen im Mittleren Westen leider überhaupt kein Bedarf besteht, weswegen er seit längerer Zeit arbeitslos ist. In Minnesota war es übrigens, wo alles angefangen hat mit dem Greyhound, als Eric Hickman 1914 in einem "Hupmobile" Bergleute von Alice nach Hibbing kutschierte, für 15Cents pro Nase. Sein Sohn Carl vereinigte später die daraus erwachsene Northland Transportation Co. mit den Safety Motor Coach Lines von E.C.Eckstrom aus Chicago. Der brachte den Namen Greyhound ins Spiel, den er von einem Passagier aufgeschnappt hatte: "Dieser Bus läuft wie ein Windhund!" Die so gebildete Motor TransitCo. wurde 1930 offiziell auf den Namen Greyhound LinesInc. getauft. Heute verfügt man über 2677Busse, und ungefähr 13400 Angestellte kümmern sich um das Wohlergehen der Passagiere, die seit "9-11" wieder aufstrebende Tendenz zeigen.

Montana ist jetzt so, wie man es erwarten darf, mit Schildern wie "Chain Removal Area" oder "Bird Season Opens - Ammo licenses". Den Seitenstreifen schlendert ein Wanderer mit umgehängter Gitarre auf dem Rücken entlang, als sei er geradewegs aus einem Towns-van-Zandt-Song herausmarschiert: "Sometimes I don't know, where this dirty road is taking me ..." und so weiter.

Foto: T. C. BreuerDie mild-weltläufige Stimmung, in die einen Missoula versetzen kann, bedarf dringender Auffrischung. Bozeman ist vorzüglich dazu geeignet. Halb so groß wie Missoula, mehr Cowboys und Fischfritzen, dennoch ein formidables Städtchen mit jeder Menge Espressobars und dem gut sortierten Country- Bookstore. Montana hat bei aller Wildheit etwas Verzauberndes, Betörendes, fast Lyrisches. Idaho, 100Meilen südlich von hier, ist für derlei Ausschmückungen nicht bekannt. Die Yellowstone-Route ist weniger frequentiert, eine waschechte Montana Backroad - nach der muss man gezielt fragen, das häufig überforderte Schalterpersonal verkauft einem gern sonstwas. Insgesamt kostet der Trip nur knapp 100Dollar - wenn man das Ticket 14 Tage im Voraus bucht, kann man eine Menge Geld sparen. Oder gleich eines für zehn Tage nehmen. Wichtig ist, die Route festzulegen und das Ticket sofort nach Erhalt auf seine Richtigkeit hin zu kontrollieren.

Generell der beste Platz im Bus: zweite Reihe links, am Gang. Die erste Reihe ist für Behinderte. Direkt am Fenster bläst einen die Klimaanlage an. Die Beine kann man im Mittelgang ausstrecken, und so schnell setzt sich keiner neben einen. Von der zweiten Reihe sieht man die Fahrbahn und hat Gelegenheit, die abwechslungsreiche amerikanische Insektenwelt zu studieren, die allmählich die Windschutzscheibe besprenkelt. Wie kriegt man so einen Platz? Früh im Busbahnhof sein, den Anspruch in der Schlange vor dem Bussteig notfalls mit einem Gepäckstück anmelden, Kaffee besorgen.

Auf der 191 geht es schnurstracks auf die Berge zu. Die Landschaft steht einem Alpental in nichts nach, ist allerdings nicht wie in Europa zugepflastert mit Alpingerümpel wie Skilifts, Sprungschanzen oder Rodelbahnen. 15Meilen vor West Yellowstone ein riesiges Areal von Baumskeletten, ein imposantes Überbleibsel vom großen Waldbrand Anfang der 1990er Jahre. Acht Meilen weiter öffnet sich das Tal, zum Abschluss gibt es Montana in Cinemascope. West Yellowstone allerdings ist eine wüste Ansammlung von Beherbergungsbetrieben an Ausfallstraßen, eine Stripmall vom einen zum anderen Ende der Stadt, "a town with no downtown", wie Fred Koller es ausgedrückt hat.

