Halbleinen. Der Stoff, aus dem die Träume sind. (Eine Art Familiensaga.)

While birds rejoice in leafy bowers
While bees delight in op’ning flowers
While corn grows green in simmer showers,
I love my gallant weaver.
Robert Burns, The Gallant Weaver
Rautenkranz Eins. Ich fixiere nicht zum ersten Mal das Geschirrtuch in meiner Hand, mit dem ich soeben ein Weinglas poliert habe. Weiß, Halbleinen, die andere Hälfte vermutlich Baumwolle, umzingelt von vier dunkelblauen Linien, unten links hat jemand das Wort Rautenkranz eingestickt. Obwohl es rissig und fadenscheinig ist und nicht wenige Löcher aufweist, hat es soeben tadellos seine Arbeit verrichtet. Der Rautenkranz“ war das Hotel meiner Großeltern, das ist schon ein paar Jahre her, von Anfang der 20er-Jahre bis 1942, Wiederaufnahme nach dem Krieg von 1946 bis 1952, meinem Geburtsjahr. Wie in aller Welt bist du ausgerechnet hier bei mir gelandet, geschätztes Geschirrtüchelchen, in Rottweil, vier Stunden von deiner ursprünglichen Arbeitsstelle Eisenach entfernt, sieben sogar von deinem möglichen Herkunftsort?
Schade, dass es damals noch keine Tracker gab, wobei: meines Wissens existieren die für Geschirrtücher bis heute nicht, aber was wissen wir schon über Spyware? Wäre hochspannend zu erfahren, was so ein Tuch zu erzählen hat – es hat Aufstieg und Fall eines bedeutenden Hotels erlebt, die Machtergreifung, den 2. Weltkrieg, die Russen und musste schließlich den Weg in den Westen antreten, via Berlin, Bad Ems, Wiesbaden, bis es meinem Onkel in die Hände fiel, womit sich seine Spur erst einmal verliert, um irgendwann im Alpenvorland wieder aufzutauchen, im Nachlass seiner Lebensgefährtin, über die sich nur wenig Gutes sagen lässt, und selbst darüber müsste ich länger nachdenken. Wie alt magst du sein? Geschirrtüchelchen bleibt die Antwort schuldig. Also muss ich mir was ausdenken.
Einhundert Jahre. Natürlich ist die Zuordnung willkürlich. Das Geschirrtuch könnte vor ziemlich genau einhundert Jahren in der Prignitz gefertigt worden sein, ebenso gut aber auch zehn Jahre später in Thüringen gewebt und bestickt, in irgendwas mit -roda am Ende, also nicht in Pritzwalk. Möglich, aber unwahrscheinlich, denn wenn sie sie sich dort auf etwas verstanden, dann war es eben weben. Dazu gesellten sich familiäre Verstrickungen. Die erste Annahme passt somit besser in diese Geschichte, die sich ohnehin zwischen Fakt und Fiktion bewegt. Bekanntlich ist letzteres die interessantere Variante. Eisenach ist für mich eine bekannte Größe, daher ist es zunächst Zeit für einen Lokalaugenschein in Pritzwalk, vier Stunden nördlich von Eisenach. Ich bin gerade in Berlin, nach vier Tagen brauche ich zwischendurch dringend eine kleine Auszeit von der Hauptstadt.
Regionalexpress 6. Drei Minuten vor der Abfahrt Bahnhof Gesundbrunnen fällt der Bahn spontan ein, dass der Zug Richtung Perleberg gar nicht auf Gleis 9 abfährt. Dank eines beherzten Zurufs einer Bahnbediensteten vom benachbarten Gleis erfahren dies auch die Reisenden. November im Nordosten. Tröstlich ist allein schon die Abwesenheit der Hauptstadt. Raureif, den ich gerne „Reirauf“ nenne, weil es nicht minder schön klingt. Himmelblauer Himmel, der Boden gespickt mit kleinen Wattebäuschen, auch Bodennebel genannt. Festgefrorene Kühe, Blickrichtung Sonne, die sich zumindest erahnen lässt. Ohne das Gequäke aus dem Nachbarhandy wäre nur das sonore Brummen des Diesels zu hören.
Neubauviertel zum Bauklötze staunen, andererseits haben sie genug Fläche zum Verbrauchen. Freier Raum ermöglicht der Bahn eine gewisse Schnurgeradeausität, wie ich sie von Amerika kenne. Tatsächlich erinnert die Landschaft mit ihren Getreidesilos und Beregnungsanlagen an Iowa. Sonderlich interessant ist das nicht. Aber wie um meine Erkenntnis Lügen zu strafen, biegen wir in eine leichte Rechtskurve. Seit Oranienburg sind nicht mehr viele im Zug, ehrlich gesagt so wenige, dass wir uns glücklich schätzen dürfen, dass der Linienverkehr nicht während der Fahrt eingestellt wird, sozusagen „as we speak“, wie die Engländer sagen. Hinter Löwenberg verabschieden wir uns von der Hauptstrecke mit ihren Oberleitungsmasten. Die Gleise glitzern. „Neuruppin Rhein“ meldet die Orangeschrift der Anzeige – wo kommt jetzt plötzlich der Rhein her? Das Gewässer rechts definiert mein Handy als „Ruppiner See“. Blöderweise habe ich keine Karte dabei, mein Reisetelefonapparat teilt mir zunächst bereitwillig mit, dass es sich bei Neuruppin um die „preußischte aller preußischen Städte“ handelt und sowieso um die „Fontanestadt“ schlechthin. Von Fontane kenne ich nur den „Bahnwärter Thiel“, und selbst der ist von Gerhart Hauptmann, spielt aber immerhin in Brandenburg. („Die Weber“ würden zu dieser Geschichte eh viel besser passen.) Die Tafel am Bahnhof klärt mich auf: „Rheinsberger Tor“. Rheinsberg? Da klingelt eher was. Tuchos Rheinsberg, mit Claire und Wolfgang. Geht doch. Neuruppin hat es immerhin zu einem Lokschuppenhalbkreis gebracht. Der Zug hält noch in „West“, näher traut sich die Bahn nicht ran an die Stadt. Ein neuer Lokführer steigt zu, sein Vorgänger hat gerade mal zwei Stationen gehalten. Der hintere Zugteil wird abgehängt, prüfender Blick auf die Anzeigelaufschrift, damit ich nicht ebenfalls abgehängt werde.
