Long-haired Country Boy

Der erste Vertreter, und natürlich ist es eine Todsünde, sie so zu titulieren, der erste Reisende in Sachen Weltliteratur also, der Oberhessen mit seiner Anwesenheit beehrte und die Bücher des Maro-Verlags im Gepäck führte, war laut Auskunft des Verlegers Jörg Wallenstein, im Frühjahr 1976, auf den letzten Metern meines einzigen Jahres in Marburg. Wallenstein war eine Art Feldherr unter den Verlagsvertretern, damals schon ganz Grandseigneur, auf einer Stufe mit Lichtgestalten wie Armin Abmeier, Axel Hundsdörfer oder der Bratkartoffel-Legende Kiessling, Vorname nicht mehr geläufig, dem einzig Einarmigen seiner Zunft. Angeblich hatte er in jeder Stadt ein Bratkartoffelverhältnis, was sich sicher vorteilhaft auf sein Spesenkonto auswirkte. Vielleicht zählt diese Legende aber auch zu den frühen urbanen Mythen.

Lehrlinge hiessen ganz frisch Azubis, was nichts an unserer jämmerlichen Vergütung änderte. Wir wurden kurz gehalten, ich war im ersten Lehrjahr, dafür klappte die alkoholische Grundversorgung vorzüglich, denn unser Chef war von seinem Vater in diesen Beruf gezwungen worden und hatte sein Heil daraufhin in geistvollen Getränken gesucht, weshalb wir die „Akademische” insgeheim in „Alkoholische” Buchhandlung umgetauft hatten. Sobald die Tage etwas wärmer wurden, mussten entweder Dieter (2. Lehrjahr) oder ich gegenüber im Feinkostladen gegenüber für die Mittagspause diverse Zweiliterflaschen Retsina holen. Die Temperatur, erfrischend kühl, war noch das beste, abgesehen von den Wunderdingen, die diese monströsen Flaschen in unseren Schädeln verursachten. Nicht selten lümmelte die Belegschaft gegen drei Uhr nachmittags hackedicht um die Registrierkasse herum. Abends mussten wir nur selten einschlägige Lokalitäten aufsuchen, um wegzusaufen, was uns tagsüber angetan worden war, denn meistens wussten wir das beim Verlassen der Arbeitsstätte schon nicht mehr. Sowieso wohnte Dieter auf dem Land, und die Verbindungen zum Ebsdorfergrund brachen nach 19 Uhr abrupt ab. Rückblickend kann ich sagen, dass unser Chef jedwedes revolutionäre Potential damals schlicht ertränkt hat. Dabei war zumindest Dieter kein Partykracher, die Landkommune war keine zufällige Wahl. Er trug die Haare lang wie ich, wenn auch strähniger, er war esoterisch ambitioniert und betrachtete alkoholische Exzesse eher als eine Art Ausgleichssport. Er lebte unter echten Birkenstocks, mit fragwürdigen Teesorten, morgenländischen Geruchsbelästigungen, Tarotkarten und dem Tibetanischen Totenbuch, in einem ehemaligen Gehöft, in dem auch Harfespielerinnen in moosgrünen Gewändern mit Stickerei und Spiegelsplittern im Oberteil zu verkehren pflegten. Ich hingegen stand auf Southern Rock, Charlie Daniels mit seinem „Long-haired Country Boy” war die derzeitige Nationalhymne, gefolgt von Waylon Jennings’ „Are you sure Hank Done It This Way” – mit Hank meinte er natürlich Hank Williams. Ich sollte es nun mit einem anderen Hank zu tun bekommen. Etwas später hat zwar Tom Petty behauptet: „Was sie heute Country-Musik nennen, sind schlechte Rockbands mit einer Geige”, aber Charlie Daniels hat sich davon nicht beirren lassen. Vom Outlaw ist nur leider nichts übrig geblieben, er schreibt geifernde Blogs gegen Barack Obama. Vielleicht haben sie ihn irgendwann trockengelegt, und er hat einfach schlechte Laune.

Trotz schwerst esoterischer Anwandlungen hatte Dieter Humor und konnte über sich selbst lachen und natürlich auch über mich, und vor allem über unseren Chef, der z.B. eines Morgens stramm in den Laden wankte und beim Versuch, einem Kunden ein bestimmtes Buch aus der Auslage zu angeln, sich an einem Regal festklammerte, das empört ob dieser Belästigung nachgab und den Chef kurzerhand unter sich begrub.

