Laufen an der Salzach

Die Rubrik Fahrtenschreiber ist nicht als Gruselkabinett beabsichtigt, andererseits geben Unzumutbarkeiten, so man sie denn erst einmal hinter sich gelassen hat, insgesamt mehr her als Annehmlichkeiten. Und manchmal verschlägt es einem auch nach 28 Jahren "auf der Strasse", wie wir in Kollegenkreisen gerne zu "auf der Strasse" sagen, die Sprache. Das hat etwas ebenso beruhigendes wie verstörendes.

Sie sollten die Salzach umleiten, und zwar dergestalt, dass Laufen auf der österreichischen Seite zu liegen käme, denn dort habe ich aus Gründen, die keinen so recht interessieren, mich eingeschlossen, nie geschäftlich zu tun. Ich reise mit meinem Freund H., der sich sonst aufopfernd um das Kulturamt in W. kümmert, das nicht allzu weit von Laufen entfernt liegt. Laufen ist viel schöner als W., pittoresk sogar, Alpenpanorama im Hintergrund, diese Dinge. Passenderweise, wie schon im nahen Burghausen, findet der Anlass in einer Trattoria statt. Bei Betreten selbiger verschwindet der Wirt augenblicklich, um fünf Minuten später mit einem nicht unvoluminösen, tiefschwarzen Vorhang zu erscheinen und mich in einem mürrischen Schwall italienischer Worte zuzutapezieren. Signore, sage ich, ich spreche kein italienisch. In meinem Programm - das der Mann natürlich nicht kennen kann - beziehe ich mich darauf sogar mit dem Satz " … aber von allen Sprachen, von denen ich kein Wort beherrsche, spreche ich italienisch am besten nicht!". Anscheinend ist das komisch, die Leute lachen jedenfalls. Ich gebe auch nicht vor, Italiener zu sein, kenne allerdings in meiner Branche Humortürken, die ihrer Muttersprache nur rudimentär mächtig sind (vom Deutschen gar nicht anzufangen). Unerreicht bleibt freilich der Bossa-Nova-Gitarrist Ewaldo Montenovo, der in den 70ern Deutschland beackerte und auf der Bühne seine Ansagen nur auf Englisch machte. Eigentlich hiess er Ewald Neuberger und kam aus Kempten im Allgäu.

Der Wirt, ein speckiger Säckel mit schlecht gefärbten Haaren, dem die Vokabel Freundlichkeit gänzlich unbekannt sein dürfte, fordert mich in schlechtem Deutsch auf, den Vorhang an der Wand anzubringen, auf die jemand in Sienatönen das übliche zypressengetränkte Toskanaklischee gepinselt hat. Mir wäre das beim Auftritt egal, ich stehe mit dem Rücken zur Wand, aber aufhängen werde ich das Teil keinesfalls. Der Mann insistiert: "Alle Musiker makke!" Ich versichere ihm erneut, dass ich dieses Teil keinesfalls aufhängen werde, nicht mal, weil ich kein Musiker bin. Grundsätzlich bin ich mir für nix zu schade, habe schon Stühle aufgestellt, Scheinwerfer gerichtet, Tische sauber gemacht und in einem Fall schon mal Eintritt zu meiner eigenen Veranstaltung gezahlt, aber andererseits erkennen ich einen XXXXXX, wenn ich ihn sehe, und der hier ist zweifelsfrei einer. Wir gehen, in einer halben Stunde soll die Dame vom Kulturamt kommen, soll die sich mit ihm herumärgern.

Das Rahmenprogramm: schlechter Cappuccino direkt an der Brücke, lecker Eis, in der Eisdiele war früher wahrscheinlich das Zollamt untergebracht, der ganze Ort ist ja grenzfällig. Fussmarsch nach Austria, dort gibt es ein viel schöneres Café, too late, baby, zurück in die Bundesrepublik Deutschland, wo inzwischen der Vorhang hängt. In all den Jahren entwickelt man schon ein Gefühl dafür, ob Leute kommen. Laufen habe ich von vorneherein abgeschrieben, nicht nur weil es der erste schöne, wärmere Abend nach einer kleineren Eiszeit ist, und das im biergartenfixierten Bayern. Wenn mir aber ein Kulturamtsmensch bereits am Telefon erklärt, er könne am Abend leider nicht da sein, kann ich das Herzblut, dass er in die Veranstaltung einbringt, schon abschätzen. Die Schönheit einer Stadt korrespondiert in den seltensten Fällen mit ihren kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten, schöne Städte sind selbstgenügsam, Heidelberg, Rottweil, da muss man sich keine Mühe geben (alte Theorie), oder kann mir vielleicht einer meiner Kollegen einen angesagten Auftrittsort in Rothenburg ob der Tauber nennen? Natürlich gibt es Ausnahmen (Burghausen), aber es sind Ansiedlungen wie Waldkraiburg, die sich anstrengen müssen.

Um zwanzig vor acht sind es ein tapferes Dutzend Leute, die sich nicht unbedingt um die Bühne drängen, eher verlieren sie sich. Das kann ja immer mal wieder passieren, kein Drama, wenn auch nicht schön. Wenigstens ist die Bühne optimal schwarz abgehangen. Kommt gut. Die Beleuchtung haben sie scheint's 1976 einem Amateurtheater in Rumänien abgeschwatzt. Catering? Das Wort findet sich in keinem italienischen Wörterbuch, Signore. Ich fange an, Averna zu trinken. H. isst eine Pizza, die mit sechs Rädchen Lidlsalami und zwei Glaspepperoni doch recht grosszügig belegt ist.

