Hurtigruten auf Schienen

Wer von Rottweil nach Kopenhagen reist, kommt an Oberndorf a. N. nicht vorbei, aber keine 25 Haltestellen später ist man schon am Zielort, den Nothalt in Wunstorf nicht eingerechnet. Meine Parameter: Alleinreisen, denn Melancholie ist zu zweit kaum möglich. Ohne Melancholie ist nur halbe Freude. Kleines Gepäck. Budget Trip. Keine touristischen Aktivitäten ausserhalb eines Radius’ von eintausend Metern um den jeweiligen Zielbahn­hof. Auch die Restaurants sollten innerhalb dieses Kreises liegen. Konsequente Ignoranz an Dingen jenseits des Schienenstrangs, bis auf eine Ausnahme. Fokus auf die Schiene, Ende Gelände. Keine Taxifahrten. Von Rottweil nach Kopenhagen, von Kopenhagen über Malmö und Göteborg nach Oslo, von dort mit dem Flieger nach Helsinki, den Trip über Lappland möchte ich mir doch nicht antun, per Zug nach Turku und zurück, Flieger Frankfurt, Zug Rottweil, fertig. Alles innerhalb von vier Tagen. Wer in den USA imstande ist, zweieinhalb Tage am Stück im Zug zu sitzen, dem sollte das auch in Europa möglich sein. Fazit: Möglich ist es, nach Überwindung kleinerer Schwierigkeiten. Wo zu sein, ist sekundär, primär ist der Weg das Ziel. Ich war immer angezogen von der Fremde, aber war ich erst einmal dort, war sie nicht mehr fremd. Als Kind bin ich zuhause oft auf den Gästeparkplatz gerannt und habe die Nummernschilder gecheckt, denn die Besucher des Hotels meiner Eltern kamen aus aller Herren Länder. Ich lief zum Parkplatz, um zu staunen, mich fortzubilden, vielleicht unterschwellig genährt von der Hoffnung, es käme jemand und nähme mich mit. Von der Hoffnung und von der Angst, natürlich. Die nächsten vier Tage heisst es: Dänemark. Schweden, Norwegen, Finnland. Was davon jetzt Skandinavien zuzuordnen ist, darüber streiten sich Geografen und Historiker. Streng genommen besteht Skandinavien aus Norwegen, Schweden und dem nördlichen Finnland. Vier Länder, vier Währungen. Die Flaggen kommen alle kreuzweise daher. Drei Königreiche. Ein paar Pferde. Vier Tage Ferien von der Fussball-WM 2014, denn keines der Länder hat sich qualifiziert. Gut, das hat nicht so funktioniert.

Im Pendler nach Stuttgart sitzen um sieben morgens alle in aufrechter Haltung, mutmasslich wegen der Flügelschrauben im Kreuz, mit der sie allmorgendlich aufgezogen werden müssen. Rottweil-Købnhavn steht auf meinem Fahrschein, der Kontrolleur ist ein echter Profi und zuckt nicht einmal mit der Wimper, als würde ihm diese Kombination tagtäglich begegnen. Die Deutsche Bahn schleust mich problemlos durch Stuttgart, Mannheim und jene Stadt, in der es mittlerweile einen „Verein zum Schutz der Frankfurter Grünen Sauce“ gibt. Am Flughafen steigt ein amerikanisches Pärchen ein, offensichtlich frisch eingeflogen, er Typ Pitbull mit Tattoos in der Sommeruniform eines Paketboten, sie eher wie eine fundamentalistische Christin, farblos, mit langen Rock usw. Das Gepäck ist routiniert schnell in der Ablage verstaut, beide setzen sich hin und schlagen augenblicklich ihre Bücher auf. Die Strecke vom Flughafen zum Hauptbahnhof idyllisch zu nennen wäre übertrieben, aber diese Ignoranz der Aussenwelt gegenüber ist doch verblüffend, da kann selbst ich noch dazulernen. Aber vielleicht kommen sie ja jede Woche von den Staaten hergeflogen.

Was ist eigentlich aus den mobilen Brezelverkäufern geworden, die früher in Kassel resp. Göttingen eingestiegen sind? Ihr Schicksal liegt im Verborgenen.

KopenhagenSchon manches Mal habe ich mir gedacht, wenn ich im Hamburger Hauptbahnhof den ICE nach Kopenhagen gesehen habe: Den nimmst du auch mal. Heute also mache ich es wahr. Aber vor diesen Teil der Reise liegt Wunstorf. Vier armenisch aussehende Herren sind in Hannover zugestiegen, einer von ihnen schafft es nur bis Wunstorf, also etwa zwölf Minuten, bis die Durchsage ertönt: „Wegen eines medizinischen Notfalls müssen wir ausserplanmässig in Wunstorf halten!“ Drei armenisch aussehende Herren sprinten aufgeregt durchs Abteil, der vierte fehlt unentschuldigt und müsste ergo der Notfall sein. Ein Wunder, dass ich noch keinen Notfall inszeniert habe. Für solche Verzögerungen kann die Bahn ja nichts, aber es gab schon andere Gelegenheiten, bei denen dieses Unternehmen meinen Blutdruck in die Höhe getrieben hat. 36 Minuten Übergangszeit in Hamburg schrumpfen runter auf sechs, vergiss den Espresso. Die Bahn bestimmt noch immer den Reiseablauf und nicht der Reisende.