Wir waren nicht nur mit mehr oder weniger guten Tropfen versorgt, sondern tatsächlich auch mit geistiger Nahrung. Auftritt Maro-Verlag. Jörg Wallenstein, wenn ich mich nicht sehr täusche, vertrat auch Kiepenheuer & Witsch; mit dem heutigen Verleger habe ich mir Mitte der 90er und 2001 zweimal ziemlich die Kante gegeben, und er hat mich beide Male mit den fast identischen Worten verabschiedet, ich solle ihm doch mal was schicken, was ich natürlich getan habe, freilich ohne Ergebnis.

Vertreterbesuche waren Feiertage, und sie weckten den Ehrgeiz in uns, dem jeweiligen Besucher so viele Lese-Exemplare wie möglich aus den Rippen zu leiern, schliesslich mussten wir a) uns fortbilden und b) unser Budget entlasten. Wenn der Besuch auf einen Nachmittag fiel, an dem die eine oder andere Flasche bereits geköpft worden war, waren die Voraussetzungen, etwas abzustauben, nicht ungünstig. Wir sassen praktisch direkt an der Quelle. KiWi jedenfalls brachte ein Bukowski-Buch auf den Markt, das mein Interesse weckte, weil dessen Cover eine Robert-Crumb-Illustration zierte: „Der Mann mit der Ledertasche”. Und bei der Gelegenheit zog Jörg Wallenstein ein kleines blaues Büchlein vom selben Autor aus der Tasche, das sogar in blauen Lettern gedruckt war: „Gedichte, die einer schrieb, bevor er im achten Stockwerk aus dem Fenster sprang.” Selbstmord war in diesen Tagen permanenten Unverstandenseins stets eine Option, von daher zog mich schon der Titel magisch an, und die Farbe blau passte ja nicht schlecht zu unserer Buchhandlung. Von einem Maro-Verlag hatten wir indes noch nie gehört, von nun an galt es, dieses Verlagshaus im Auge zu behalten.

Wenig später sollte ich eine Anfrage an die Stadtverwaltung Andernach richten, mit welcher Art von Ehrung man der Tatsache Rechnung tragen wolle, dass mit Charles Bukowski einer der bedeutendsten Literaten Amerikas in ihrer geschätzten Stadt geboren sei, Denkmal oder Strasse? Die Antwort fiel barsch aus: Weder noch! 25 Jahre danach schrieb ich eine Geschichte über „Hank”, wie er sein alter ego beharrlich nannte, in der ich die gesammelten Alkoholexzesse und Fickmythen auf die Schippe nahm (Are you sure „Hank” done it this way?), die in einem Maro-Buch erschien, und wiederum weitere fünf Jahre später drückte mir der Oberbürgermeister von Andernach bei der Eröffnung des Rheinland-Pfälzischen Kultursommers fast triumphierend ein Büchlein über Bukowski in die Hand, das von eben jener Stadtverwaltung herausgegeben worden war. Bis zum Denkmal ist es also nicht mehr so weit.

Wenn man den Namen Bukowski – eigentlich korrekt – deutsch ausspricht, wird man in den U.S.A. auf ratlose Mienen treffen: Dort heisst der Mann „Bjukauski”, und lange Zeit galten seine Bücher als die meistgeklauten in amerikanischen Buchhandlungen. Es waren weder seine literarischen Fähigkeiten, die mich begeisterten, denn vielmehr seine Triebhaftigkeit oder mehr noch seine ungenierte Art im Umgang mit derselben. Ich war bis dato noch nicht mal in einem achtstöckigen Gebäude gewesen! Bei mir hatte es nur zum fünften Stock des Schwesternwohnheims gereicht, in einer alles in allem wenig freudvollen Zeit. Allein der triste Anblick dieses Gebäudes hätte Anlass zum Sprung gegeben. Innerhalb eines Jahres war ich fünfmal in Marburg umgezogen, davon einmal mit schmutzigem Geschirr. In meiner Verzweiflung orientierte ich mich an der schwarzen Liste absolut unmöglicher Vermieter und geriet dabei an eine, die ihre Möbel mit Klarsichtfolie überzogen hatte, um diese zu schützen, und an eine andere, die an der Dusche einen Münzautomat befestigt hatte, der mit 50-Pfennig-Stücken gefüttert werden wollte und sich stets regelmässig dann abschaltete, wenn man sich gerade die Haare einschäumt hatte. Rückwirkend ein zumindest ansatzweise bukowskeskes Leben.

