Die Golfküste

I. Texas

Foto: T. C. BreuerDer Golf von Mexico. Dem Texaner ist er ein Verkehrsweg zu den Ölplattformen, den Menschen aus Louisiana ein gigantischer Meeresfrüchteeintopf, obwohl das Shrimpfischen alle Naslang untersagt werden muss, Mississippi hat nur einen kleinen Anteil daran und sowieso fehlt dort zu allem das Geld, auch Alabamas Rolle ist gering, hier dient der Golf als Parkplatz für Kriegsschiffe, und die Bewohner Floridas betrachten ihn als Gelddruckmaschine, bevorzugt Bodenspekulanten und Immobilienmakler.

Corpus Christi. Nach 15 Jahren Amerikareisen immer noch diese Anfängerfehler: Um das Budget günstig zu gestalten, habe ich mich per Internet in ein Hotel eingebucht, das ich an der Küste wähnte. Jetzt zahle ich insgesamt 60 Dollar für Taxifahrten. Hätte ich das teuere Holiday Inn genommen, hätten sie mich für 4 Dollar hin & zurück mit der Shuttle befördert, und ich hätte auf's Meer blicken können. So lande ich in der Peripherie einer Stripmall. Erst die Taxifahrt zum Busbahnhof spendiert mir den ersten Golf auf diesem Trip. Ohne Führerschein durch Amerika, das hat durchaus etwas exotisches. Die Toilette in der Greyhound-Station in Corpus kann ich nicht wirklich empfehlen, das gilt genaugenommen für die ganze Stadt, obwohl sich das Meer dort recht ansehnlich kräuselt. Der Bus von Valley Transit schuckelt über verschiedene Rampen stadtauswärts. Die Raffinerie am Ortsausgang, die mich die nächsten Minuten begleiten wird, wirbt mit der wenig ermutigenden Aussage: "Golden award in safety - 1984". Das Öl, das hier gewonnen wird, verarbeitet man an Ort und Stelle, und wie ich die Texaner kenne, verbrauchen sie es gleich hier. In Odem (Pop. 2490) müssen wir an einem Bahnübergang warten, ca. ein dreiviertel Jahr. Dafür erfreut mich das Schild: "Ziegenbock - brewed and sold only in Texas". In Refugio Stopp an einer Texaco: 2mal hupen, keiner kommt raus, keiner will hier weg, was wirklich schwer zu glauben ist. Die Busse sind verziert mit großflächigen Aufklebern: "Merry Christmas" steht auf dem einen, "God bless America" auf einem anderen, beides scheint temporär zu sein. Die Landschaft ähnelt einer Pizza Ruccola, über der aus unerfindlichen Gründen Raubvögel kreisen. Die Strassen dienen gleichzeitig als Evakuierungsrouten vor den beliebten Hurrikanen. In Victoria halten wir bei Leo's Cafe. Keiner da, nicht mal Leo. Von der Stadt sind mir ansonsten Holzverschläge und Wellblechdächer erinnerlich, nicht selten beschriftet mit den Lettern "Bar-B-Q". Keine toten Armadillos auf dem Highway, wo bleibt der Lokalkolorit? Erst hinter Ganado das erste überfahrene Opossum. Viele Einheimische, das deuten Werbetafeln an, haben sich der Herstellung von Beef Jerky verschrieben, so genau will man gar nicht wissen, was das ist - angeblich Rindfleischstreifen; wie aber habe ich dann dieses Schild zu verstehen: "We buy wild rabbits!" Ab und zu sieht man einen alten Farmer in einem Campingstuhl, der von der Pritsche seines Pickups Pekannüsse zu verkaufen versucht Nach all den Jahren muss ich mich immer wieder über die Ernährungslage wundern, auch wenn die Umsatzzahlen von McDonald's und anderer Quickbrater derzeit steil nach unten gehen. Dennoch ist Houston immer noch die schwergewichtigste Stadt der U.S.A. Dazu passend das nächste Billboard: "Overweight? Laparospic Obesity Surgery". Bis Houston sind wir aber noch unterwegs, Alice, Inez, Edna, Louise heissen die aktuellen Ansiedlungen, Jungs sind klar unterrepräsentiert, immerhin gibt es zum Ausgleich einen Dairy King.