Warum ein dänischer Zug unbedingt Jever heissen muss, teilt sich mir nicht mit. Sieht aus wie ein herkömmlicher ICE, fährt aber eine Krone auf der Schnauze spazieren und das DSB-Signet. Er erscheint lächerlich kurz, aber dann fällt mir ein: Der muss ja auf die Fähre passen. Aber von welchem Zeitverständnis zeugt es, wenn auf im ganzen Abteil bei den Reservierungsanzeigen „last minute“ steht, ich den Platz aber schon vor zwei Wochen gebucht habe? So ein modernes Geschoss mag nicht so recht in die anmutige Hügellandschaft Ostholsteins passen, aber die bleibt ohnehin von den Geis­selungen der Moderne nicht verschont: Ein Schrottplatz, über dessen Zufahrt der Spruch prangt: „Kiek mo wedder in!“ Apropos Schrottplatz: Ab jetzt ist die Strecke fast Neuland, nur einmal bin ich bis Lübeck raufgerutscht, zu einer idiotischen Fernsehshow, zu der der NDR mindestens 35 Einsatzfahrzeuge in die Marzipanstadt beordert hatte, für eine Kabarettsendung im Dritten nach 23 Uhr, und bei der Hälfte der Beschäftigten hatte ich mich gefragt: Was zum Teufel machen die hier alle? Ganz gegen sonstige Ge­pflogenheiten, wie um den Schock der Erinnerung abzufedern, trinke ich um 16:15h mein erstes Bier, noch dazu ein Bitburger, ich will einmal im Leben etwas total Verrücktes tun. Dazu verspeise ich ein Ei-Sandwich – es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich auf der Fähre über den Belt nicht in hohem Bogen über die Reling reihere, auf das Wohl des NDR. Puttgarden, Ying und Yang der Vogelwelt, Krähen und Möwen. Tausende von ihnen bevölkern das Bahnhofsareal, schnell wird klar, warum diese Route „Vogelfluglinie“ heisst. Kaum haben wir abgelegt, der Zug hockt reglos im Unterdeck, von irritierten Fernlastern argwöhnisch beäugt, beginnt der Run auf die Dutyfreeshops. Skan­dinavier sind ja auf Grund rigoroser Alkoholgesetze in der Lage, sprithaltige Getränke binnen kürzester Zeit in ihre Körper zu schüt­ten, sobald ihnen diese preiswert genug erscheinen. Lange Zeit gab es an den Anlegestellen der ein­schlägigen Ostseehäfen Entgiftungsstationen und Rotkreuz-Zelte. Schnaps heisst übrigens auf dänisch philosophisch verbrämt „Spiritus“.

Die Fähre aber tuckert gemächlich, die Sonne scheint, die See ist ein Spiegel, Eibrötchen und Bit bleiben da, wo sie sein sollen, die Ansagen kommen auf dänisch, wobei die Dänen ihren Mund wohl eher für Essen und Getränke benutzen, denn sprechen tun sie durch die Nase. Die Ansagen kommen dreisprachig, und man fragt sich, ob Deutsch schon dabei gewesen ist. Allerdings hat uns die dänische Sprache ein Wort beschert, das sich sogar Zugang zum Duden verschaffen konnte: „Kökken­möddinger“, was soviel heisst wie „Küchenabfälle“. Aber, hej, das ist die angemessene Art und Weise, sich einem Land oder einer Stadt zu nähern: Auf dem Schiff. Die grosse Freiheit. Die Erhabenheit der weissen Kliffs von Dover, zum Beispiel, die Fähre von Bainbridge Island nach Seattle. Dänemark toppt das alles und grüsst schon von weitem mit einem selbstbewussten Getreidesilo. Da bin ich also endlich im Land der ketten­­rauchenden Königin und ihrem französischen Gatten, der sich der Zucht von Kampfdackeln verschrieben hat.

Vielleicht gibt es bald schon den Tunnel unter dem Fehmarnbelt, 19 Kilometer auf dem Ostseegrund, das Bauende soll 2021 sein, da sollten sie zumindest schon einmal angefangen haben. Rødby Færge atmet in etwa den Charme von Marienborn drei Jahre nach der Wende. Man passiert einen hohen Zaun und landet in einem Schienengeschling, in dem das Unkraut wuchert. Weit und breit kein Mensch. Wir nehmen Fahrt auf, vorbei an kleinen Wald­stücken, wie für zwei Personen angerichtet. Das Korn dazwischen steht schon so hoch, dass man von den Rehen nur die Köpfe sieht. Knapp fünfzehn Minuten später fühle ich mich wie zuhause, wir müssen zehn Minuten auf den Gegenzug warten, denn es geht eingleisig weiter, wie daheim auf der Gäubahn, beides internationale Strecken übrigens. Wie international, lese ich wenig später: Fünf Tage zuvor haben Zöllner einen Mann aus diesem Zug geholt, der 1,3 Kilogramm Heroin auf und in sich getragen hat. Den Zollbeamten war er durch Ausbuchtungen im Unterleib aufgefallen.

Unser Lokführer verlässt uns schon in Nykøping, zum Glück kommt ein anderer. Die Danske Statsbaner sind eine eher mühselige Angelegenheit: Sie halten gerne auf freier Strecke oder auch länger an Bahnhöfen, von der Gemeinde Eskilstrup will sich der Zug gar nicht trennen, dabei ist die Gegend so spektakulär nicht, das Pleistozän ist bei der Landschaftsgestaltung nicht gerade zur Hochform aufgelaufen. Gut, knapp hinter Næstved wird es ein paar Hügel geben, die sie bestimmt die Dänischen Alpen nennen. Kaum Menschen auf den Bahnsteigen, obwohl die Behausungen ein wenig wie Ferienhäuser aussehen, und sie ducken sich gerne. Selbst die Hochhäuser in der Peripherie machen einen gedrungenen Eindruck.