Bildwechsel. Kiefern eignet etwas Großzügiges, Luftiges, sie erleichtern die Durchsicht, ein paar Gitterstäbe vor dem Horizont, das Sonnenlicht kann einen Kiefernwald proper ausleuchten, was ihnen vorteilhaft steht, wie in Gold gegossen. Schirmakazien. Feuerdorn. Stücker fünf Windräder. Wir tauchen ein in die rätselhafte Welt der Bedarfshalte. Walsleben – null Bedarf. Fretzdorf – keine Seele. Endlich, in Liebenthal erbarmt sich jemand, wer kann bei einem solchen Ortsnamen widerstehen? Allerdings pafft hier eine Riesenfabrik. Wenig später ein Kranichschwarm, spät dran, derzeit leider Super-Spreader der Vogelgrippe, soviel zum Thema Idyllen. Ein Feld gespickt mit Gänsen, die einen Monat vor Weihnachten kein langes Leben mehr vor sich haben. Topfeben, die Gegend, entsprechend radfahrertauglich, auch ohne Akku. Die Bahnanlagen von Wittstock (Dosse): wie geschleckt, was einem nach vier Tagen Berlin besonders ins Auge sticht. Vielleicht verweilen wir hier deshalb vier Minuten länger als vorgesehen, um dem Betrachter aus der Metropole zu zeigen: So geht es doch auch!
Wir nähern uns dem Zielort. Ich mag äußerlich gefasst wirken, bin aber doch etwas aufgewühlt. Ich bin nicht ja zwingend auf Recherchereise, will aber doch zumindest einmal im Herkunftsort meiner Großeltern mütterlicherseits gewesen sein. Keine Ahnung, welche Erkenntnisse mir das vermitteln soll – Spurensuche nach über einhundert Jahren? Mal schauen, aber eher doch: lächerlich.

(Pritz)Walk On The Mild Side. Im Bahnhof haben sie gleich das Ordnungsamt und die Polizei untergebracht. Damit wäre die Sicherheitslage geklärt, vielen Dank. Uniformierte wuchten schwere Geschenkkörbe ins Gebäude, das wäre doch nicht nötig … Ach so. Eine buchenumsäumte Fußgängerpromenade führt mich in die Stadt, in deren Zentrum sich u.a. eine großzügig bemessene Pferdeweide befindet. Während ich mir Gedanken mache über den AfD-Anteil unter den Pritzwalkern, wir befinden uns schließlich im Land Brandenburg, steuere ich auf ein Haus zu mit einer Regenbogenfahne.
Ich habe mich vorher über die Museumsfabrik gelesen informiert, die mir ein lohnendes Ziel zu sein scheint. Das Museumscafé

hat tatsächlich geöffnet. Die junge Dame am Empfang managt neben der Tourist-Info und dem Museumseinlass auch das Café. Lavazza, absolut trinkbar. Wie in fast jeder anderen Stadt auch hat man sich hier nur mittels Alkohol über die Runden gerettet, denn als erstes begegnet mir das Porträt von Gustav Schraube, nach dem nicht etwa ein mechanisches Befestigungselement mit spiralem Gewinde benannt worden ist. Herr Schraube hat Pritzwalk und Umgebung mit „feinstem hellen Tafelbier“ beglückt. Der Auszug aus der Arbeitsordnung der lokalen Kornbranntweinkellerei liest sich so: „§10 Sämmtliche Arbeiter sind verpflichtet, auf Anordnung der Vorgesetzten auch längere Zeit zu arbeiten, je nachdem der Geschäftsbetrieb dies erheischt!“ Na denn: Prost!
Pritzwalk war ein betuchtes Städtchen, im wahrsten Sinne, irgendwo muss der Ausdruck ja herkommen, denn hier wurden zu Glanzzeiten in drei Tuchfabriken vor allem Uniformen gefertigt. Ende des 19. Jahrhunderts war nur noch die Draeger’sche übrig. Anfang des 20. stieg die Nachfrage wieder, nicht zuletzt, weil Uniformen regelmäßig durchlöchert wurden. Tuchfabriken und Alkohol, eine todsichere Sache. Das Museum ist einfach der Hammer, liebevoll, informativ und detailliert auf seinen türkisfarbenen Schautafeln. Habe das Glück, auf der Aussichtsterrasse der beiden Maskottchen Pritzwalks teilhaftig zu gehen, Willy Wolf das eine, Raubritter Heine Klemens das andere, beide im bürgerlichen Leben anscheinend beim städtischen Bauhof beschäftigt, denn mit einem offiziellen Fahrzeug desselben haben sie die unförmigen Kostüme zum Museum herangekarrt, um hier einen Werbespot für touristische Zwecke zu drehen. Wolf und Raubritter, ein durchaus ambitioniertes Angebot für Reisende. „Der Name Jordan sagt mir was …“, sagt der Mann an der Drohne, der für die Luftaufnahmen zuständig ist, vielleicht erinnert er sich an „Crossing Jordan“.

Auf dem Rückweg muss ich feststellen, dass das Haus mit der Regenbogenfahne den Fanclub des FC Bayern beherbergt, das möge mir bitte mal einer erklären – was soll das? Einmal auf der Gewinnerseite sein? Apropos: Die AfD hat bei der letzten Bundestagswahl hier 37, 1 % eingefahren, weit abgeschlagen die SPD mit 17,4 % auf dem zweiten Rang, die Grünen sind mit bloßem Auge kaum sichtbar.
Vor dem Bahnhof ist viel Platz, vielleicht stand hier das Pritzwalker Filmtheater, 1938 eröffnet, am 15. April 1945 zerstört durch die Explosion eines Munitionszugs, drei Wochen vor Kriegsende, sehr dumm gelaufen. Im Bahnhof selbst befindet sich noch die KfZ-Zulassungsstelle, was etwas mitteilt über den Bahnverkehr in Deutschland, wobei es über die Prignitzbahn nichts zu meckern gibt, der Zug fährt bei der Rückreise sogar eine Minute früher ab. Damit endet mein Pritz-Walk, sechs Tage nach der offiziellen Eröffnung der Kniepenkohlsaison: Weißkohl, blauer Markstamm-Kohl, Grünkohl, vermengt mit Wein- und Kirschblättern. Das lasse ich besser mal unkommentiert.
Auf der Rückfahrt steigt in Heiligengrabe eine Gruppe aufgeweckt wirkender Jugendlicher zu – wo kommen die denn plötzlich her, hier gibt es doch überhaupt nichts zu sehen?! Ich frage nach: um die Ecke, hinter Bäumen verborgen, soll es eine Örtlichkeit geben, in der Seminare für FSJ-ler abgehalten werden, also für das „Freiwillige Soziale Jahr“. Anscheinend muss man die hier gut verstecken. Sie heben sich wohltuend ab von den FAS-lern, die bevorzugt im Osten, leider zunehmend auch im Westen, „Freiwillige Asoziale Jahre“ absolvieren. Wenige Tage nach meiner Exkursion soll sich in Gießen die Nachfolgeorganisation der AfD-Jugend konstituieren, deren Name mir schon jetzt nur noch vage geläufig ist, mir klang es ein wenig nach „Degeneration Deutschland“.
