Il Baretto

Il BarettoDas „Baretto“ ist ein gläserner Kasten im Zürcher Hauptbahnhof, oberhalb der Rolltreppen in bzw. aus Richtung Shopville und den Perrons für die S-Bahn. Man sitzt, besser: thront wie in einem Aquarium. Oder wie in einem Raumschiff, das soeben auf dem Planeten Heidiwood gelandet ist. Wobei die Info-Stelle der SBB zur Rechten eher danach aussieht. Obwohl – die gleicht eher einer knallroten Badewanne mit Aufsatz. Oder doch einem Ufo? Einem Info-Ufo?

Vor dem Etablissement ein kleiner Boulevard mit fünf Tischen. Drinnen wie draussen hat man kaum Möglichkeiten, sein Gepäck so zu deponieren, dass es niemandem im Weg ist, aber in den Zügen ist das ja auch nicht anders. Das Rattern der Anzeigetafel kann man sogar im Café vernehmen, hier gibt es die Schweiz kompakt, fast alle Kantone sind vertreten, und hier kann ich getrost sitzen, bis mein Zug sich der Spitze der Tafel nähert.

„Il baretto“ –wenn man den Transgoogle-Übersetzer vom Italienischen ins Deutsche konsultiert, liefert der einem als Übersetzung: „Baretto“. Grazie. Eigentlich kann man sich denken, was es heisst. Auch die güldenen Zuckersäckchen fahren den dezent grossspurigen Namen, der Zucker selbst stammt aber, wie es sich für eidgenössischen Zucker wohl gehört, aus Rupperswil. Manchmal sind die Zuckersäckchen aus, jedes Mal eine kleine Enttäuschung. Einerseits spricht das für eine schlechte Dispo, andererseits aber für einen guten Geschäftsgang, wovon auch die leicht zerschlissenen Hocker und die „e chli“ ramponierten Tische Zeugnis ablegen, und beim Italiener kommt das ja immer gleich charmant rüber. Das „Baretto“ trägt ja einen italienischen Namen, hier hängen die Gazzetta und der Corriere del Ticino am Haken, die Sammelbegriffe über der Bar sind italienisch: Bevande, Dolce usw., glücklicherweise müssen die „Baristas“ aber nicht zwanghaft italienisch parlieren wie in manch hipperer Lokalität, wo sich viele Angestellte das Radebrechen erst mühsam draufschaffen müssen. Nur zu einer Unart hat man sie vergattert, zur Frage, die mittlerweile leider zum gastronomischen Dauerbrenner avanciert ist: „Darf’s noch etwas zum Essen dazu sein?“ Ob das wirklich Umsatz fördernd ist? Der Autoverkäufer fragt doch auch nicht nach erfolgter Transaktion: „Darf’s vielleicht noch etwas zum Fliegen dazu sein?“ Wobei ich niemanden auf dumme Gedanken bringen möchte. Hip ist das „Baretto“ übrigens schon oder eben auch cool, im Sommer sogar kühl, und es gibt viele Stammgäste, was immer ein gutes Zeichen ist.

Die Rolltreppe. Nirgends liegen Aufstieg und Abstieg näher beieinander. Wissenschaftliche Studienversuche, wer z.B. die Treppe benutzt und wer nicht, führen zu keinem Ergebnis. Einige telefonieren bzw. checken ihre Mails, andere geniessen diesen Moment der Kontemplation, andere starren angestrengt vor sich hin oder auf die Stufen, wieder andere essen, to roll statt to go. Die Unternehmungslustigeren nehmen die Treppe, und die, die den Hals nicht voll genug kriegen können, rasen auf der Treppe. Damit auch jedem klar ist, wie das funktioniert, hat man auf die jeweils rechte Seite jeder Stufe ein gelbes paar Schuhsohlen nebeneinander gepinselt, links dann nur jeweils einen Abdruck, rechts-links abwechselnd, um Bewegung zu simulieren. Der Grundsatz „rechts stehen, links gehen“ könnte natürlich auch für das wirkliche Leben gelten, honi soit qui mal y pense.

Menschen verschwinden im Bahnhofsbauch, und der Bauch spuckt sie wieder aus. Jeder bewegt sich, als wüsste er, wo er hin will. Vielleicht ja nach Hinwil? Oder zum Zug nach Zug? Manchmal fragt man sich doch, wie sinnvoll dieses Gerenne ist. Wie beim Gubrist gibt es drei Spuren. Meist ist Mittag, wenn ich meinen Hochsitz beziehe, da gibt es mehr Leute, die nach oben wollen. Wie Maulwürfe kommen sie ans Tageslicht, wobei in den Eingeweiden des Bahnhofs die Dunkelheit ja aufgehoben ist. Es verbietet sich also, von lichtscheuen Zeitgenossen sprechen. Nach vier Uhr nachmittags ist das anders, da überwiegt die Zahl derer, die nach unten schwärmen, manch einer möchte vielleicht sogar im Untergrund verschwinden bzw. im Erdboden versinken.

Im Frühjahr registriert man bevorzugt Skates, im Winter vermehrt Krücken, auf der Rolltreppe nicht ungefährlich. Alle Weltanschauungen sind vertreten, vom verspäteten Punk bis zum Dalai-Lama-Ersatz. Mal Catwalk, mal Canossa, mal Rock’n’Roll-Treppe. Eine halbe Million Menschen. Banker und Älpler, Gangster und Ärzte, alle da. Und nicht wenige, für die der Zug längst abgefahren ist.

Ein Spielraum für Allgemeinplätze: Jeder hat sein Päckchen zu tragen, mühselig sind die Beladenen und dergleichen. Tatsächlich ist das gesamte Bahnhofareal ein Allgemeinplatz, wahrscheinlich der grösste der Schweiz. Aber selbst hier erlebt man eher stille Momente, z.B. gegen 12:40 am Mittag, wenn tatsächlich nicht ein einziger Zug im Bahnhof steht und man von Gleis 18 bis bis zum Gleis 3 durchglotzen kann, bis sich dann der TGV von rechts ins Bild schiebt.

Da drüben, auf der von meinem Glaskasten gegenüberliegenden Seite, befinden sich die Rolltreppen in Richtung Bahnhofstrasse, und diese Region ist seit Dezennien natürliches Habitat der Zeitungsverkäufer, welche einen weitaus schärferen Blick haben auf den Zustand der Gesellschaft dürften, was sich wahrscheinlich auch in der Höhe der Trinkgelder manifestiert.

Das Leben ist ein ständiges Auf und Ab. Mich wundert, dass mir nicht schlecht wird, schnell werde ich nämlich seekrank. Ich bin natürlich auch schon damit gefahren, komischerweise gucke ich dabei selten zum „Baretto“ hinauf. Ich möchte wohl nicht wissen, ob es noch so jemanden gibt, der da ständig hinunterglotzt. Das ständige Rauf und Runter hält meine Hirnzellen in Bewegung und die Gedanken im Fluss, hoffentlich. Einmal tief durchschnaufen bei einem Espresso, und dann raus ins Leben. Das „Baretto“ bietet die Schweiz wie unter einem Brennglas, dabei bin ich es doch, der im Glashaus sitzt, und solche Leute sollten bekanntlich nicht mit Steinen werfen.

 

© Thomas C. Breuer
12.7.2010 - 00:00