Mittlerweile hat die Besucherzahl die Zwanziger-Schallmauer deutlich überschritten: Ein-, Zweiundzwanzig mögen es sein. Die Vertreterin des Kulturamtleiters kann ja auch nichts dafür, natürlich hätte sie gelegentlich mitbekommen, dass die Gäste sich beschwert hätten? Worüber? Über den Wirt, diesen optischen Gegenentwurf zu Baldessarini, der seit einigen Wochen das Restaurant betreibt und dem die Kunst, heute also meine, ein Dorn im Auge ist. Jedenfalls lässt er nichts unversucht, meinen Auftrag, die Laufener zu unterhalten, zu torpedieren. Er legt sich während der Veranstaltung keinerlei Zurückhaltung auf, palavert ununterbrochen, schlurft von Tisch zu Tisch, klappert mit Geschirr und Besteck, ich warte sekündlich auf den Einsatz der Milchschaumdüse, der seltsamerweise ausbleibt. Die Trattoria, erfahre ich später, gehört einer Sippe, die Gourmetrestaurants in Salzburg und Freilassing betreibt, man kennt den Hang der Italiener, ihre Familie bis ins letzte Glied in geschäftliche Aktivitäten einzubinden, seien sie nun gastronomisch begabt oder nicht, und irgendjemand hat den speckigen Säckel dazu vergattert, das Familienbanner in Laufen zu hissen. Die Silbe Gast- in Gastwirt hat er ausgeblendet, und er fährt unbeirrt fort, hinter der Theke zu hantieren und zu zischeln, bis es selbst dem Publikum zuviel wird.

Selbiges ist willig und ganz nett, ihm ist fast nichts vorzuwerfen, bis auf einen unseligen Hang zum Analphabetismus. Es ist mir in 28 Jahren noch nie vorgekommen, dass sich keiner, niemand für meine Bücher auch nur ansatzweise interessiert hat, nicht mal einer hat auch nur ein Exemplar zur Hand genommen, und als ich das in der zweiten Hälfte anspreche, kichern sie. Hier haben wir also die unheilige Dreifaltigkeit des Auftrittswesens: Scheiss Gage, scheiss Laden, scheiss Verkauf. Anders gesagt: Hier passt alles zusammen. Irgendwann, während einer ganz besonders ruhigen Stelle, baut sich die Serviererin unmittelbar am Tisch direkt vor mir auf, um eine Bestellung aufzunehmen. Ein andermal lässt sie irgendwo in der Tiefe des Raums den Sektkorken knallen. Banale Anlässe, sicher, und ich bin der letzte, der der Heiligkeit der Kunst das Wort redet, aber in ihrer bösartigen Penetranz sind die Störmanöver perfide, höhlen aus, machen unkonzentriert, und zweimal überlege ich, irgendeinen Gegenstand in Richtung Theke zu schleudern oder diesem "Ignorante" von Wirt Schläge anzudrohen. Ich ringe um Contenance und Aufmerksamkeit, und sollte ich ausfällig werden, würden die Leute das womöglich dem Programm zuordnen, und tatsächlich würden wir beide wohl ein fabelhaftes Duo abgeben. Aber irgendwie gehört sich das nicht, porca miseria, leider. Für solche Spielverhältnisse kennt der Fussballer eine schöne Redewendung: Unbespielbarkeit des Platzes. Was mag aber dem Verantwortlichen des Kulturamtes durch den Kopf gehen, dass er Künstlern solche Bedingungen zumutet? Und wieso lässt man sich als Künstler darauf ein? Weil man nehmen muss, was kommt? Ganz so arg sind die Zeiten (noch) nicht. Aber ein paar neue Einsprengsel kann die Landkarten schon verkraften, wenn überall Läden zugesperrt werden. Es hätte ja ebensogut gut ausgehen können.

Musiker verkaufen hier selten was, mal eine CD, maximal zwei, sagt die Dame vom Kulturamt. Na toll. Gerade vor Monatsfrist bin ich in Burghausen aufgetreten, derselbe Fluss, Österreich in bedrohlicher Sichtweite, gerade mal vierzig Kilometer entfernt, rauschende Ballnacht, interessierte Leute. Da liegen Welten dazwischen.

Ich bin sicher, stellte ich den Wirt zur Rede, würden seine kümmerlichen Deutschkenntnisse gänzlich verblassen, schlagartig. Ein alter sizilianischer Trick, Desinteresse zu zeigen. Fahr zur Hölle. Die Show endet um zehn, zwanzig Minuten später sitzen wir im Auto, persönliche Bestzeit. Laufen eignet sich nicht einmal dazu, die gute, alte Wortspielkuh zu melken: Auslaufen, was läuft, Laufach an der Salzen, Salzen an der Laufach, und schon gar nicht Laufen an der Salsa. Stattdessen bete ich ein altes, erprobtes Mantra herunter: "Ich darf wieder hier weg, die müssen bleiben." Und schon passieren wir den Wegweiser: Trostberg. Genau. Nix wie hin. Laufen, jawohl! Halt: Eines fällt mir jetzt doch ein: Davon- …

© Thomas C. Breuer Rottweil
23.2.2013 - 00:00