Was nehme ich mit aus Pritzwalk? Eher keine kulinarischen Aha-Erlebnisse. Ein Städtchen, das sich tapfer gegen die Zeitläufte wehrt, aber kaum gegen die Bestellwut im Internet und die Filialisten auf der ehemals grünen Wiese ankommt, das vielleicht aber nicht zuletzt durch das Museum ein Stück seiner Identität wiedergefunden hat. Es gibt viele schön herausgeputzte alte Häuser, andererseits zur Mittagszeit nicht so arg viele Menschen auf den Straßen, so dass ich ganz gut nachvollziehen kann, warum sich meine Großeltern fernab streng-preußischer Umtriebe ausgerechnet in Paris kennengelernt haben. Das ist zwar keine gottverlassene Gegend, wobei nicht klar ist, ob Gott jemals hier gewesen ist, dennoch eignet sich Pritzwalk wie jedes andere Kleinstädtchen prima zum Weggehen. Immerhin haben meine Großeltern hier geheiratet, aus Berlin soll eigens zwei Pagen des Hotel Adlon angereist sein, in Livree, immerhin.

Ob mich die Gegend mitgeprägt hat? Ein paar preußische „Tugenden“ habe ich mitgenommen, Pünktlichkeit zum Beispiel, aber die kommt anderswo auch vor. Wirklich erhellend für mich ist Pritzwalk, die Tuchstadt, nicht unbedingt – im ersten Moment. Erst bei strengerem Nachdenken: wo Tuch produziert wurde, gab es Leute, die es verkauften, womit wir endlich beim Herrn Fausack wären, dem Tuchhändler, meinem Urgroßvater – und von dem ist der Sprung zum Geschirrtuch kein weiter.
Quandtenphysik. Stellen wir uns vor: ein spätwinterlicher Nachmittag Anfang der Zwanziger, die Sonne schickt ein paar eher matte Strahlen in das Direktionszimmer der Draegerschen Tuchfabrik im obersten Stock des Klinkerbaus. Dort sitzt schon lange kein Mitglied der Familie Draeger mehr, seitdem sich die Quandts im Unternehmen ausgebreitet haben, mutmaßlich Hugenotten wie mein Großvater. Etwa seit 1700 in Pritzwalk ansässig. Damit wir uns richtig verstehen: ja, genau, die Quandts, die im Laufe der Jahrhunderte unvorstellbaren Reichtum angehäuft haben, weil sie den Verdrängungswettbewerb aus dem Eff-Eff beherrschten, teils, wie in Königshäusern üblich, durch gezielte Eheschließungen, teils ordentlich Ellenbogen. So hatte Emil Quandt, der ab 1865, seinem 16. Lebensjahr, bei den Draeger-Brüdern angeheuert und keine 15 Jahre später Hedwig Draeger geehelicht, die auch schon 25 war, in der damaligen Lesart ein „spätes Mädchen“, da durfte man nicht wählerisch sein.
Deren Sohn Günther wird es wohl gewesen sein, mit dem der Tuchhändler Fausack, in der Prignitz beileibe kein seltener Name, gerade im feinen Direktionszimmer sitzt, wo das Rattern der Webmaschinen nicht so aufdringlich ist, zwei Zigarren im Aschenbecher, jeder ein Glas von Schraubes „feinstem hellen Tafelbier“ vor sich, und der Fausack, den ich, wäre es darum gegangen, bei einer Verfilmung der Familiengeschichte mit Paul Dahlke besetzt hätte, also eher von kleinerer Statur, dafür aber sehr kompakt, spricht zum Quandt: „Mein lieber Quandt, mein Schwiegersohn will in Eisenach ein Hotel eröffnen … Quandt wirft ihm einen strengen Blick zu: „Referenzen, der Mann?“ Fausack saugt an seiner Zigarre: „Nun ja…“, schickt er dem Qualm hinterher, „er war Direktor im Adlon. Aber ich frage nicht nach Kredit. Soll auch Ihr Schaden nicht sein! Möchte lediglich meiner Tochter ein bisschen unter die Arme helfen…“ – geschliffenes Deutsch ist seine Sache nicht – „und ordere hiermit bei Ihnen fürs erste 500 Geschirrtücher nebst 1000 Servietten, mit eigenem Schriftzug, versteht sich!“ Hand drauf. Quandt schenkt seinem Gast daraufhin einen ordentlichen Schluck aus einer Sonderedition der Kornbranntweinkellerei ein, die in einer überraschend angesetzten Nachtschicht von nahezu „sämmtlichen“ Arbeitern zwangsdestilliert wurde. Das ist jetzt pure Fiktion, aber Pritzwalk ist eine kleine Stadt, da kennt man sich, die Damen aus den Salons und aus der Kirche, die Herren von der Jagd, gesellschaftlichen Anlässen oder aus den Freudenhäusern der Umgebung, aus Gesprächen werden Geschäfte, kaum vorstellbar, dass die beiden nicht miteinander geschachert gemacht haben. Es ist nicht mehr zu ermitteln, ob direktemang Quandt’sche Gelder in den Rautenkranz geflossen sind, durch reichlich Vitamin C – C wie Cousine, ein Gedanke allerdings, dem ich nur ungerne folgen würde. Ich weiß also leider nicht, ob Günther Quandt, der ehemalige Leiter der Reichswoll AG, der 1922 aus dem Staatsdienst ausgeschieden und in den väterlichen Betrieb eingetreten war, irgendeine Beteiligung am Hotel meines Großvaters gehalten hat, was mir wie erwähnt persönlich unrecht wäre, selbst wenn diese Gelder Anfang der Zwanziger Jahre noch relativ unschuldig waren. Im Unwissen kann auch Tröstliches liegen.
Sowieso hatte Günther zu diesem Zeitpunkt seine Fühler längst nach anderen gewinnträchtigen Branchen ausgestreckt, eine popelige Tuchfabrik, das konnte es doch nicht gewesen sein. Er wurde als „klug, energisch, brutaler Kapitalist“ beschrieben, von Joseph Goebbels, der nach der Scheidung Quandts zweite Ehefrau Margarete Ritschel – die beiden hatten wohl eine sog. „Lavendelehe“ geführt –heiraten sollte. Nicht zuletzt mittels dieser Kontakte florierten die Quandtschen Unternehmen unter den Nazis prächtig, sie profitierten von den Enteignungen jüdischer Betriebe ebenso wie von der Arbeit der Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge, und trotzdem sollte Günther von den Briten nach Kriegsende aus wirtschaftlichen Erwägungen nur als „Mitläufer“ eingestuft werden. (Beim Thema „mitlaufen“ kommt es auf die Gangart an: viele sind damals sogar gerannt, nur wenige haben getrödelt.) Die üblen Machenschaften der Quandts wurden zum Glück gründlich durchleuchtet, was freilich an ihrem unermesslichen Reichtum nichts geändert hat. Vielleicht wäre es noch wichtig zu erwähnen, dass … Stopp! Geht es hier nicht um die Geschichte eines arglosen Geschirrtuchs, das vielleicht im Jahre 2026 seinen einhundertsten Geburtstag erlebt, ohne Pomp und Feierlichkeiten? Natürlich kann es auch aus den Dreißigern stammen, aber zu dem Zeitpunkt wurde die Produktion solcher Stoffe vermutlich wegen des rasant wachsenden Bedarfs an Uniformen heruntergefahren.