Bei der Brücke über den Storstrøm ist man auch froh, wenn man sie passiert hat und nichts passiert ist. Die Nahverkehrszüge hier sind Silberlinge, und ähneln geriffelten Lakritzstangen, die aus einer grossen Maschine gepresst und anschlies­send in gleich lange Stücke geschnitten werden. Hübsch anzusehen ist das nicht. Durch Roskilde, einer Stadt von immerhin knapp 50.000 Einwohnern und Heimat eines legendären Rockfestivals, rast der Zug einfach hindurch, ich warte auf Vollbremsung und vorsichtiges Zurückkrebsen, aber nichts dergleichen geschieht. Dafür halten wir in einem Gebilde namens Høje Taastrup, das auf meiner Karte viel kleiner erscheint. Aber die habe ich auch für zwei Franken im Zürcher Brockenhaus erstanden, sie ist noch mit D-Mark ausgepreist, und in der Peripherie von Grossstädten kann es passieren, dass sich die Einwoh­nerzahl binnen kurzem in affenartiger Geschwindigkeit verdoppelt. Endlich das Tagesziel. Kopenhagen Hbf wurde 1911 in Betrieb genommen, damals als Kopfbahnhof, die Haupthalle steht quer zum Gleis, ist aber längst untertunnelt. Dies als kleiner Hinweis an alle Stuttgarter Leser. Der Baustil? Sieht nach Dänischem Barock aus.

Im Hotel Astoria beglückwünscht mich der Rezeptionist zu meinem 4:0 Erfolg über Portugal. Ich möchte nicht anmassend erscheinen, aber daran hatte ich wirklich grossen Anteil gehabt. Mein Zimmer liegt gleichermassen über den Gleisen und dem Vorplatz und ist sozusagen in das Bahnhofsgeschehen integriert. Der Bahnhof liegt gleich neben dem Tivoli, vielleicht, dass der gewöhnliche Reisende nach einer Fahrt mit der DSB dringend der Aufmunterung bedarf. So schlimm fand ich es bisher eigentlich nicht. Rechts raus aus dem Hotel, Treppe runter, 200 m weiter zu einem ausgezeichneten Thai, das Rotcurry kärchert in Sekundenschnelle sämtliche oberen Luftwege, die von dreizehn Stunden Klimaanlage verklebt sind. Ich lasse kaum etwas zurück für die Kökkenmödinger, erschöpft sinke ich auf mein dänisches Bettenlager, um etwas Kraft zu tanken – die ich am nächsten Morgen tatsächlich brauchen werde.

Zum Glück treibt mich die präsenile Bettflucht früh aus den Federn. Mein Zug fährt zwar erst um 8:32h, aber zwei Stunden vorher ginge auch schon einer, nur dass ich die Vokabel „Göteborg“ nirgends auf den Anschlagtafeln im Købn­havn Hovedbanegård entdecken kann, und hinter allen Destinationen Richtung Malmö steht samt und sonders das Wörtchen „inställt“, was ich im Nachhinein als „eingestellt“ interpretiere, nachdem ich eine der Durchsagen als englisch verorten und dieser Ansage den Begriff „strike“ entnehmen  kann, der mir auch im Deutschen im Zusammenhang mit Bahnfahrten geläufig ist. Nach einigem Hin und Her, begleitet von schlechter Laune und der bangen Frage, ob nun in Schweden alle Eisenbahner streiken, lande ich im Flughafenzug, in dem mich folgende Ansage erfreut: „The busses against Sweden will go from P 8!“ Gegen Schweden ging es in der wechselvollen Geschichte des Landes häufig. Es streiken die schwedischen Kollegen vom Öresundtåg, einer privaten Eisenbahngesellschaft, die zum Veolia-Konzern gehört. Der will entweder 8% weniger zahlen oder 8% der Angestellten rausschmeissen, so genau habe ich das nicht verstanden. Die Busse, die vom dänischen Flughafen Kastrup nach Schweden hinüber fahren, tragen allesamt dänische Nummernschilder, die Schweden scheinen an einer Verbindung nicht interessiert. Eine Busreise über den Sund, das hat mir gerade noch gefehlt, aber wenn ich die Fahrt fortsetzen will, bleibt mir keine Wahl. Seit 2000 gibt es diese Brücken-Tunnel-Konstruktion, die sicher auch aus gesundheitspolitischen Gründen gebaut wurde, denn die damaligen Fähren waren enorm schädlich für die Leber, und am Tag der Eröffnung trafen sich die schwedische Madeleine und der dänische Frederick zu einem Küsschen in der Mitte. Wir werden in Hyllie, einem eher ausladenden Einkaufszentrum, am S-Bahn­hof entlassen, die Schweden haben sich dazu einen lustigen Hindernisparcours ausgedacht mit Baustelle, Barrikaden, Treppen usw., sicher nicht optimal für die Frau mit dem Gipsbein im Rollstuhl. Dass die Schweden unmittelbar nach der Öresundbrücke mit einem Einkaufszentrum aufwarten, ist kein Zufall, denn hier ist alles billiger als in Dänemark – ausser Alkohol natürlich. Im 16. und 17. Jahrhundert waren sich die beiden Nationen spinnefeind, die Provinz Schonen – Skåne – in der ich mich befinde, war bis 1658 dänisch, aber zumindest die Dänen haben alle Animositäten zurückgestellt, seit sie unter den höchsten Lebenshaltungskosten Europas ächzen, da ist das schwedische Preisniveau durchaus willkommen.

MalmöWas den Dänen der gigantische Getreidesilo von Rødby, ist den Schweden der Calatrava-Wohnturm von Malmö – der Leuchtturm, der schon von weitem zu sehen ist. Noch nie bin ich ohne Frühstück in ein fremdes Land eingereist. Das Überschreiten von Grenzen erfährt man heutzutage durch sein Handy, wenn sich der alte Freund Roaminginfo per SMS meldet. Er ist stets verlässlich. Mein erster schwedischer Zug ist ein lilafarbener Triebwagen von Skånetrafiken, in dem es, solange wir stehen, unablässig piepst, wie auf einer Intensivstation. Kurz bevor wir losfahren, wird der Ton durchdringend wie bei: Keine Herzfrequenz. Hier sitzen Pendler gleicher Bauart, wie ich sie genau 24 Stunden vorher im Zug zwischen Rottweil und Stuttgart erleben durfte, nur blonder.

