Mensch, wo bist du?

Ein Besuch beim 32. Deutschen Evangelischen Kirchentag.

Natürlich hat die Stadt Bremen diesen denkwürdigen Ort passend zum Anlass nicht eigens in „Glocke“ umgetauft, der hiess schon immer so. Tausend Menschen tummeln sich im Saal, erwartungsfroh. Die Stimmung scheint ausgezeichnet zu sein, denn der Stand der Psychologischen Beratung gleich vor der „Glocke“ verzeichnet keine Besucher. Das „Podium Kirchenreform“ veranstaltet eine Diskussion zum Thema „Kirche, hast Du sie noch alle?“ Diese Frage ist natürlich provokant gemeint, und zum Provozieren haben sie mich eingeladen, einen ehemaligen Protestanten, dann zwangskonvertierten Katholiken, aktuell Heiden. Ich darf den Ketzer geben, und das tue ich gerne. Für mich gilt das alte Glaubensbekenntnis der Atheisten: „Gott existiert nicht, aber ich vermisse ihn sehr!“ In dem Teil Baden-Württembergs, in dem ich lebe, nennt man die Evangelischen übrigens „wiaschtgläubig“, also wüstgläubig. Natürlich bin ich ein wenig nervös, denn in Kabarettkreisen weiss man: Evangelische Kirche und Humor, das geht eigentlich gar nicht zusammen. (Heftiges Buhen, als ich diesen Satz auf der Bühne äussere. Na also! Tatsächlich ist Kabarett aber eher in südlicheren Breiten entstanden, wo der kirchliche Druck doch massiver ist, weswegen man sich wehren muss, will man nicht untergehen.)

Auf der Bühne spielt Dieter Falk zur Einstimmung, dann kündigt mich der NDR-Moderator an. „Kirche, hast du sie noch alle?“, lautet also die Frage, die ausgerechnet ich beantworten soll. Anscheinend ist das nicht der Fall, jedenfalls hat sie nicht mehr alle Schäfchen beisammen, was viele Pfarrerinnen und Pfarrern wohl schlaflose Nächte bereitet, so dass sie in ihrer Verzweiflung anfangen, nachts Schäfchen zu zählen, um dabei natürlich wiederum feststellen zu müssen, dass schon wieder welche fehlen …

Auszüge aus meinem Text möchte ich geneigten Lesern nicht vorenthalten: „Wieso sind alle so hinter dem Dalai Lama her wie der Teufel hinterm Beelzebub, wieso haben die Evangelikalen in Nord- und Südameri¬ka so rasanten Zulauf, wieso gibt es so viele Jakobswegelagerer, wieso führen sämtliche Wanderwege plötzlich unweigerlich nach Santiago de Compostierbar? Spirituelle Bedürfnisse sind augenscheinlich ja vorhanden – wieso haben die grossen Kirchen so wenig davon? Produziert man vielleicht am Markt vorbei? Anders gefragt: Wie wird die „Kirche“ zu einem ebensolchen Mega-Renner wie derzeit die „Küche“? Soll man Johann Lafer zu Predigten einladen? Tim Mälzer das Handling des Abendmahls überlassen? Oder, in letzter Konsequenz: „Küchentag“ statt „Kirchentag“? Das Catering bei Gottesdiensten ist auf jeden Fall verbesserungsbedürftig.

Der brasilianische Kirchenpräsident Walter Altmann hat festgestellt: „Wir haben Verluste auf dem religiösen Markt“, und es war der englische Bischof Nick Baines, der ganz richtig angemerkt hat: „Die Kirche muss sich in der lauten Kakophonie des Marktplatzes der Politik, der Wirtschaft und der Medien um Aufmerksamkeit bemühen.“ Im Klartext: Mehr Transparenz, mehr Mobilität, z.B. Gebete to go. Mehr zeitgemässe Nischenangebote wie „Spirituelle Nachtwanderungen für werdende Väter“.

Im Grunde haben die Kirchen ein ähnliches Problem wie die Gewerkschaften: Ihnen laufen die Leute davon. Selbst Karnevalsvereine haben Nachwuchssorgen. Schützenvereine hingegen nicht so sehr. Und wieso haben die Rechten in diesem Land mit ihrer Dumpfrhetorik so einen Zulauf? Merken Sie was? Es geht um den Funfaktor. Und in Zeiten, in denen viele Jugendliche ihren Alltag nicht unbedingt nüchtern erleben wollen, haben sich die Bedürfnisse verlagert. Das bedeutet für die Kirche: Mehr Messwein, mehr Inhalt. Den meisten Heranwachsenden ist der Unterschied zwischen Spiritualität und Spirituosen ohnehin nur marginal geläufig.