Albär. Albert Jordan war 1885 als Sohn einer Frau Schulz in Pritzwalk zur Welt gekommen, die aber – zum Glück – dem ansonsten unbekannten Vater den Nachnamen abgeluchst hatte. Albert Schulz – die Frage sei gestattet, wie weit er mit diesem banalen Namen gekommen wäre. Albert Jordan hingegen klingt wie ein Versprechen. Man muss sich Albert Jordan als stattliches Mannsbild vorstellen, eine Erscheinung, gepflegtes Äußeres, mit Oberlippenbärtchen. Das Haar war natürlich nicht immer weiß gewesen, gefühlt aber schon. Schön anzuschauen in seiner Uniform, das Foto muss Anfang der Vierziger aufgenommen worden sein, da war er Sanitäts-Unteroffizier, weil er einen Arbeitsnachweis benötigte für die Nazis. Den Dienst konnte er praktischerweise gleich im eigenen Hotel versehen, das mittlerweile als Lazarett herhalten musste. Unwillkürlich fühle mich beim Betrachten der Fotografie an den alten k.u.k.-Satz „Tapfert samma ned, oba fesch“ erinnert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er den Dienst mit großer Leidenschaft versah, mit den Nazis hatte er es ohnehin nicht so, also nicht direkt. In diesem „Lazarett“ sollte meine Mutter dann wenig später meinen Vater kennenlernen.

Schon den Ersten Weltkrieg hatte Albert elegant umschifft, indem er einfach nach Paris gegangen war, wo er in einem Hotel nahe der Oper arbeitete. Jahrzehnte lang war ich dem Irrglauben aufgesessen, Albert, der die französische Aussprache „Albär“ kultivierte, habe meine Großmutter „Gretchen“ in der Oper kennengelernt, wo beide verblüfft herausfinden durften, dass sie dem gleichen Flecken in der Prignitz entstammten, damals ein Städtchen von etwa 8.000 Einwohnern: „Aus Pritzwalk!“ –„Wirklich, Gnädigste? Aus Pritzwalk? Mon dieu, das ist ja nicht zu fassen!“ usw. Dort hatte es keine Begegnungsebene gegeben: sie, wohlhabend – er, aus einfachen Verhältnissen, unehelich, Altersunterschied sechs Jahre. Tatsächlich sind sie sich in diesem Hotel erstmalig begegnet, da hatte Albert sich schon hochgearbeitet und sogar Anteile am Hotel erwerben können. Er hatte „Förderer“, wie man das damals nannte und wohl auch „Gönnerinnen“, in – wie man sich auf französisch ausdrückte: „chaque relation“, in jeder Beziehung also, einer Formulierung, der eindeutig Mehrdeutiges innewohnte, denn er hatte einen Schlag bei den Damen dank seines – im Wortsinn – gewinnenden Wesens, seines Aussehens und vielleicht auch wegen seines Namens. Obwohl er nicht besonders gut französisch sprechen konnte, gelang ihm das wundersamerweise im Schreiben „par excellence“. Was nun die Madame aus der Prignitz anbelangte, ist davon auszugehen, dass der Charmeur seine Chance erkannte und Gretchen becircte, denn ihre Familie war es schließlich, die wenig später über Kredite und Anteile den Rautenkranz finanzierte.

Gretchen. Gretchen ist für ihren „Albär“ mächtig ins Geschirr gegangen, sie pflegte den Rautenkranz mitunter „Sorgenkranz“ zu nennen, denn entgegen den üblichen Klischees von Paarbeziehungen, in denen oft die Frau den lebenslustigen Part übernimmt und der Mann den Job als Erbsenzähler und Bremser, war es bei meinen Großeltern gerade andersherum. Er knüpfte vorne im Restaurant und am Empfang die Kontakte, sie passte hinten im Kontor auf, dass er nicht übers Ziel hinausschoss. Sie liebte Stoßseufzer. Allerdings war sie kunstsinnig und führte ihren eigenen Salon, um sich ein wenig von „Albär“ abzukoppeln, und den hatte sie mit hochwertigen Kunstwerken bestückt. Porträtieren hat sie sich auch lassen, von einer in Kassel tätigen Kunstmalerin namens Ihle, die auch die Rubens-Kopie in der sehr guten Stube zu verantworten hatte. Nicht alle Exponate haben es später in den Westen geschafft, und spätestens jetzt könnte jemand den Namen Schalck-Golodkowski in die Runde werfen. Wie das wohl für sie gewesen ist, als die erste Kollektion Geschirrtücher – Halbleinen, wie geordert – in Eisenach eintraf, noch dazu aus der alten Heimat? „Na, wenn das mal alles gut geht!“
Zeit für ein Zitat: „‚Wenn es Tabletten gäbe, die einem das Gefühl vermitteln, adlig zu sein – die würde ich nehmen!‘ Dieser Satz stammt von meinem Kollegen Christof Stählin, der meine Großmutter mütterlicherseits nicht einmal gekannt hat, trotzdem passt er ihr wie angegossen. Wenngleich sie den Hochadel knapp verfehlt hat, so war sie doch aus bestem Hause und von Kindesbeinen an daran gewöhnt, dass stets irgendwelche dienstbaren Geister nur dazu da waren, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Wenn wir sie Jahrzehnte später, sämtliche dienstbaren Geister hatten das Zeitliche längst gesegnet, besuchten, hieß sie uns immer, Papierkörbe zu leeren, von denen höchstens der Boden bedeckt war, und irgendwelche Fäden oder Fussel vom Teppich zu klauben. „Kriech ma eben auf!“ sagte sie, und wiewohl weit über 90, hatte ihr preußischer Kommandoton nichts an Verve eingebüßt. Wir hegten freilich insgeheim den Verdacht, sie würde die Flusen vorher sorgfältig auf dem alten Orient verteilen, um Leute vor sich auf den Knien herumrutschen zu sehen. Sonst war sie natürlich die Liebenswürdigkeit in Person.“
Aus: Manalishi oder der Dicke kommt zum Abendbrot, Maro Verlag Augsburg, 2011.
Unbedingt möchte ich erwähnen, dass sie mich in Zeiten familiärer Turbulenzen stets unterstützt hat, auch in pekuniärer Hinsicht. Noblesse oblige. Gretchen konnte äußerst großherzig sein, großzügig zu Zeiten, sie hatte immer ein offenes Ohr, außer um drei Uhr nachmittags, wenn der Hessische Rundfunk die Börsennachrichten sendete, da war es nicht ratsam, sie mit irgendetwas zu behelligen.