Die nächste Klippe lauert im schönen Bahnhof von Malmö, denn der Öresundtåg, übrigens eine extrem ungepflegte Komposition, wovon ich mich beim Intermezzo zwischen Købn­havn Central und dem Flughafen überzeugen durfte, verkehrt eigentlich bis Göteborg, und für den gilt mein Ticket. Nur fährt der halt nicht, den haben die Streikenden gekapert, dumm gelaufen. Aber es gibt ja den Expresszug in diese Stadt am Göta älv, die sich halbwegs korrekt etwa „Chöteboj“ ausspricht, der allerdings im Auftrag der Statens Järnvägar, den Schwedischen Staatsbahnen SJ, läuft. Den kann ich natürlich nehmen, bräuchte dafür aber ein neues Ticket. Die zweite Klasse sei ausverkauft, heisst es gleich, die erste kostet 44 Euro umgerechnet. Das alte Ticket könnte ich mir ja von Veolia erstatten lassen, sagt der Mann am Schalter, und dann lachen wir beide ausgiebig. Ich kann von Glück reden, dass sie nicht noch eine „Aufwandpauschale International“ verlangen wie in der Schweiz. So finde ich mich als Pingpongball zwischen zwei Bahngesellschaften wieder, im wunderschönen Bahnhof von Malmö Central, licht und hell, alt und neu, mit rötlichem Holzgebälk und einem gläsernen Neubau, bewundere den ersten Salatautomaten meines Lebens und lerne, das Defribrillator auf schwedisch „Hjärtstartare“ heisst und denke kurz nach über einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Gegebenheiten. Ein schlechter Espresso, raus zum Bahnsteig, der Zug steht da, ist aber noch nicht freigegeben, und ich frage mich, ob die das im Winter auch so handhaben. Zehn Minuten vor Abfahrt schiebt sich zungengleich die untere Stufe aus dem Zug. So viele Leute sind das nicht auf dem Bahnsteig, dass die zweite Klasse ausverkauft ist, halte ich für eine charmante, aber einträgliche Lüge.

Zug von Malmö nach GöteborgAnsonsten ist der SJ 3000 – welch poetischer Name – ein Spitzengeschoss, das drinnen mit seiner gediegener Holztäfelung an den Metropolitan erinnert, der eine Weile zwischen Hamburg und Köln verkehrte und längst den Weg alles Irdischen gegangen ist wie die Brezelverkäufer zwischen Kassel und Göttingen. Das Holz wahrscheinlich Kirsche, sicher nicht aus Brettern des Billybaums gewerkt, der in Schweden überall wächst. Das Reisen hat so echt Klasse und ist seine 500 Skr wert, leider greift der Seniorenrabatt erst ab 65 Jahren. Es gibt organischen Roibushtee in der Selbstbedienungsecke, Schokokekse zur Blondverkostung, und das Bistro befindet sich „schätzungsweise“ in der Mitte des Zuges, die englische Ansage benutzt das Wort „approxemately“, genau wissen sie es anscheinend nicht. Alles bestens also, trotzdem betrachte ich die Mitreisenden voller Argwohn, denn wie man aus den Werken von Sjöwall/Wahlöö, Mankell, Nesser oder Edward­sson weiss, haben vor allem die Schweden einen notorischen Hang zum Morden, kein Land produziert derart viele literarische Leichen wie dieses, obwohl die Nachbarländer sich ebenfalls redlich bemühen, da kann man mal sehen, welche Verwüstungen der Protestantismus in den Schädeln der Menschen anrichten kann. Kalle Blomquist ist sicher längst in Pension. Ich habe natürlich selbst daran gedacht, mir ein Pseudonym zuzulegen, Tomås Breuström, einen Titel hätte ich auch schon: „Die Bestie von Bullerby“. Draussen in der Landschaft sehe ich unzählige arglose Lebewesen, die sicher eines gewaltsamen Todes sterben werden: Kühe. Im Zug selbst verläuft die Fahrt ohne Zwischenfälle. Der Zug heisst mit vollem Namen SJ Snabbtåg, Schnapp­tag, ich selbst muss kurzzeitig nach Luft schnappen, hat mir der Bengel doch den miesesten Platz im Waggon verkauft, mit null Sicht. Fast brauche ich den „Hjärtstartare“. Ich möchte etwas sehen von der Landschaft, dies wird mein erster Trip auf dieser Strecke, und mutmasslich gleich der letzte. Ich sehe freie Plätze, und da ich nicht zu den ergebenen Typen zähle, die ihre Reservierung tapfer aussitzen, wechsele ich einfach. Der Zug sei ziemlich voll, sagt die Schaffnerin, aber das gehört zur Geschäftspolitik, wie ich mittlerweile weiss, um das eigene Unternehmen aufzuwerten. In Wahrheit ist das Abteil nicht mal halb voll, sondern halb leer, sogar in Helsingborg steigen kaum Passagiere zu, mein Platzroulette funktioniert und ich habe Glück bis Chöteboj.

Schweden scheinen immer zu wissen, wo sie sich befinden, anders als beispiels­weise die Schweizer müssen sie nicht ständig überall ihre Fahnen hinhängen, Schrebergärten natürlich ausgenommen. Wenn, nehmen sie elegante schmale Wimpelchen. Halt – das waren doch nicht etwa Weinberge eben, kurz hinter Ängelholm? Gut, wir sind in Südschweden, aber das liegt trotzdem im Norden. Es lebe die Klimaerwärmung! Später, bei der Nachrecherche, erfahre ich vom nördlichsten Weinberg der Welt auf der Schäreninsel Tynningö. Also muss es sich um Spalierobst gehandelt haben.

