Eine Art Festrede zum Vierzigsten der Bürger-initiative für eine Welt ohne atomare Bedrohung, Rottweil
Diese Stadt kommt gar nicht mehr aus dem Feiern raus: erst das Einweihungsfest des REWE-Marktes am Donnerstag (was für ein Chaos!), am Freitag die Hänge-Party und jetzt das. Herzlichen Glückwunsch! Ich bin hier als Vertreter der Humorbranche geladen, um Ihnen nach schweren Themen den Übergang in den gesellschaftlichen Anlass zu erleichtern. Natürlich habe ich mich nach der Einladung – vielen Dank – gefragt, wo denn eigentlich der Witz bei der Sache liegt. Dann war klar: Eine „Bürgerinitiative für eine Welt ohne atomare Bedrohung“, das ist ja schon ein Witz an sich, das kommt einem zunächst einmal so erfolgversprechend vor wie eine Unterschriftenliste gegen Putin. Aber das hat sich Goliath womöglich auch gedacht, als er sein Beef mit dem Hänfling David hatte. Denn einerseits war die BI bislang erfolgreich, denn in den vergangenen vierzig Jahren hat es – außer Fukushima – keinen spektakulären Zwischenfall mehr gegeben – zumindest offiziell. Vielen Dank nochmal.
Andererseits natürlich ist die Bedrohung nicht geringer geworden, bei uns in Europa trägt sie sogar einen Namen, genau genommen zwei: Katharina Reiche, die wandelnde Energiekatastrophe, nebenberuflich Gas-Promi (äh: Profi), und natürlich Ursula von der Leyen mit ihren Mini-Atomkraftwerken, also Strahlkraft-to-go. Das Wort „verstrahlt“ hat umgangssprachlich längst einen Bedeutungswandel erlebt, wofür die beiden Damen recht gute Beispiele sind. Was wir dringender brauchen denn je, sind Politiker mit erneuerbaren Energien. Die Atomkraft erscheint mir manchmal leichter beherrschbar als die Leute, die unmittelbar damit zu tun haben.
Die Zeiten haben sich geändert, der Klimawandel ist die größte Lüge überhaupt, wie wir aus dem Weißen Haus wissen, der am dümmsten besiedelten Region Nordamerikas – für die Atomkraft ist das eine gute Nachricht. Irgendwie tut der Trump eh eine Menge für das Klima, denn bei den Spritpreisen lassen viele das Auto stehen. Auch die albernen Zölle sind gut für das Klima, die Drosselung der Märkte drosselt den Schadstoffausstoß. Der Klimawandel an sich ist gut für den Klimawandel, denn in überdurchschnittlich warmen Wintern blasen wir weniger Dreck in die Luft.
Erst letzten Montag gab es wieder mal eine Tsunami-Warnung in Japan, da fürchteten viele schon ein Remake. Warten wir jetzt mal ab, was uns mit der Irananreicherung dieser Welt in Sachen Atom noch alles glüht … blüht oder wie lange sich das AKW in Saporischija halten kann. Da braucht es nicht einmal Drohnen, sondern nur ein paar gewiefte russische Hacker. Wir sind schon so anfällig genug, man denke nur an das Berliner Stromnetz neulich. Unsere Abhängigkeiten haben wir uns immer noch brav selbst zurechtgebastelt.
Vierzig Jahre BI, das ist eine respektable Zeit. 1986 war ich schon zehn Jahre als Kabarettist unterwegs, ganze 34 Jahre jung, umflort von einer gewissen Sorglosigkeit. Bereits 1976 habe ich eine Pilgerfahrt nach Wyhl unternommen, das Thema ist mir also nicht ungeläufig. Angefangen habe ich in der Humorbranche mit selbstverfassten Nachrichten fürs Radio, heute würde man sagen: Fake News. Eine davon aus dem Jahre 1978: „Hier noch ein Verkehrthinweis: Der Stau auf der Autobahn A 5 Frankfurt-Basel in Höhe des Kernkraftwerkes Biblis besteht nicht mehr. Es besteht auch keine Autobahn mehr.“ Haben wir gelacht!
Der 26. April ist ein vielbeschäftigter Tag: Welttag des geistigen Eigentums. 1561 wird William Shakespeare geboren – immerhin, die Älteren werden sich erinnern. Durchaus auch explosionsfreudig: Am 26.4.2025 flog irgendwelches Zeug im Hafen von Bandar Abbas in Iran in die Luft. Der 26. April 1986 verzeichnete abnehmenden Mond und eine Menge anderes, was schlagartig abnahm – vor allem die Lebensqualität. Das Horoskop für diesen Tag verkündete jedoch frohgemut: „Menschen, die am 26.4. geboren sind, sind meist sehr beziehungsfreudig und finden ihre Bestimmung möglicherweise in der emotionalen Interaktion mit anderen“. Emotionale Interaktion – für die BI trifft das unbedingt zu. Der Hit der Jahres 1986 war „That’s What Friends Are For“ von Dionne Warwick. Auch darum geht es in einer BI.