Wie hat man sich die Geschirrabteilung eines florierenden Restaurants in jenen Tagen vorzustellen? Heutzutage werden diese Jobs an Migranten vergeben, im Allgemeinen schlecht bezahlt. Vieles geht maschinell. Geschirrspüler waren in den Zwanzigern noch Lebewesen, abgetrocknet wurde manuell, gut bezahlt wurden sie sicher auch nicht. Eine gewisse Josephine Cochran gilt als Erfinderin der Geschirrspülmaschine 1886, wahrscheinlich aus Notwehr. Das Teil arbeitete mit Wasserdruck. Erst 1893 wurde eine ähnliche Maschine auf der Weltausstellung in Chicago präsentiert. Die ersten in Europa baute Miele 1929. In deutschen Haushalten war sie erst seit den Sechzigern gebräuchlich. Das Trocknen jedenfalls funktionierte lange Zeit ausschließlich manuell. Schwer vorstellbar, dass mein Großvater je eines dieser Tücher in die Hand genommen hat, das war seine Sache nicht, höchstens, wenn ihm einmal ein Glas auf einer Festtafel auffiel, das nicht ausreichend funkelte. Das Personal ist gefordert. Chefs. Sous-chefs. Kaltmamsellen. Spüler und Trockner. Verschmutzte Gläser. Besteck. Tassen. Salatschüsseln, Suppenschüsseln. Und Teller: Unterteller. Frühstücksteller. Platzteller. Menüteller. Anstellteller. Brotteller. Essteller. Fischteller, usw. Im vorderen Bereich, also an der Front tiefe Verbeugungen, angedeutete Verbeugungen, unablässiges Getrippel auf dem Parkett und den roten Teppichen, Pagen, Chauffeure, Empfangsdamen. „Sehr wohl!“ hier, „Gnä‘ Frau“ dort. Der Rautenkranz dient sich lt. Prospekt als „altbekanntes Haus 1. Ranges am Wege nach der Wartburg“ an.

Rautenkranz Zwei. Beim Rautenkranz – Adresse Markt 22 – handelt es sich um eine repräsentative Liegenschaft, die denkmalgeschützt ist. Sie befindet sich an der Nordseite des Marktplatzes, vis-à–vis der Georgenkirche, zentraler geht nicht. Die Front ist in der Breite nicht sonderlich beeindruckend, aber der Bau zieht sich bis zur Alexanderstraße, ein Riesenkasten. Die heutige Form im Stil der Neorenaissance hat das Gebäude dem Münsteraner Architekten Hubert Holtmann zu verdanken und geht zurück auf das Jahr 1904. Aktuell beherbergt der Rautenkranz das Bürgerbüro, das Umweltamt und den Sitzungssaal. Nebendran befindet sich das ehemalige Weinhaus Rodensteiner, ein Fachwerkhaus aus dem 17. Jahrhundert, das meine Eltern aufwändig renovieren ließen und somit vor dem Verfall retteten.
Zum Thema Rodensteiner muss ich eine Passage aus meinem Buch „Eher sonstwo“ bemühen: „Von Ringelnatz gibt es das schöne Gedicht über ‚die schlafbrüchigen Bürger von Eisenach‘ („Kuttel Daddeldu im Binnenland“), und es ist gut möglich, dass er selbst an Ruhestörungen zu nachtschlafender Stunde beteiligt war, wenn er Eisenach besuchte und in der Weinstube Rodensteiner verkehrte, wobei viele der nächtlichen Zecher den unterirdischen Gang zum Hotel Rautenkranz bevorzugten, in dem sie abzusteigen pflegten – welches, wirklich wahr, eben meinen Großeltern gehörte.“
Aus: „Eher Sonstwo“ Verlag Der Schlechterdinger Bote, Rottweil, 2025

Das erste Haus am Platze, wie man damals sagte, u.a. logierte mein Held Ernst Lubitsch hier, dass muss in den Anfangstagen gewesen sein, denn bereits 1922 wanderte er klugerweise nach Hollywood aus. Die Frage, wie der denn so drauf war, beantwortete meine Großmutter so: ‚Ich persönlich fand ihn ein bisschen albern.‘ Eine Meinung, die ich keinesfalls teile. Vielleicht hat er seine Zigarre in jenem Aschenbecher abgelegt, der nach dem Spülen mit exakt einem der Geschirrtücher abgetrocknet worden ist, das sich in meinem Besitz befindet. Im „Rodensteiner“ befindet sich eine der tollsten Buchhandlungen Deutschlands, die „Leselust“.
Beim Durchblättern eines Fotoalbums aus den Dreißigern und Vierzigern bemerke ich eine gewisse Vornehmheit aller Beteiligten, ordentlich aufgemaschelt, wenn auch oft mit unbeteiligter Miene. Mein Onkel Dieter war manchmal richtig schnieke, außer in dieser dämlichen Pimpf-Uniform. Auf den Bildern sind nicht wenige Dackel auszumachen. Mein Großvater ließ sich eher mit seiner Tochter ablichten, meine Großmutter mit ihrem Sohn, dieses Klischee hatten sie nicht zu umschiffen vermocht. Nichts blieb dem Zufall überlassen. „Vorspeise ‚Rautenkranz‘ -.- Klare Ochsenschwanzsuppe -.- Brüssler Poularde, Salat Mignon -.- Sylvester Eisbombe -.- RM 4.50“ Zum Preis gilt der olle Standardkommentar: „Damals viel Geld!“ Die Karte ist undatiert bis auf den dezenten Jahreswechselhinweis, die Interpunktion vom Original übernommen. Auf alle Fälle ein weiter Weg vom Pritzwalker „Kniepenkohl“ bis in die Küche eines Eisenacher Hotels.

Gästebuch. Wer hat von diesen Tellerchen gegessen? Ausweislich des Gästebuchs, von dem unsere Mutter meinem Bruder und mir je eine Kopie hat anfertigen lassen, waren das u.a: Generalfeldmarschall Ludendorff 1922 – ganz schlechter Einstieg, der Mann war stark rechtsverschwurbelt. Henny Porten, mehrfache Einträge, kam unter den Nazis auf keinen grünen Zweig. Hans Albers trennte sich offiziell von seiner jüdischen Ehefrau, lebte aber weiter mit ihr zusammen. Heinrich George arrangierte sich mit den Nazis, weswegen er seinen Abschied 1946 in einem Internierungslager nehmen musste. Rosalind von Schirach stand den Nazis zunächst ablehnend gegenüber, im krassen Gegensatz zu Bruder Baldur, knickte dann aber ein. Ping-Pong. Dorothea Wieck (Theater, Leinwand) verschwand nach der Machtergreifung erst einmal in die USA, wo man sie bald als Agentin verdächtigte; kehrte heim ins Reich und wurde mehrfach als Tischdame Hitlers gesichtet. Dirigent Heinz Tietjen, bei Wikipedia als „Steigbügelhalter der Nationalsozialisten“ beschrieben, fasste sich NNNN im Gästebuch kurz: „Trotzdem!“ Trotz bitte schön was? Viele Eintragende halte ich nicht für die Bestbesetzung eines Gästebuchs, reichlich braune Präsenz, nicht zu vergessen am 12.-13. Mai 1928 Siegfried und Winifred Wagner, letztere eine enge Freundin des Führers, der es kraft ihrer Beziehungen aber gelungen war, meinen Großvater aus der Haft zu holen, in die er geraten war, weil er sich mit dem Kreisleiter angelegt hatte, nachdem dieser den Adler über dem Wartburgportal durch ein Hakenkreuz ersetzt hatte. So geht die Legende. Offizielle Anklage: Er soll einen Küchenjungen belästigt haben. Mit den Wagners waren meine Großeltern so gut befreundet, dass meine Eltern bis zum Tod meiner Mutter ungehinderten Zugang zu den Bayreuther Festspielen genossen.