Ein Höhenzug namens Hallandsås kommt einem nach tagelangen Ebenen geradewegs alpin vor. Wir wechseln von Wisconsin übergangslos nach Maine, das sind so meine Vergleichsmöglichkeiten, vielleicht auch Lake Michigan. Bei Varberg erreicht der Zug die Küste, überall stehen Holzhäuser auf grünen Wiesen, wie von Carl Larsson auf eine Leinwand gepinselt. Die Dispersionsfarbe heisst korrekt übrigens „falunrot“. Was es bei dessen Bildern sicher nicht gab: Pferde, denen man Planen mit Zebramustern übergehängt hat, eine originelle Idee. Eine bösartig fauchende Papierfabrik von Södra Sverige direkt am Strand – wir haben’s ja – macht den Abschied leichter. Wenn das Auge den Linien folgt, die die Strecke begleiten, sei es das Nebengleis, eine Strasse, ein Flusslauf, stellt sich bald eine Art Eisenbahntrance ein, dazu die häufig gleichmässigen und mehr oder minder sanften Erschütterungen, die den Rhythmus vorgeben – andere bedürfen eines Gurus, eines Hypnotiseurs, eines Therapeuten, um sich selbst zu versenken, mir genügt oft eine Fahrkarte. Das ist mitunter sogar billiger, Rottweil-Købn­havn für 139 Euro in der ersten Klasse, Sparangebot.

Zug von Göteborg nach OsloJetzt aber die Norweger, die treiben es echt demokratisch, ihr Zug bietet ausschliesslich zwei­te Klasse, es gibt keine Unterschiede, vielleicht haben sie aber auch einen Hang zur Zweitklassigkeit. Dafür prangen neben den Türen folgende Signets: MasterCard, Visa, Diner’s Club, wie man es sonst nur von Hoteleingängen kennt. Das Prinzip der NSB: First come, first serve, Ryan Air auf der Schiene – oder anders formuliert: Darwinismus. Der Zug gleicht dem austriakischen Railjet, sehr windschnittig. Später, in der Peripherie von Oslo, wird mir noch ein S-Bahn-Zug begegnen, den sich die Norweger von Pininfarina haben entwerfen lassen. Ich habe mein Gepäck auf dem Bahnsteig des zweitgrössten schwedischen Bahnhofs, Göteborg Central, direkt vor Tür # 4 abgestellt, das mallorcinische Handtuchprinzip auf dem Bahnsteig, ich bin gewappnet, vor dem Zug also, den ich ursprünglich habe erreichen wollen – aber nur, weil ich in Købnhavn zwei Stunden eher los bin. Früher als angekündigt werden die Türen freigegeben, eine Bonsai-Stampede setzt ein, denn so viele sind es nicht, und ich ergattere einen von zwei Sitzen mit Aussicht in Fahrtrichtung. „Velkommer on bord in tog til Oslo.“, begrüsst mich eine leise Lautschrift. Junge, glatzköpfige Männer mit umfangreichen Gepäckstücken, wahrscheinlich Tubas, laufen draussen vorbei. Andere haben Fahrräder in teuer aussehenden Schutzhüllen dabei, das soll mir in Oslo noch häufiger begegnen, vielleicht handelt es sich um eine nationale Obsession. Per Ansage erfahre ich sogleich, dass die CashCard in diesem Zug nicht gültig ist.

Der Zug, der vom Subunternehmer Tågskompaniet unterhalten wird, ist ein „Kren­getåg“ der Baureihe BM73, wem das was sagt, und er ist: Sauber. Bequem. Halbwegs geschmackvoll. Pünktlich. Ein Neigezug also, die bei uns ja dazu neigen, nicht zu funktionieren, Entschuldigung für das Wortspiel, da kommt man nicht dran vorbei. Bombardier- und Siemens-Ingenieure, Zeit für einen Fortbildungskurs! Und schon geht es los, rechts die Autobahn, links der Göta alv. Viele Felsen mit rötlichen Verfärbungen, wenn die Brocken eisenhaltig sind, wird es wohl Rost sein, aber in diesen Breiten ist natürlich auch Blut denkbar. Der Zug wird sich wahrscheinlich zur Grenze hin leeren und hinter ihr wieder füllen. Es nordelt draussen, mehr Getann, mehr Birken und eine Station, die Troll­hättan heisst. Ein Handy ertönt, sofort beschwert sich eine Frau bei einem Teenager, dies sei  ein „Stille“-Abteil, das sie dann aber eine halbe Minute später verlässt. In einem Dänemark-Podcast begegnet mir später der schöne Satz: In jedem Schweden steckt ein kleiner Polizist, und in jedem Dänen ein kleiner Krimineller. Unterdessen erreichen wir meinen Lieblingsortsnamen: Ed. Kannte ich bisher nur als Pferd. Natur im Überfluss, ein gelegentlicher Hase, Tannen, Seen, da hätten sie ruhig einmal einen Elch hinstellen können, die Leute von Alaskan Railway schaffen das auch.

Mein Handy fiepst, wer kann das schon sein: Mein treuer Kumpel Roaminginfo, natürlich. Wir verlassen jetzt den europäischen Sektor. Den Grenzübertritt hätte man auch ohne elektronischen Hinweis bemerkt, schliesslich sieht jetzt alles da draussen schlagartig anders aus. „Riksgrensen“, bestätigt die Laufschrift, Reichsgrenze, als Deutscher zuckt man da schon mal zusammen. Eine Woche vor mir war mein Bundespräsident hier, um an die Verbrechen der deutschen Besatzer zu erinnern, und prompt fällt mir ein, dass mein Vater wohl auch vor über siebzig Jahren da war, aber darüber halte ich besser mal die Klappe. Immerhin beziehen wir ein Drittel unseres Erdgases aus Norwegen. Die Regierungschefin dieses Landes heisst übrigens Erna mit Vornamen und gehört zu den Rechtspopulisten, die sich das Land unter den Nagel gerissen haben, die „Fremskrittpartiet“, was es auch nicht besser macht. Zeit, die kleinen, albernen Banknoten aus Schweden gegen die albernen, kleinen aus Norwegen im Portemonnaie zu ersetzen.

Die Norweger haben auch ihre literarischen Bestien, ich frage mich aber doch, warum ausgerechnet diese so kontrolliert erscheinende Gesellschaft so einen wie den Breyvik hervorbringt, aber das haben die Experten längst messerscharf analysiert, das kann man anderswo nachlesen. Es gibt auch Norwegerkrimis.