Die Orte sind trostlos, vergessen, die Verbreitung von Rost lässt auf die Verbreitung grösserer Niederschlagsmengen schliessen. Eine langweilige Gegend, was nicht heisst, das ich mich langweile. Keine alkoholischen Getränke, schärft uns der Fahrer von Valley Transit ein um's andere Mal ein, dabei hätten wir sie gerade hier bitter nötig. Nicht mal die Wassertürme unterscheiden sich. In El Campo haben sich die Bewohner etwas mehr Mühe gegeben und Willkommensbanner an die Beleuchtungspfähle gehängt. Auch Wharton macht einen etwas weniger heruntergekommenen Eindruck. Am Ortsausgang das sicher legendäre TeePee Motel - eine Ansammlung von Indianerzelten; wenn Sie sich beeilen, schaffen sie es, bevor es ganz zugewachsen ist. Die Häuser entlang des Highways 59 sind aufgebockt, damit die Ratten Schatten finden. Fahrer als auch Beifahrer sind mexikanischer Herkunft, wir sind gerade mal 300 Meilen von der Grenze entfernt, die Akkordeondichte im Radio ist beträchtlich, gerade überholt ein Truck der Houston Avocado Co., Inc., vor uns rast ein Bus namens El Expreso mit Kennzeichen aus Tamaulipas, dafür mache ich auf der Gegenfahrbahn einen anderen Bus vom U.S. Immigration & Naturalization Service aus, der sich zügig auf die frontera zubewegt. Da drin dürfte die Stimmung etwas weniger ausgelassen sein. Ein ständiger Austausch. Viele Texaner fahren nach Matamoros oder Nuevo Laredo, um sich dort für billig Geld die Zähne machen zu lassen

Houston. Ausfahrt University Boulevard: "Prison Aera. Do not pick up hitchhikers!" Wunderbar, hier haben sie alle missliebigen Zeitgenossen zusammengelegt, Studenten und Verbrecher. In der Busstation, das ist neu, Sicherheitskontrollen für zusteigende Passagiere. Houston ist übrigens besser als sein Ruf, in den nächsten Jahren hat man einiges vor, um Touristen in die Stadt zu locken: Die Downtown wird, mit wechselndem Erfolg, reanimiert mit Shops, Kinos, Restaurants und ein Light-Rail-System istalliert, das Besucher zu markanten Sehenswürdigkeiten wie der NASA oder den Museen bringen soll. Wer aber wissen will, wie Houston tatsächlich tickt, dem seien Lokalitäten die Reggae Hut oder das Café Brasil an der Westheimer Ave. empfohlen, und vor allem die Anderson Fair, ein Club, in dem sich seit zwei Jahrzehnten die Elite der texanischen Songwriter die Klinke in die Hand drückt. Nicht zu vergessen das Areal eines Bildhauers nahe der Sawyer Street, eine Art Liliputausgabe von Mt. Rushmore.

Gerade mal eine Stunde weiter südlich bin ich wieder am Golf, in Galveston. Immer wieder Verwunderung über die Flexibilität der Hotelpreise: Bei telefonischer Anfrage war der Preis noch um 40 $ höher als beim Einchecken. Das passiert mir nicht zum erstenmal, und sicher ist es hilfreich, sich gelegentlich nach den sog. "great rates" zu erkundigen. So bleibt ein bisschen was übrig für ein halbwegs vorzügliches Mahl bei Gaido's (Golfblick!) und vor allem ein Frühstück im El Jardín, für das man einen robusten Magen braucht. Die Atmosphäre ist im besten Sinn authentisch, und Polizisten haben ihre eigenen Gerichte auf der Karte.