„Es bleibt in meinem Gedenken / Ein Haus in vollstem Glanz. / Dies Zeugnis muss ich schenken /Dem schönen Rautenkranz.“ …
schrieb ein Max Grun … (Unterschrift unleserlich, Grundig ist es nicht.) Wieso fällt mir dazu der jüdische Witz ein über einen Gästebuch-Eintrag: „Alpenrose, schönste Rose / Schönste Rose, Alpenrose, gez. Silbernagel. Schreibt jemand drunter: Silbernagel, schönster Nagel / Schönster Nagel, Silbernagel, gez. Alpenrose.“ Von ähnlichem Kaliber finden sich hier nicht wenige Wortmeldungen. Obwohl ich mit der Sütterlinschrift halbwegs klarkomme, sind viele Beiträge komplett unleserlich, die Schrift oft nach rechts geneigt, schroffe Buchstabengetüme, Signaturen, die wie Seismographen bei Erdbeben übers Papier geschrappt sind. Donald Trump krakelt heute so. Übrigens haben sich viele Amerikaner verewigt, Franzosen, Norweger, ein britischer Botschafter. Mein Lieblingsname ist Umberto Urbano von der Mailänder Scala, ohnehin viele SängerInnen, SchauspielerInnen, die ganze UfA-Starparade, KünstlerInnen, Lil Dagover, Elly Ney usw., nicht wenige von Goebbels „Gottbegnadetenliste“. Dazu einer derer von Münchhausen, sich selbst als „Kammerherr“ titulierend, Carl Bosch aus Heidelberg, Erzherzog Johann (das muss ein Scherz sein im November 1930), Prof. Sauerbruch begnügte sich mit seinem Nachnamen, Alfred Rosenberg (ich muss gleich kotzen), der am 1. Oktober 1946 in Nürnberg gehängt wurde. Wie lavierte sich Grand-père nur an diesen Gruselgestalten vorbei? Fürderhin mit Unverbindlichkeit, außerdem war er ja berüchtigt für seinen Charme. Vielleicht verstand er es, anderweitig glänzen, z. B. durch Abwesenheit. Oder er hat sich für den ein oder anderen Anlass ein Attest besorgt.
Mein Bruder schreibt mir dazu: „Von Gretchen weiß ich, dass die Großeltern in der Weimarer Republik deutschnational gewählt haben, nicht NSDAP. Allerdings gab es durch die Wagnerbegeisterung gleitende Übergänge. Dass führende Nazis oder Rechtsradikale wie Ludendorff im Rautenkranz eingekehrt sind, dürfte damals kaum vermeidbar gewesen sein, sollte deshalb auch den Jordans nicht zu Last gelegt werden. Über die genauen Gründe, weshalb Albert in der NS-Zeit in Haft kam, hat unsere Mutter sich seltsam bedeckt gehalten, es war ihr ersichtlich peinlich. Ein Grund dafür lässt sich der Biographie Winifred Wagners von Brigitte Hamann entnehmen (2002, S. 418): eine Verdächtigung wg. angeblich homosexueller Beziehungen, womöglich ein Versuch des Kreisleiters, den Rautenkranz mit seiner zentralen Lage für die Partei zu requirieren. Aus der Haft ist er durch Intervention Winifreds freigekommen. Dass Albert sich offensiv mit einem Parteibonzen angelegt hätte, glaube ich nicht, dafür war er zu sehr Hotelier.“
Noch im April 1940 verewigt sich ein Georg Alexander: „Es war sehr schön!“ Was genau bitte schön? Anscheinend hatte sich der 2. Weltkrieg in Eisenach noch nicht herumgesprochen, wiewohl die Einträge im März 1942 kommentarlos mit der Unterschrift eines Hans Rauen enden. Dies sollte man den Überlebenden unter den unzähligen Deutschen ins Stammbuch schreiben, die nach dem Krieg so ahnungslos skandiert haben, sie hätten doch von nichts gewusst: 1942 kam Ernst Lubitschs „Sein oder Nichtsein“ heraus, freilich nicht in Großdeutschland, m.E. der beste Film der Weltgeschichte, in dem ein SS-Gruppenführer namens „Concentration Camp Erhardt“ sein Unwesen treibt. Wenn die Amis schon die Existenz von Konzentrationslagern gekannt haben … also bitte! In der Süddeutschen vom 3. Januar 2026 steht: „In einer von der Zeit beauftragten Studie im Januar 2005 sortierten nur 3 % der Befragten ihre Vorfahren als „NS-Befürworter“ ein.
Wiedereröffnung, Tata! Der Rautenkranz war zu Glanzzeiten ordentlich bestückt gewesen, was Haushaltswaren angeht, das Tafelsilber zeigte die Signatur meines Großvaters. Jetzt, nach Ende des Tausendjährigen Reiches, hat man nicht mehr alle Tassen im Schrank, und nicht nur die. Dennoch wünscht bereits am 10. Juli 1946 eine Marie von Martynow, die mir die KI als Librettistin nennt (ich traue KI selbstverständlich nicht über den Weg) „Herzlichst alles Gute zur Wiedereröffnung“, für die man sich nebenbei Möbel bei Freunden und Bekannten ausleihen muss, denn die Feld- und Lazarettbetten sind für diese Art Klientel eher nicht geeignet. 1949, ein Jahr, in dem viele noch an den Folgen der Unterernährung litten, dankt (unleserlich) jemand für „leibliches Wohl!“ Bon appetit. Die erste kalte Jahreszeit nach dem 2. Weltkrieg wird in den Chroniken als „Hungerwinter“ vermerkt. Das Buch endet mit dem „Schroeder-Quartett“ am 18. Mai 1952. „Wieder einmal im lieben Rautenkranz – hoffentlich bald ohne Zonengrenzen!“ Nun, das sollte dann ein Weilchen dauern.