Wir halten in Aspedammen, unverständliche Durchsage. Der Lokomotivführer durchmisst gravitätisch das Abteil, um sich am Automaten (nur norwegische Münzen!) einen Kaffee zu ziehen. Und schon krängt der Gegenzug durch und es geht weiter. Nach etwa einer halben Stunde die erste Andeutung einer Ansiedlung, hier stehen mehr als fünf Häuser beieinander, und der erste Halt heisst, das fantasiere ich nicht: Halden. „Short Stopp only!“ Grosse, grosse Fabrik, und plötzlich steht da ein hochseetaugliches Schiff mitten in der Landschaft, folglich muss dieser See ein Fjord sein. Idde heisst er mit Vornamen. Jetzt begleiten wir die Autobahn ein Stück, vor allem den Truck mit der hübschen Aufschrift Toten Transport, der aber darf nur 110 km/h, also lassen wir ihn links liegen. Industrie und Idyll kommen jetzt in raschem Wechsel, und nicht selten hat sich die Industrie im Idyll häuslich eingerichtet. Der Ort Sarpsborg wird als „Saschboj“ vorgestellt. Ich reise dem Frühling hinterher, hierzulande anscheinend als Feuerholzmachzeit bekannt.

Geradewegs rauschen wir in einen Siedlungs- und Industriegürtel hinein, in dem der Norweger zur Anhäufung von Häusern tendiert, manchmal sogar in Reihe. Der Zug fährt Zickzack, ist ein Stück nach Süden abgebogen, eine Hurtigrute sieht anders aus. Frederikstad bietet eine Riesenbrücke über die Glomma, die als längster und breitester Fluss Norwegens daher kommt. Ab jetzt wird es voller im Zug. Alle wollen scheint’s weg von hier, warum, weiss keiner. Auch auf den Strassen lange Schlangen stadtauswärts, was ist nur los? Eine Tsunami-Warnung oder haben die schon um viertel vor vier Feierabend? Nächster Stopp im hochseetauglichen Moss. Unverständliche Durchsage, die das Wort „Sitsplatsen“ enthält. Eine Sprache, die dem zackigen Buchstaben „Z“ aus dem Weg geht, ist mit Vorsicht zu geniessen, und womöglich auch die Leute, die sie benutzen. „Horisont“ – wer kann so etwas ernst nehmen? Die letzte Station vor der Hauptstadt trägt den Namen Ski, was sich „Schi“ ausspricht, hier scheuen sie die Konfrontation mit dem harten „K“. Erstmals auf diesem Trip erhalte ich einen Fussraumeinschränker vis-à-vis und einen Nebensitzer. Die Leute bringen es fertig, gleichzeitig schrecklich gesund und anämisch auszusehen, und obendrein sind viele von ihnen gekleidet, als wären sie geradewegs aus einem Katalog für Outdoormoden herausgelaufen. Nicht zufällig heisst eine der führenden Marken North Face.

„Oslo Sentralstasjon“ ist noch ein halbes Kind, erst 1981 eingeweiht, die Haupt­städter haben vor Jahrzehnten ihren Kopfbahnhof zum Durchgangsbahnhof umoperiert, u. a. mit dem neu gebauten Oslotunnel. 150.000 Reisende kom­men hier täglich zusammen, und am 17. Juni 2014 bin ich einer von ihnen. Für Oslo habe ich im Internet ein „kleines Doppelzimmer“ angemietet, dazu lese ich in meinem Rider: „Kapazität max. 1 Person“. Nicht mal Platz für einen Fernseher hat es. Es ist dies nicht mein erster Besuch in diesem Land, um 1996 war ich anlässlich einer SPD-Kreuzfahrt hier, mit den Kollegen Priol und Giebel, als Bestandteil des Unterhaltungsprogramms. Rein in den Fjord, an Land ein bisschen über die Alkoholpreise lästern, zurück an Bord, an der Bar zu Personalpreisen weiter saufen, raus aus dem Fjord, das war natürlich kein bleibender Eindruck. Und die zwei Stunden in Bergen haben es dann auch nicht rausgerissen. Aber was genau veranstalten die Norweger: Erschwerter Zugang zu Alkohol, kein Fernseher auf dem Zimmer – damit könnte ich leben, würde da nicht so ein leicht erzieherischer Unterton mitschwingen, der mir eher zuwider ist. Öl heisst auf norwegisch „Olje“, und Bier, wie in anderen skandinavischen Ländern auch, „Øl“, was man besser nicht verwechseln sollte. Am nächsten Morgen werde ich am Bahnhof um sechs an einem Werktag kaum weniger Betrunkene sehen wie am Kölner Hauptbahnhof, eine richtige Ølplattform ist das. Einer von ihnen wankt mir entgegen, kompakter Kerl, so hoch wie breit, und auf dem T-Shirt steht irgendwas mit „Quadratic“. Wenn sie sich solche Gelage leisten können, müssen sie unvorstellbar viel Geld haben. Der Bahnhof heisst „Sentralstasjon“, das einzige „Z“, das mir hier begegnet, ist die Zero bei Coca Cola. Was mir nicht begegnet, sind deutsche Tageszeitungen, davon halten sie anscheinend nichts.

Oper in OsloBeim Inder prüfe ich, ob mein Budget noch ein zweites Øl hergibt. Ich hätte freilich norwegisch essen können, eine Stelltafel auf dem Bürger­steig wirbt u. a. für Walfleisch. Einen kleinen Ausflug gestatte ich mir vorher noch, zur neuen Oper („Ballett og Konserter“)sind es nur ein paar Schritte, genau da, wo sich unsere Kanzlerin zur feierlichen Eröffnung 2008 ausschnittsweise gezeigt hat. Viele schräge Ebenen, Orthopäden und Chirurgen dürften sich die Hände reiben, denn problemlos kann man sich hier den Fuss vertreten. Von oben hat man einen Atem raubenden Blick auf die Stadt und den „Horisont“ mit den vorgelagerten Inseln, Utøya ist aber nicht zu sehen.