II. New Orleans/Cajun Country

Foto: T. C. BreuerIch hatte ganz vergessen, dass ich diese Stadt nicht besonders mag. Die Begrüssung. Das reservierte Zimmer, angeblich ein Irrtum, ist vergeben, dabei haben sie - Anlässe gibt es in dieser Stadt immer, diesmal fallen Silvester und ein College-Footballfinale namens Sugarbowl ungünstig zusammen - einfach überbucht, so wie das Fluglinien seit Jahren praktizieren und dabei auf Stornierungen hoffen. Wir werden ausquartiert, ein bisschen lästig, sparen aber dafür eine Menge Geld: statt dreier Nächte wird nur eine berechnet, zum billigsten Tarif. Wer's drauf anlegt und sich schlau macht über Events und Kongresse, kann mit dieser Masche sicher kostengünstig reisen. Wahrscheinlich gibt es eh nur ein freies Wochenende per Anno in N'awlins, und manchmal kommt es zu interessanten Begegnungen, wenn z. B. die Christopher Day Parade und das Veteranentreffen auf denselben Tag fallen. Ich reite nicht gern auf finanziellen Dingen herum, aber diese Stadt ist mir schon immer zu gierig gewesen. "Artificial voodoo", dessen magische Beschwörungsformel lautet: "Gimme your money!" Es bereitet fast schon diebisches Vergnügen, Angebote zum Nulltarif zu finden: Spaziergänge über Friedhöfe oder durch den Garden District, die Fähre über "den grossen Vater der Gewässer, der da aus der Mitte Amerikas fliesst wie ein Strom gebrochener Seelen, wie Kerouac es ausdrückte, rüber nach Algiers; von der kann man die herbeieilenden Pelikane beobachten, die sich im im Kielwasser des Schiffs kreiselnd wie Autoscooter eine gute Zeit geben. Zum Schluss drückt mir eine Dame von Krispy Kreme sogar einen verzuckerten Donut in die Hand, wer sagt's denn. Schwerst südstaatlich das Essen in der Praline Connection in der Frenchman Street, wo schwarzbehütete Männer mit weissen Hemden vernünftiges Essen zu vernünftigen Preisen servieren, den "sweet potato pie" sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Nei der Gemüseauswahl bitte auf "mustard" bestehen, was unserem Mangold nahekommt.

Ohne fahrbaren Untersatz ist die Gegend um Lafayette nicht zu machen, zum Glück reise ich nicht allein. Gut, man kann mit Amtrak nach New Iberia kommen, aber dann ist man festgenagelt in einem Städtchen, in dem zwar der famose James Lee Burke wohnt und das mit dem Evangeline Center eine veritable Konzerthalle vorweist, andererseits ist man dem fortwährenden Gedudel aus den Lautsprechern ausgesetzt, mit dem die Stadtoberen die ganze Stadt bestückt haben: Spanish Eyes, im Ernst. Lohnenswerter ist da schon das bezaubernde Städtchen Breaux Bridge. Das Bayou Boudin & Cracklin Bed&Breakfast besteht aus ein paar Holzhütten mit Sonnendeccks hinaus auf den Bayou Tèche, der nun nicht so grossartig ist, wie der Name vermuten lässt, aber Bayou ist Bayou, die Hütten sind einfach, dafür aus dem 19. Jahrhundert, es fehlt ihnen an nichts, und ein paar Fussminuten entfernt liegt das legendäre Restaurant Mulate's mit täglicher Live-Musik und all den Gerichten auf der Speisekarte, die dem Motto der Cajuns - "Ich esse alles, was mich nicht isst" - gerecht werden: Alligatoren und Frösche bereichern hier die Speisekarten, die weltweite Ächtung von Schildkrötensuppe ist völlig unbekannt, zart besaitetere Zeitgenossen finden dennoch leckere Mahlzeiten, z.B. Catfish. Wenn der folgende Tag ein Samstag oder Sonntag ist, sollte man sich das Frühstück im Café des Amis nicht entgehen lassen, wiederum mit handgespielter Musik, hier vergnügen sich Original-Einheimische, die Cajuns nehmen ja jeden Anlass zum Feiern, eine wunderbare Mischung aus Ländlichkeit und Weltläufigkeit, der Cappuccino ist ausgezeichnet, und weil Louisiana generell ein guter Ort zum Versumpfen ist, fahren wir hinaus zum Lake Martin, wo man mit etwas Glück, ich habe früher schon welche gesichtet dort, Alligatoren mit Highwayanschluss treffen kann. Diesmal leider nicht, die Biester lassen sich schlecht vorbestellen. Dafür aber die ganze Palette mit Silberreihern, Enten und Entengrütze.