Überhaupt die lockeren Achtziger: Die Umwelt wird plötzlich entdeckt, die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf landet ebenso in den Schlagzeilen wie die Volkszählung. Dabei dürfte klar sein: Wir sind genau ein Volk. Und nebenan gerade noch mal eins, aber nicht mehr lange. Überall fallen Mauern und Zäune, nur die in Wackersdorf und Brokdorf nicht. Trotz allem sind die Achtziger doch eher sorglose Jahre. Dummerweise hat uns nur niemand darauf hingewiesen. Waren das noch Zeiten, als Raissa Gorbatschowa als Covergirl der Bunten zu sehen war!
Der 26. April 1986 allerdings war ein übler Tag, der FC Bayern München wird zum 9. Mal deutscher Meister. Viel geändert hat sich da nicht. Und von wegen sorglos: 1986 ist doch eher – excuse my English – ein Kackjahr: Olof Palme wird ermordet. Die U.S.-Raumfähre Challenger explodiert. Was am 26.4. um 1:23h Ortszeit in Prypyat in der Ukraine passiert, muss ich hier keinem erzählen. Der Vorfall ereignet sich bei einer Simulation des Ausfalls der externen Stromversorgung. Man mag sich gar nicht ausmalen, was im Ernstfall passiert wäre. Interessant ein Wetterphänomen: Die Wolken – da war keine mit der Nummer 7 darunter – regnen sich über Deutschland radioaktiv ab – exakt bis zur französischen Grenze. Jenseits davon, im Elsass: nix! Rien de rien. Wir fallen hier aus allen Wolken, futtern unseren Wellensittichen die Jod-S-11-Körnchen weg und lernen nebenbei eine neue Vokabel, die klingt wie eine Margarinesorte: Bécquerel. Politiker verkünden strahlenden Gesichts: „Für die Zivilbevölkerung besteht keine Gefahr!“ Wir denken, die ticken nicht richtig! Das Einzige, was richtig tickt, sind Geigerzähler. Das Ganze entwickelt sich rasch zu einem Konjunkturbelebungsprogramm des kanarischen Tourismus, zumindest auf der Insel Gomera.
Ein Vierteljahrhundert später, als uns Fukushima um die Ohren fliegt, spricht unsere Kanzlerin: „Wir sehen auch, dass wir an dieser Stelle ein Stück Demut und Ehrfurcht vor der Natur haben müssen!“. Spontan fällt mir ein, dass ein Kernkraftwerk so in der Natur gar nicht vorkommt. Aber – zack! – wenige Wochen nach dem Unglück haben wir hier plötzlich ein Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Ja schaumalguck! Es bedarf nur des grimmigen Humors japanischer Kraftwerksbetreiber, solche Reaktoren auf einer Erdbebenspalte zu platzieren, schon florieren bei uns die Grünen. Nenne es, wie du willst, Japanisch-Roulette, Nuklear-Harakiri, was korrekt natürlich Seppuku heißt – dem Cäsium ist das Heulen und Zähneklappern sowieso wurscht.
Immer wenn ich an der Baulücke vorbeifahre, wo früher das AKW Mülheim-Kärlich gestanden hat, denke ich: Ja, geht doch! Die noch verbliebenen AKWs wirken gestresst, wäre doch schön, wenn die mal so richtig abschalten könnten. Die BI war stets bestrebt, eine Bedrohung für die atomare Bedrohung zu sein. Obwohl die ja nicht nur schlecht ist: ohne atomare Bedrohung hätte das Land nie einen grünen Landesvater bekommen – und das sage ich als Roter.
Zum Schluss noch ein kleiner Spoiler: das Thema Belarus halte ich leider für nicht so arg humorfähig, dem Lukaschenko würde ich statt einer Bürgerinitiative eher eine Würgerinitiative auf den Hals hetzen wollen. Aber alle Achtung: 117 % aller Stimmen bei der letzten Wahl, das hat kein Politiker vor ihm geschafft. Irgendwie scheint der doch eine volle Überdosis Strahlen abgekriegt zu haben. Lukaschenko-Witze kenne ich folglich keine, dafür einen russischen, mit dem ich mich heute morgen womöglich aus der Affäre ziehen kann. In einem Straflager in Sibirien hocken drei Männer in einer Zelle. „Warum bist du hier?“, fragt einer. „Ich habe im Jahre 1959 schlecht über den Genossen Danilowitsch geredet. Und du?“ „Ich habe 1967 gut über den Genossen Danilowitsch geredet.“ Sie blicken den Dritten an. Der hebt die Schultern und sagt natürlich: „Ich bin der Genosse Danilowitsch!“
Schließen möchte ich mit einem Auszug aus einem Liedtext, verbunden mit einem kleinen Rätsel. Wer hat die folgenden Zeilen bekannt gemacht:
Auf einmal war die Amsel still / An diesem Montag im Aprül.
Es war fast ein Tag wie jeder Tag / Doch es gab Tschernobyl.“
Das stammte von einer Gruppe, die vor allem für ihre Protestsongs bekannt ist: Die Kastelruther Spatzen.
Vielen Dank fürs Gehör, ich verabschiede mich von Ihnen, verbunden mit einem ganz persönlichen Gruß an Marlies Ott, wo immer sie sich gerade aufhalten mag.
P.S. Wer sich für die Arbeit der BI interessiert, findet Informationen hier: https://bi-rottweil.de/
© Thomas C. Breuer Rottweil den 26.04.2026