Staatsgrenze Idaho. Der Wilde Westen müht sich redlich weiter, mit vorteilhaft positionierten Pferden und Schildern wie "Diamond Ranch" oder "Howdy, Stranger!" entsprechende Erwartungen zu erfüllen. Das Angebot im Radio variiert zwischen Country und Western. Ein Statepark folgt dem andern, Nadelwaldschonungen, Aufforstungsprojekte, aber nicht ein einziges Wildtier, jedenfalls keines, das den Highway überlebt hätte. Vom Wald-Idaho geht es mit rasanter sechsprozentiger Steigung bergab ins verdorrte Kartoffel-Idaho, eine flache und trockene Steppe. Gigantische Bewässerungssysteme haben alle Düsen voll zu tun. Im fernen Osten zacken die mächtigen Tetons herum. Natürlich begleiten einen moderne Idyllen wie halbververfallene Häuser, rostzerfressene Autos und verlassene Tankstellen, die Drive-Thru-Landschaft lebt von diesen Accessoires, das haben mittlerweile sogar die Fremdenverkehrsämter geschnallt. Ein letzter Stop, Busfahrer sind gehalten, vor unbeschränkten Bahnübergängen Vollbremsungen zu absolvieren, selbst wenn der letzte Zug nachweislich 1952 durchgerattert ist.

Idaho Falls. Das Taxi ist bei weitem dreckiger als der Bus, ein wahres Paradies für einen Dirt Devil. Wozu diese Stadt ein Visitor's Center benötigt, teilt sich dem Besucher nicht mit. Idaho Falls scherzt nicht herum, obwohl ein Paris Café "Chinese&American Food" anbietet. Trost verspricht allein das Café Ambrosia, wo die Frage nach einem Buchladen sogleich helle Aufregung bei den Betreibern auslöst: Es gäbe keinen downtown. "Aber", sagt die Besitzerin, "wir brauchen einen, und ich habe mir schon oft überlegt, dieses Café in einen umzuwandeln, weil ich das Restaurantbusiness leid bin." Dem berechtigten Einwurf, ob sie dafür wohl die ausreichend Kundschaft finden würde, begegnet sie: "Leute wie Sie!" Andere hat der Fragesteller keine gesehen. Das käme daher, meint sie, weil die Leute hier wegen der tollen Umgebung lebten.

Foto: T. C. Breuer

ID ist nicht die Hölle

Solang die Wochenenden noch schön seien wie heute, blieben alle draußen in der Natur, wanderten, rafteten, bestiegen Berge und ballerten Tiere ab. Am nächsten Morgen läuft im Fernsehen die Lebensgeschichte von Glen Campbell. "I've been to hell", hat der mal gesagt: "don't go there, it's not a good place." Die Hölle ist ID Falls nicht, wohl aber ein völlig uninspirierter Ort. Der gesamte Staat ist nach Montana ein Ablöscher, womöglich ist das der Unterschied zu Ackerbau (ID) und Viehzucht (MT): Wer seinen Kopf immerzu im Boden vergraben muss, hat kaum Chancen mitzubekommen, was sonst in der Welt vorgeht. Cowboys hingegen sind nicht an den Ort gebunden und tragen die Nase im Wind. Manchmal ein bisschen hoch, dafür aber wird wenigstens das Hirn durchgepustet.

Der Abschied fällt leicht, es geht vorbei an kilometerlangen Beregnungssystemen, die Wolken kleiden sich allmählich südwestlich, diese kleinen Wattebäuschchen, die aussehen, als habe man sie auf eine Glasplatte gesetzt. Dichtes Gewölk hingegen über den Tetons. Mitten auf dem Highway steht eine mexikanische Familie, der Fahrer bremst, lädt zu, eine Mutter mit zwei schreienden Kleinkindern, bestimmt hochverboten, augenblicklich fliegen dem Chauffeur alle Sympathien zu. "Utah - still the right place!" Im Radio mehren sich die getragenen Gesänge, Nacht senkt sich gnädig über uns. Für die meisten im Bus ist die Reise nicht in Salt Lake City zuende, die fahren weiter durch die Nacht, Chicago, Los Angeles, Denver, Dallas, wo Greyhound seit 1987 sein Hauptquartier aufgeschlagen hat. "Jede Meile eine prächtige Meile, jeder Highway ein Streifen Samt", versprach eine Werbung aus besseren Tagen. Wer weiß, wie lange noch - alle Jahre droht der Bankrott. Es ist zehn Uhr abends, und am Busbahnhof ist die Hölle los. Ach ja: Wenn Sie in Salt Lake in ein Hotel wollen, bringen Sie sich Ihr Taxi am besten selber mit, damit knausern sie am Salzsee.

(erschienen am 12.3.2002 in der Süddeutschen Zeitung)

Informationen

Travel Montana 1424 Ninth Ave Helena, MT 59620-0000 www.travel.mt.gov
Idaho Division of Tourism P.O.Box 83720 Boise, ID 83720-0093 www.visitid.org
Utah Council Hall, Salt Lake City, UT 84114-000 www.utah.com
Bustickets gibt es bei den meisten deutschen Reisebüros,
Greyhound beantwortet Fragen unter www.greyhound.com
oder unter 1-800/231/2222

© Thomas C. Breuer Rottweil
2.7.2012 - 00:00