Recherchereise. Ein weiterer Besuch in Eisenach. Diese Reisen sind meine Chance, einen Zeitzeugen zu befragen, der damals gar nicht vor Ort gewesen ist, dem meine Mutter aber alles haargenau berichtet und er sich das meiste gemerkt hat, eine außerordentliche Gedächtnisleistung meines Stiefvaters, der mittlerweile 96 Jahre alt ist. Vielleicht sind nicht alle Informationen detailgetreu, womit ich erneut das Thema Fakt und Fiktion streife. Ich habe bald alle Hotels in Eisenach durch. Diesmal steige ich ab in einer Pension, die den Namen eines italienischen Malers, Baumeisters, Bildhauers und Dichters der Hochrenaissance trägt, den diese Klitsche keinesfalls verdient hat. Ein Glück, dass mein Großvater so etwas nicht erleben muss, das Quartier ist eine Schande für die Zunft: ein Bad, bei dem man das Gefühl haben muss, dreckiger rauszukommen, als man hineingegangen ist. Dafür funktioniert die Deckenleuchte via Fernbedienung. Wow. Das Einrichtungsprinzip „Nachttisch“ ist leider unbekannt. Das Bett, ich bin nun beileibe nicht stark übergewichtig, kracht gegen halb fünf in der Früh unter mir zusammen. Ich bringe den Lattenrost halbwegs wieder in Position, an Schlaf ist leider nicht mehr zu denken, da ich ein Remake befürchte. Meinem Rücken hat der Vorfall keineswegs gefallen. Mir auch nicht. Zum Glück funktioniert das Internet, so dass ich gleich ein anderes Haus für die kommende Nacht buchen kann, im City Hotel, wo im Frühstücksraum über meinem Tisch ein Foto vom Rautenkranz hängt. Apropos, mein „bed incident“ korrespondiert lustigerweise mit einer Anekdote aus dem Rautenkranz, da muss ein Bett unter dem Patriarchen, also Bischof von Uppsala zusammengebrochen sein, honni soit qui mal y pense. Einem anderen Gast soll das mit einem Stuhl passiert sein. Das Stuhlbein hinterlegte er auf dem Schreibtisch auf einem Prospekt des Hauses, in dem es hieß: „… Möbel aus dem 17. Jahrhundert…“, versehen mit dem Kommentar: „Das merkt man!“)

Trockene Tücher. Über das Gefühlsleben von Heimtextilien weiß man wenig. Es ist ebenfalls nicht bekannt, wie meine Tücher Anfang der Fünfziger „rübergemacht“ haben, vielleicht in einer Kiste zusammengepfercht mit einfacher Wäsche, eher aber als Dämmmaterial wertvolle Glaswaren schützend. Bange Momente der Flucht? Unschöne Begegnungen mit der russischen Soldateska? Damals gab es auch schon Vopos. Es hat schreckliche Zeiten mitgemacht – und ist immer noch da. Gut, der Begriff „Deutsche Wertarbeit“ hat einen üblen Beigeschmack, aber das ist schon von hoher Qualität, was sie da zusammengewoben haben. Einhundert Jahre! Und nur die Hälfte aus Leinen – die andere schnöde Baumwolle. Bis heute hat es unverzagt seinen Dienst am Menschen versehen, jetzt gehört mindestens ein Exemplar hinter Glas, denn für mich hat es längst eine höhere Bedeutung gewonnen als das Grabtuch Christis. Ich werde ab jetzt jedes Mal seiner gedenken, wenn jemand die Formulierung „in trockenen Tüchern“ gebraucht.
Dishwasher Blues. Ob es so etwas wie einen „Dishwasher Blues“ gibt oder sollte ich dringend einen schreiben? Jetzt, sechzig Jahre später, lässt sich die Frage mithilfe des Internets leichter beantworten. Da gibt es einige Bluese, falls das der korrekte Plural ist, einerseits tröstlich, nimmt mir andererseits etwas von meiner Einzigartigkeit. Gut – damit muss ich leben. iTunes bietet mir um die zwanzig Titel an, der einzig ernstzunehmende ist der „Dishwasher’s Blues“ von Tim Easton. Außerdem ein Song von Marah mit einer gewissen Perspektive: „The Dishwasher‘s Dream“. Damals, in den späten Sechzigern, kreisten meine Träume um existenzielle Themen: wie kann ich dieser Strafkolonie entkommen? Wird sich Susi am Wochenende endlich erweichen lassen? Was passiert, wenn das mit dem Blauen Brief herauskommt: noch mehr Teller? Was erzähle ich am Mittwoch den Deppen von der Musterungskommission? Was heißt Geschirrtuch eigentlich auf Englisch? Ah, hier steht’s: die Amerikaner, überwiegend für den Blues zuständig, sagen „dish towel“, die Briten, wie immer eine Nummer vornehmer, was auch meiner Großmutter konveniert hätte, kommen mit dem „tea towel“ daher.
Mein Verhältnis zu Geschirrtüchern, wenn ich das offen ansprechen darf, war lange Zeit ambivalent. Der übliche Sonntag während der Hauptsaison sah gerne zweihundert Teller, Unterteller, Kaffeetassen durch meine Hände gleiten. Bei Besteck hatte ich es bald zu einer gewissen Virtuosität gebracht, ich schnappte mir einfach ein Bündel und hastunichgesehn verteilte ich sie in die vorgesehenen Fächer der Besteckschublade, wie ein professioneller Kartengeber in Monte Carlo. Ähnlich routiniert hatte ich das bisher nur einmal erlebt, und dazu möchte ich einen weiteren Ausschnitt aus einem früheren Buch bemühen:
„Dearborn, Michigan. In einem deutschen Restaurant mit Ölbildern an der Wand, die den Eindruck vermittelten, als hätte sie Hitler persönlich gemalt, wie sich eine Deutschlehrerin auszudrücken beliebte, erschien unversehens, während ich meine Texte verlas, gleich neben einem Monstrum von Schrank, der aussah wie ein Halbbruder von Göring, eine Bedienung, öffnete einen halben Meter neben mir eine Quietschschublade eben jenes Schrankes, und begann, in aller Seelenruhe das Besteck einzusortieren, ganz locker aus der Lameng.“ (2)
Aus: „Kerouac konnte nicht Autofahren“, Lindemanns, Bretten, 2014.
Wenngleich ich an Tagen jedem verdammten Teller eine Verwünschung hinterherschickte und manchmal absichtlich auf dem Küchenfußboden eine Tasse oder einen Suppenteller zerschellen ließ, dem sicheren Wissen um das sogleich einsetzende Gezeter zum Trotz, habe ich zum Spülen und Abtrocknen längst ein entspanntes Verhältnis, zum Glück; das Polieren und Wienern und Feudeln als kontemplative Momente, die den Gedanken gestatten, wegzudriften. Gerade eben wieder: Der Geschirrspüler ist kaputt, ich muss selbst Hand anlegen, wie nebenbei entstehen die vorherstehenden Zeilen. Der alte Trick funktioniert noch immer. Hören Sie sich einfach den „Dishwasher’s Blues“ in einem der üblichen Foren an. Was mich allerdings anbelangt, liegen meine Bluestage – siehe oben – eher hinter mir, ich höre mir das nur noch selten an, damals hat es gepasst, auch wenn sich auf Susi letztlich nur „bluesy“ reimte.