Nun hat zwar gerade der badische Landesbischof Ulrich Fischer öffentlich geäussert, die Kirche müsse sich crossmedial ins Gespräch springen, aber mit dem Kreuz, also cross, war es schon immer ein Kreuz. Der Knackpunkt ist tatsächlich die Öffentlichkeitsarbeit: Was fehlt, sind Promigeschichten. Promis sind immer gut. Wobei Promi sich nicht ableitet von Prominente, sondern von Promille. Bzw. Promiskuität. Vergesst einfach mal das angestaubte Prinzip „Kerngemeinde“, macht eine „Korngemeinde“ draus oder meinetwegen eine „Kernergemeinde“. Bei den Katholen sind ja schon Päpste und Bischöfe absolute Promis, dauernd erscheinen sie in den Schlagzeilen. Dieser Augsburger Bischof Mixa zum Beispiel, denkt nur mal an die Reimmöglichkeiten, die ein Name wie Mixa bietet – Gott scheint wirklich Humor zu haben. Falls Frau Kässmann die Nachfolgerin von Herrn Huber wird, könnte sie gemeinsam mit Lady Göring-Eckardt als „Desperate Churchwifes“ antreten – das gäbe Zulauf! Man sollte auch bei der Wahl der Sympathieträger sorgfältiger verfahren, z.B. bei Peter Hahne. Wie hingegen sieht bei euch die Aussendarstellung aus? Höchst problematisch. Wer ist nur auf die dämliche Idee gekommen, auf klangvolle Namen zu verzichten wie Oda-Gebbine Hölze-Stäblein? Die kannte jeder, der Name war in deutschen Haushalten der absolute Kracher. Gottesdienste sollten interaktiv und Predigten per SMS eine Selbstverständlichkeit sein. Werbeeinblendungen würden die Aufmerksamkeit erhöhen. Die Neubesetzung von Pfarrstellen sollte als öffentliches Casting vollzogen werden. Schön wären auch Wettbewerbe wie „Deutschland sucht den Superchrist“. Laser statt Kerze, Klingelton statt Klampfe, Energy statt Sturzbetroffenheit. Fische gehören übrigens nicht aufs Autoheck, sondern auf den Grill!

Vielleicht auch einfach mal auf andere Religionsgemeinschaften schielen und denen ein paar Elemente klauen: Die Beichte beispielsweise ist längst unverzichtbarer Bestandteil des Boulevards. Bei den Katholen ist übe¬rhaupt mehr Party, nehmen Sie diesen Woodstockpapst, die Massenhysterie. Gut, inhaltlich ist der Pontiflex ein Totalausfall, aber wo geht es heute denn noch um Inhalte?

Wenn ich jetzt weiter hier so herumhubere, werden Sie vielleicht hinter vorgehaltener Hand murmeln: Oh, das war jetzt aber kess, Mann! Aber dafür wurde ich doch engagiert! Die Zeit drängt: In Österreich gibt es schon heute mehr Moslems als Protestanten. Und bei uns wegen der Wirtschaftskrise mehr Gläubiger als Gläubige. Sie müssen die Kirche wieder ins Dorf lassen, mehr im Leben verankern, so wie die Ösis das jetzt machen wollen. Da wollte die Post 400 Filialen zusperren. Dann kam die Kirche, die ja ohnehin über ein gewisses Sendungspotential verfügt, und sagte: „Das übernehmen wir“ Dann können die Kunden, wenn sie einen Brief aufgeben oder ein Paket abholen, gleich ein Gebet sprechen. Wäre doch eine schöne Anregung.“

Soweit mein kabarettistischer Beitrag. Zuspruch, Widerspruch, ich mache mich davon, heute ist Bundesliga-Finale, überhaupt ein gefühlsüberfrachteter Tag, die Bundesrepublik wird 60, Horst Köhler deutscher Meister, Felix Magath Bundespräsident, Barbara Rudnik verabschiedet sich, Karl-Heinz Kurras wird als Stasi-Spitzel geoutet und RTL – welch ein Gespür – bringt zur „Prime-Time“ die „25 emotionalsten Deutschland-Momen¬te“. Da passt der Kirchentag gut, auch wenn man viele Besucher vor gottesfernen Lokalitäten wie dem McDonald’s Schlange stehen sieht.

Der Kirchentag passt gut zu Bremen, ausser der „Glocke“ existiert ein Strässlein namens „Bischofsnadel“; die paar gedemütigten Werder-Fans stören nicht weiter, überhaupt scheint die Stadt geprägt von fröhlicher Zurückhaltung (bis auf die zahllosen Junggesellinnenabschiede), und Gewaltfreiheit, zumindest zwischen 20 Uhr und 8 Uhr morgens: darauf weist ein knallgelbes Verbotsschild für „Waffen und gefährliche Gegenstände“ am Herdentor hin, und selbst dieser Name scheint sich auf den Kirchentag zu beziehen. Gleich um die Ecke befinden sich allerdings „Blaser Jagdwaffen“ und die Reinigung „Stichweh“.

Bremen wuselt von Menschen, und die meisten scheinen in Aufbruchsstimmung, ein bisschen getreu dem Motto der Stadtmusikanten: „Etwas Besseres als den Tod findest Du allemal!“ Vielleicht machen das auch die vielen Rucksäcke, die Pfadfinderuniformen und Pappkartons aus, und ich bin irgendwie aussen vor, mit einem silbernen Rollenkoffer hoffnungslos overdressed, maximal ein Zaungast, Gott sei Dank muss ich nicht weinen. Harald Schmidt würde hier die Krise kriegen, und bei manchen Eiferern und Barfusspredigern wird auch mir ganz anders. Ich denke manchmal allerdings, dass so eine Gemeinschaft auch zu beneiden ist, immer nur Einzelgänger, das ist anstrengend. Ohne all diese Menschen sähe es noch finsterer aus auf dieser Welt. Und ziehe dann doch glücklich meiner Wege.

© Thomas C. Breuer Rottweil
24.5.2009 - 00:00