Was dringend zu lernen ist: Die verschiedenen Bahnlinien auseinander zu halten, sonst kostet es Geld. Der Airport Express ist nicht identisch mit dem Flytoget Airport Express. Erstere wird von den Norges Statsbaner NSB betrieben, und die andere mit dem dämlichen Namen ist privat. (Die Statsbaner sind ihrem Namen zum Trotz auch privat, und überall, wo die Rechten an der Macht sind, treiben sie die Privatisierung voran.) Ich habe ein NSB-Ticket für 90 norwegische Kronen erstanden, sehe einen Zug mit „Airport“-Beschriftung stehen, steige arglos ein, um 25 Minuten später an der Schranke am Flughafen in Gardermoen zu stranden, wo sie mir noch einmal 170 NOK abknöpfen. Da fehlen mir deutlichere Hinweise, so gesehen komme ich mir abgezockt vor, aber leider ist es auch die eigene Blödheit. Meine Laune ist nicht allzu prächtig, als ich mich anschicke, das Land zu verlassen, und die Abfertigung am Flughafen hellt mich auch nicht auf, im Gegenteil, die Schlachtviehisierung des Reisenden wird konsequent vorangetrieben. Vor allem die Hi-Tech-Deppen regen mich auf, die an der Security-Kontrolle ihr Smartphone zücken und es auf ein Lesegerät legen – bei jedem Dritten funktioniert es nicht, ganz abgesehen davon, dass doch keiner weiss, was genau da passiert, welche Daten da rausgesaugt oder draufgespielt werden. Aber zumindest erfüllt sich ein alter Traum: Auf einer internationalen Route kein Gepäck einzuchecken, um am Zielort wie der Clooneyschorsch in „Up in the Air“ geradewegs am Gepäckband vorbeimarschieren zu können, das hat was. Ich habe noch genau 24 NOK übrig, ein Espresso – auch das können sie nicht – kostet 19, behalten Sie den Rest, ich komme so schnell nicht wieder. Wenn überhaupt. Walfänger, pah!

Auf der Anzeigetafel für den Flug nach Helsinki steht allerdings: Regen, 9 Grad. Am Gate wird die Schranke mit Klebeband festgehalten. Flug über Wälder und Gewässer und dann noch einmal Wälder. Der Start in Finnland: Irgendwie bringen sie das Dock nicht ans Flugzeug heran, wahrscheinlich ist das Gepäck weit vor den Passagieren am Band, und ich habe nicht mal welches eingecheckt. Ich erwische den Flughafenbus in die Stadt hinein zum Hauptbahnhof, oder, wie die Finnen zärtlich sagen: Helsingin päärautatieasema, damit das schon mal klar ist. Allein der ist schon die Reise wert, eine imposante Schalterhalle, in der man bedauern muss, wenn man schnell dran kommt, ein bisschen Jugendstil, eine Prise Neoklassizismus, entworfen von Eliel Saarinen. Der Bahnhof wurde 1919 nach fünfzehnjähriger Bauzeit eingeweiht, bester finnischer Granit, herausragend der Uhrenturm mit seinem grünen Oberteil. Dazu serviert man bei Robert’s den besten Espresso dieser Reise.

Bahnhof in HelsinkiIn Finnland versteht man wenig, weiss aber, was man bezahlt, denn der Finne hat den Euro. Die finnische Schalterdame betrachtet angestrengt ihren Monitor, murmelt etwas von Holiday und ob überhaupt noch was frei ist für die Rückfahrt von Turku und reicht mir irgendwann triumphierenden Blickes ein Billett, also hätte sie es in hartem Kampf der internationalen Datenlage abgetrotzt. Komischerweise kostet die Rückfahrt 45,90 Euro, die Hinreise aber nur 44,20. Die Wahrheit ist: Die Rückfahrt werde ich allein im Grossraumabteil bestreiten. Die 1. Klasse hat man mit einer Barriere abgetrennt, auf der in grossen Lettern „Ekstra“ steht. Sollte man bei uns auch einführen. Die Sitze sind in erfrischendem dunkelblau und petrol gehalten. Die Platznummern gibt es in Braille­schrift, man gelangt problemlos ins Internet und die Minibar kommt in einem Aufzug aus dem Unterdeck hochgefahren. Hier könnte ich mir „Muffinssi“ und „Kahvi“ bestellen, aber die zwei Stunden bis Turku schaffe ich auch ohne. Die Federung ist vorzüglich, die Schienenlage erfreulich. Sehr neckisch die kleine Handdusche neben der Kloschüssel, die mir auch im Hotelzimmer begegnen wird – Bidetersatz oder Ersatzklobürste? Die Papierhandtücher hat man sinnigerweise ausserhalb der Toilette angebracht. Gut, die Gepäckablagen sind für Gepäck nicht wirklich geeignet und auch in die Schliessfächer passt kaum welches hinein, aber das sind Marginalien, denn ansonsten machen die VR-Yhtymä Oy wirklich Spass. Sie lassen einen alles wissen, was man braucht, man darf in den Zug einsteigen, sobald er da ist, aber natürlich ist es in Finnland noch kälter als in Norwegen oder Schweden – so auch heute. Endlich hat es sich gelohnt, die Regenjacke eingepackt zu haben. Der Finne richtet auch das Wort an einen: Ob das ein Kassettenrekorder sei, was ich da in der Hand hielte, fragt mich ein Herr im zweiten Anlauf auf Englisch: So etwas habe er seit Jahren nicht mehr gesehen. Ich benutze den nur, um Aufnahmen zu machen.