Stolz. Als meine Großeltern schon längst nach Bad Ems gezogen waren, ereilte Albert Jordan ein Brief aus Eisenach von einem Chorleiter namens Mauersberger: „Sie fehlen. Wenn Sie nach Eisenach zurückkehren, schreibe ich eine Kantate für sie!“ Wie man das halt so macht in Eisenach. Ich bin nicht stolz darauf, was meine Großeltern mütterlicherseits alles auf die Beine gestellt haben. Insgesamt beachtlich, doch, muss ich sagen – aber all das habe ja nicht ich erreicht, sondern sie. Ich kann mit dem Begriff Stolz nichts anfangen, für das Lebenswerk meiner Großeltern müsste ich eigens das Wort „fremdstolzen“ erfinden, aber was bei der Scham komischerweise funktioniert, klappt beim Stolz eher nicht. Sowieso haben Stolz und Ehre viel Leid über die Menschheit gebracht, immer wenn jemand ersteres oder letzteres verletzt sieht. Respekt ist noch so eine Vokabel, die häufig missbraucht wird. Stolz sitzt viel zu locker, angefangen bei dem dämlichen Spruch „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“, als wäre das ein persönliches Verdienst.

Vorletzte Station. Das Geschirrtuch hat viel in seinem langen Leben gesehen. Auf seine alten Tage muss es noch eine Umsiedlung nach Garmisch-Partenkirchen hinnehmen. Kein einfaches Schicksal, aber die Zeiten der Grandezza sind lange passé. Irgendwann in den späten Achtzigern ist es in die Fänge einer Person geraten, der mein Onkel als Lebensabschnittsgefährte diente. Der Mann hat es in seinem Leben nie wirklich gut getroffen. Meine Mutter hat seinen Stellenwert innerhalb der Familie eher unfreiwillig komisch exakt beschrieben. Als ihr Bruder nach sechs Jahren Kriegsgefangenschaft auf der Krim Ende 1948 rechtzeitig zur Taufe meines Bruders zurückkam, sprach der Pfarrer zu meiner Mutter: „Das muss ja eine große Freude für Sie gewesen sein, erst Ihr Sohn und dann kehrt auch noch ihr Bruder zurück!“, antwortete sie frohgemut: „Ja, das ist sozusagen die Nachgeburt!“, was meine Großmutter selbstredend peinlich berührte.
Auf der Suche nach dominanten Partnerinnen, von denen er sich ausnehmen lassen konnte, war er schließlich – fatalerweise durch Verkupplung meiner Mutter – bei einer alten Bekannten in Wiesbaden gelandet, die im Laufe dieser Beziehung nichts Besseres zu tun gewusst hatte, als zum Dank meinen Onkel mit meiner Mutter zu entzweien. Ich erinnere mich an diesen Asterix-Band aus dem Jahre 1970, „Streit um Asterix“, von dem ich mir sogar den französischen Titel gemerkt hatte: „La Zizanie“, weil mir das Wort so gut gefiel, überhaupt Wörter, die mit Z oder X oder Y anfangen, weil sie einfach seltener sind. Christel W., eine Erbschleicherin reinsten Wasser und vom Rest der Familie unisono verwünscht, war die geborene Säerin der Zwietracht, „la semeuse de la zizanie“, die allerdings im Gegensatz zu meiner Großmutter – höhere Tochter – kein Französisch sprach. Kollateralschaden der Geschichte: mein Onkel, selbst kinderlos, veränderte die Erbfolge zu Ungunsten seiner Neffen, so dass für das Erbe zweimal Steuer fällig wurde, denn seine Christel hatte er nicht heiraten dürfen, weil sie sonst der Pension ihres verblichenen Erstgatten verlustig gegangen wäre. Jedenfalls habe ich ein paar Geschirrtücher aus einer sentimentalen Regung heraus ihrer Hinterlassenschaft entnommen. Da war sonst nicht mehr allzu viel übrig, nachdem ihre Wohnung über Jahre hinweg von irgendwelchen Pflegekräften geplündert worden war: Schmuck, Pelze, Hutschenreuther Figuren … Mir ist jetzt erst klar geworden, welche Verantwortung da auf mich zukommt, denn jetzt sieht es ganz so aus, als wenn Rottweil zum Geschirrtuchgnadenhof avancieren würde. „The last towel standing“, bzw. „hanging“. Jedenfalls HerzlGlü zum Hundertsten.

Als Nachwort die Widmung aus einem Buch meines Bruders, vielen Dank:
„Gewidmet ist dieses Buch dem Gedächtnis der Wagnerianer in meiner Familie, meinen Großeltern Albert und Grete Jordan und ihrer Tochter Christa, meiner Mutter. Ihnen verdankt es viele Anstöße für die beiden ersten Kapitel: durch die reichhaltig mit Wagneriana ausgestatteten Hausbibliotheken in Bad Ems und Wiesbaden; durch die nicht immer ganz freiwillige Einbeziehung in die Radioübertragungen der Bayreuther Festspiele bei den Großeltern in Wiesbaden; und vor allem durch deren Freundschaft mit der Familie Wagner seit den späten 20er Jahren, die sich aus verschiedenen Aufenthalten von Siegfried und Winifred Wagner, Daniela Thode von Bülow, Verena, Friedelind, Wolfgang und Wieland Wagner im Eisenacher Rautenkranz ergab, seit 1920 im Besitz der Großeltern … Nach dem Krieg besuchte sie die Großeltern in Bad Ems und Wiesbaden und unternahm in den frühen 60er Jahren mit ihnen eine Reise nach Griechenland. Als ich alt genug war, um zu wissen, wer da aufkreuzte, habe ich es vorgezogen, auf Tauchstation zu gehen. Immerhin habe ich ihr für zwei wertvolle Mitbringsel zu danken: eine Lederhose, die in den 50er Jahren die Prügel meiner Volksschullehrer etwas abfederte; und Prescotts Eroberung von Mexiko, das die Grundlage für ein lebenslanges Interesse an Archäologie und Geschichte gelegt hat. Meine Mutter hat 1983 an die Wagner-Tradition ihrer Eltern wieder angeknüpft und die folgenden 33 Jahre gemeinsam mit ihrem zweiten Mann, Franz Schill, die Bayreuther Festspiele besucht. 2016 erlitt sie während einer Parsifal-Vorstellung die Herzschwäche, an der sie einige Tage später starb.“
Aus: Stefan Breuer, „Wagner, Nietzsche und die extreme Rechte“ (2023, S. 6 f.) Erschienen bei J.B. Metzler. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Songtext von “The Gallant Weaver” © Concord Music Publishing LLC
To be continued …
© Thomas C. Breuer Rottweil 31.12.2025– 22.01.2026