Ich fuhr mit dem Aufzug in die Oberstadt, verkaufte Pschyrembels Medizinisches Wörterbuch (mein Favorit: Das postmortale Schweizerkäsegehirn), ging zu Fuss in die Unterstadt, schleppte Retsina, und verliebte mich aus Notwehr, denn meine angestammte Freundin, die im Norden studierte, hatte sich kurz zuvor ebenda einen Tröster zugelegt. Ich hatte mich in eine Krankenschwester verguckt, obwohl sie blond war, sich eines hessischen Tonfalls befleissigte, der mit seinem rollenden R fast schon ins Siegerländische spielte, die obendrein auch noch Renate hiess, dabei war ich damals schon derart sensibel, dass mich Namen wie dieser vergraulen konnte. Sie hatte ihrerseits in ihrer Heimatgemeinde einen Kerl sitzen, die Chancen für eine dauerhafte Beziehung standen dermassen schlecht, dass wir gleich etwas miteinander anfingen, aber befreiend wie bei „Hank” war diese Geschichte leider nicht, Marburg hat einfach auch andere klimatische Bedingungen als Los Angeles.
Maro versorgte mich über Jahre hinweg mit literarischen Fluchtmöglichkeiten, unterhaltsamen Durchhalteparolen in Zeiten, da dem Wort „subversiv” noch eine Bedeutung inne wohnte. Maro gestaltete meinen Buchhändleralltag erträglicher. Anfang der Neunziger erschienen die Augsburger wieder auf meinem Radar, weil sie einen meiner deutschsprachigen Lieblingsautoren, Michael Schulte, veröffentlichten: Das Buch „Bisbee, Arizona” mit dem für mich schönsten vieler schöner Berner-Cover bei Maro, hat mich derart begeistert, dass ich da Jahre später eigens hingefahren bin – und nicht enttäuscht wurde. Ein Jahr zuvor, bei einer Lesung im Goethe-Institut in Chicago, hatte mich eine Dame angesprochen und bemerkt, meine Schreibe würde sie an Michael Schulte erinnern. Auf meine Frage, woher sie den denn kenne, schliesslich sei er in Deutschland nicht unbedingt ein Bestsellerautor, meinte sie lapidar: „Ich war mit ihm verheiratet.”

Mitte der Neunziger war ich mit meiner persönlichen Verlagspolitik wieder einmal am Ende, hier verkracht und dort verprellt, da verzweifelt und woanders unverstanden, die übliche Ansammlung hausgemachter Probleme, als mir durch eine glückliche Fügung – welche, weiss ich nicht mehr – zu Ohren kam, dass ich auf der Autoren-Wunschliste des Maro-Verlegers einen der vorderen Plätze belegte. Ein Kontakt war rasch hergestellt, und wir – der Herr Verleger und ich – trafen uns, hoffentlich trügt mich meine Erinnerung nicht, erstmals auf der Frankfurter Buchmesse: Er war ein „long-haired country boy”, der in der Kommune vom Ebsdorfer Grund keineswegs aufgefallen wäre – nur dass wir jetzt die Neunziger Jahre schrieben! Mit Benno Käsmayr geriet ich an einen Verleger, der bis heute nie um Antworten verlegen ist, nie irgendwelche hohlen Versprechungen macht, einen verständlichen und verständnisvollen Umgangston pflegt und das Herz am rechten Fleck hat. Dazu kommen ein trotz gelegentlich widriger Umstände schier unverwüstlicher Humor und eine gewisse Wurschtigkeit, die seiner Entschlossenheit nicht im Wege steht. Die Worte „Chuzpe, Sachverstand & Dickköpfigkeit” sollte man unter das Verlagslogo meisseln.
Gut, Maro hat mich nicht unbedingt reich gemacht, aber immerhin habe ich durch meine Bücher bei Maro gelernt, was Leser-Anbindung bedeuten kann: Gefühlte 89 % aller Auflagen habe ich persönlich zum Leser getragen. Ich hätte natürlich gerne mehr Geld verdient, um öfter nach z. B. Bisbee fahren zu können, aber tatsächlich ist Geld nicht immer alles. Viele Leute runzeln die Stirn, wenn man sich als Maro-Autor outet: „Tut mir leid …!” Die tun mir auch leid. Maro ist ein kleiner Verlag und kein Kleinverlag, darauf legt nicht nur der Verleger Wert. Stolz ist mir nicht direkt geläufig, aber hier könnte der Begriff einmal zutreffen. Maro hat sich immer wieder aufgerappelt, der Verlag ist auf neudeutsch „unkaputtbar”, insofern ist es schon zu verstehen, dass man die Chance hat verstreichen lassen, als Webseite www.maro.de zu registrieren. Ausserdem hat die schon ein Elektronikhersteller, dem das womöglich nicht einmal aufgefallen ist.

© Thomas C. Breuer Rottweil
1.7.2013 - 16:00