III. New Orleans-Jacksonville

Foto: T. C. BreuerIch bemühe mich ja ernsthaft, Amtrak gegenüber ein gewisses Wohlwollen zu entwickeln, die amerikanische Bahn hat's nicht leicht, die meisten Staaten, die sie anfährt, steuern keinen müden Dollar zum Unterhalt bei, immer wieder ist von Schliessung die Rede. Leider ist keine Besserung in Sicht, oft verfährt man rührend umständlich und altmodisch. So muss der Zug an manchen Bahnhöfen zweimal halten, weil die Bahnsteige einfach nicht lang genug sind. Nach ein paar Trips mit Amtrak werden deutsche Reisende die Bundesbahn in Zukunft für ein Muster an Pünktlichkeit und Effizienz halten.

Heute ist es arg, angeblich ein Gleisbruch (anderntags lacht der Steward im Speisewagen gequält auf: "Gleisbruch? Das war eine Lüge. Wir mussten auf einen Güterzug warten. In solchen Fällen lügen sie immer!") Amtrak-Passagieren haftet etwas schicksalsergebenes an, keiner murrt, erst nach Mitternacht geht es los, weswegen ich Mississippi und Alabama verschlafe. Von früheren Reisen ist mir Mississippi als durchgehendes Spielcasino erinnerlich und von Alabama das Städtchen Fairhope, dass inmitten reizloser Gemeinden mit verlassenen Geschäften und Häusern eine kleine Oase darstellt. Das hat mir - echt wahr - der Zahnarzt des Autors von Forrest Gump empfohlen, dem ich auch das B &B in Breaux Bridge verdanke. Bei strahlendem Sonnenschein werde ich wach. 444 Jahre nach den Spaniern komme ich nach Pensacola, der Zug quert die Bucht, atemberaubend. Wir haben schon 45 Minuten Verspätung aufgeholt, wie, will ich gar nicht wissen, wenn ich mir die Unfallträchtigkeit dieses Unternehmens ins Gedächtnis rufe.

Im Florida Panhandle gibt es noch ein, zwei Küstenabschnitte, die die Landerschliesser übersehen haben. Die vielen Stopps oft mitten im Sumpfgebiet gestatten eingehende Naturstudien: hier ein flirtendes Kardinalpärchen, dort eine mir unkannte Reiherart, gelegentlich blickt man in die Antlitze erstaunter Jäger. Sumpfypressen und Bäume voller Spanisch Moos, als hätten ZZTop ihre Bärte da zum Trocknen aufgehängt. Eigentlich ist Florida nur an der Golfküste, in den Sümpfen und in bestimmten Strassenzügen von Key West erträglich: charmant verblichen und relativ normal. Der Zug braust jetzt inland ostwärts, die Kiefern fangen an und hören bis Jacksonville nicht mehr auf. Die Bahntrasse begleitet den Highway 90. Ein Schild vom Strassenrand grüsst mich: "Honk, if you love Amerika". Kurz vor De Funiak Springs müssen wir eine halbe Stunde auf einen CSX-Güterzug warten, es dauert ewig, bis der mit seinen 103 Waggons vorbeigezockelt ist. Gütertransport vor Menschentransport - diese Beförderungsphilosophie hat mir noch nie eingeleuchtet. Zur Ehrenrettung des Unternehmens muss gesagt sein: Das Essen ist wesentlich besser als früher und auf's Personal lasse ich eh nichts kommen.

Mit dem Appalachicola River überschreiten wir die Zeitzone. Um Tallahassee mit seinen gesichtslosen Regierungsbauten wird's für floridanische Verhältnisse geradezu gebirgig. Danach reihen sich Trailerpark an Trailerpark, Satellitenschüssel an Satellitenschüssel. Und dann wieder Pinien und Palmen. Stundenlang, bis Jacksonville, von wo ich, mit drei Kilos mehr als auf dem Hinflug, die Heimreise antrete. Wer derzeit nicht gerne ins Flugzeug steigt, kann die Reise natürlich auch daheim im Sessel unternehmen, bewaffnet mit Büchern von James Lee Burke (Louis.) und Carl Hiasen (Fla.), in den Boxen Musik von James McMurtry (Tex.), Corey Harris (Louis.) oder Jim White (Miss.), mit einem Film von Victor Nunez im DVD-Player und einem Bildband von Greg Guirad über die Menschen im Atchafalaya Basin auf dem Kaffeetisch und einem dampfendem Gumbo auf dem Herd.

© Thomas C. Breuer Heidelberg
13.1.2003 - 00:00