So einen schönen Lokschuppen mit Drehkreuz bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof habe wiederum ich schon lange nicht mehr gesehen. Bereits zweieinhalb Minuten nach der Ausfahrt der erste Stopp in Pasila bzw. Böle, die schwedischen Namen reichen sie immer gleich dazu. Nur Kilo heisst in beiden Sprachen Kilo, und Salo später auch. In Espoo/Esbo prangt an einem Hochhaus – und andere gibt es praktisch kaum – die Leuchtschrift „Atelier Goldener Schnitt“. Jetzt leuchten die Buchstaben natürlich nicht, es ist taghell, obwohl heller Tag ist. Heute Nacht dann übrigens auch. Die Birkenversorgung ist exorbitant, weitere Waldverherrlichende Elogen spare ich mir. Mittendrin plötzlich auch einmal eine Haltestation ohne Infrastruktur drum herum, wie in Utah. In Karis /Karjee wird plötzlich der schwedische Name zuerst genannt, und das Taxi, das am Bahnhof steht, gehört einem Kurt Österberg. Finnisch ist das nicht. Ich reise unverändert dem Frühling hinterher, der Raps, der bei uns schon vor zwei Monaten durch ist, steht hier, Mitte Juni, kurz vor der Blüte.

Kino in TurkuNach zwei Stunden haben wir Turku erreicht, oder eben Åbo. Im Kino läuft die ganze Woche über „Casablanca“. In einem Fenster das Plakat für ein Rockfestival, dessen Top-Act die Gruppe Hawkwind sein wird. Bin ich irgendwie aus der Zeit gefallen? Die Stadt selbst hat etwas vom Charme von Frankfurt. Frankfurt an der Oder. Zwischendrin mal einen kleines Holzhaus, sonst Z. T. übelste Platte. Turku die Perle des Abendlandes zu nennen, wäre also deutlich übertrieben, andererseits: Schöne Städte kann jeder. Da verwundert das Geschäft mit den Karnevalskostümen nicht: Karnevaalikauppa. Die brauchen sie wohl zur Ablenkung. Die Auslage erinnert an Köln 1974. Die Menschen kostümieren sich längst anders, unter den männlichen Bewohnern ist häufig der Prototyp „Wacken“ anzutreffen, Typen also, die aussehen, als hätte man sie von einem Heavy-Metal-Konzert beurlaubt. Ebenso beliebt: Glatzkopf mit Vollbart. Tätowierer dürften in Finnland reich werden. Bei den Mädels überwiegt natürlich blond, wie nicht von dieser Welt, durchscheinende Geschöpfe. Wo anderswo in diese  Haarfarbe viel Geld investiert wird, geht die Finnin gerne mit Färbemitteln dagegen vor. Die Bankautomaten heissen Otto. Das Telefonnetz hört auf Elisa und die Umweltministerin auf den schönen Namen Paula Risikko. Auch die staatlichen Alkoholverkaufsstellen reden nicht gross rum und nennen sich schlicht Alko. An den Kiosken kriegt man diese Tageszeitungen, deren Titelbild eine ganzseitige Anzeige ziert, heute für Rotwein. Als Journalist kennst du somit deinen Stellenwert. Dass auf den Müllkörben im Stadtgebiet, und nicht nur da, der Satz „Kiss my Turku“ steht, ist eher verwirrend.

Abends um sieben, an der Ecke Eerinkinkatu/Kristiinakatu tönt eine Blechstimme durch die im wahrsten Sinne leergefegte Strasse, denn von der See her geht ein scharfer Wind: „Dear Customers, we are closed, thank you for your visit, come again!“ Vorher natürlich auf finnisch und schwedisch, und ich stehe einen Moment ratlos da, weil ich nicht weiss, ob sich die Durchsage auf die gan­ze Stadt bezieht oder lediglich auf das Kaufhaus? Falls letzteres – warum sagen sie es dann auf der Strasse durch? Die Ampeln sind längst auf Blinken gestellt, vielleicht habe ich einfach den Tag erwischt, wo von Frühling gleich auf den Herbst umgeschaltet wird. Halt, das kann nicht sein, morgen ist ja dieser Feiertag, das Mittsommerfest, „Midsommar“ oder „Juhannus“. Da hopsen sie dann in ganz Skandinavien ums Feuer herum, blondbezopft die Mädchen, und alle schlucken Selbstgebranntes, und die Männer hauen sich dann zu fortgeschrittener Stunde ihre Hardangerfiedeln um die Ohren und lassen unvorstellbare Mengen „Kökkenmödinger“ zurück.

Sieben Uhr in Turku, die Frisur sitzt, ich könnte mir jetzt das 0,2er Fläschelchen Rotwein aus dem Kühlschrank im Zimmer nehmen und dann im dänischen Fernsehen das Spiel Niederlande gegen Australien ansehen. Wähle dann doch die finnische Version auf Yle 2, das klingt einfach nicht so maulfaul, das ist eine Sprache, die perlt, in herrlich langen Wörtern, wahrscheinlich gibt es eine gesetzliche Regelung, die vorschreibt, das zwei Drittel aller finnischen Wörter mindestens acht Silben vorweisen müssen. Zum Fussball trinke ich lieber eine Dose mit einem Bären drauf – Karhu ist eine der wenigen Vokabeln, die ich vor­her schon kannte, hat mir doch jemand erzählt, der wichtigste Satz für den Urlaub im Norden sei: „Kaku pian karhu tulle!“ – „Scheiss schneller, der Bär kommt“.

Der Flughafen anderntags ist so voll wie der von Chicago (O’Hare) an Thanksgiving, aber ich finde eine ruhige Sitzgruppe vor einem Gate. Dort ist der nächste Flug schon angezeigt: Turku! Das sind zwei Stunden mit der Bahn, Herrschaften, allein von Helsinki zum „lentoasema“ in Vantaa, also zum Flughafen, braucht man vierzig Minuten. Draussen auf der Rollbahn zieht eine Maschine von Icelandair vorbei, und die trägt einen stolzen Namen: Eyjafjallajökull. Die Isländer haben schon einen grimmigen Humor. Leider haben sie keine Eisenbahn, sonst wären sie auch auf meiner Wunschliste. Now I have to finish the trip, es heisst Abschied nehmen vom Land von Yksi und Kaksi.

© Thomas C. Breuer Turku/Helsinki/Rottweil
25.6.2013 - 16:00