Logbuch 04 – Moselaufwärts

Koblenz Hauptbahnhof. Der Regionalexpress nach Trier steht abfahrtbereit auf Gleis 9, ganz hinten. Gäbe es ein Gleis 999, der Zug würde dort warten.

Kein Lift, nicht einmal ein Gepäckband, das nicht funktioniert. Keine drei Tage nach der vollmundigen Ankündigung einer Charme-Offensive der Deutschen Bahn ist das Triebfahrzeug übersät mit Papierschnipseln. Es ist Ende September, die Zeit der Wein- und Oktoberfeste, der Zug füllt sich mit Fahrgästen, denen die Strapazen eines Erlebniswochenendes ins Gesicht geschrieben steht. Nur die Frau im benachbarten Vierer macht einen aufgeräumten Eindruck. Sie studiert hochkonzentriert ein kleines Büchlein, streng genommen scheint sie es abzuschreiben, womöglich übersetzt sie es dabei simultan, denn das Buch ist in englischer Sprache abgefasst. Nachschlagewerke führt sie keine mit sich, und ihr Laptop hat sie nicht in Betrieb, mit dem sie womöglich online arbeiten könnte: Sie benutzt es nämlich als Unterlage. Das Gerät ist in schwarzes Leder eingebunden. Ihr Spiralbuch ist umfangreich, es muss also nicht unbedingt das erste Buch sein, dass auf die karierten Seiten wechselt. Sie ist geschäftsblond, trägt Stiefeletten, die unbedingt kampfeinsatztauglich sind, und kommt somit durchaus als ideale Adressatin für den Buchtitel in Frage: „Radical Careering“. Wobei solch ein Ansinnen für einen Regionalexpress eher unpassend erscheint, wohl aber angebracht. Die Verfasserin heisst übrigens Hogshead, ein Name, der Durchsetzungsvermögen suggeriert: Wildsaukopf.

Das Büchlein arbeitet mit grossen Ziffern und Thesen in einer Schriftgrösse, die 24-Punkt kaum unterschreiten dürfte, in behelligendem Rot, das mit dem Rot ihres Trenchcoats korrespondiert: RADICAL TRUTH: WORRY LESS, DO MORE! Der Ort, den wir gerade passieren, heisst allerdings Müden. Der Zug hält hier sogar ohne Bahnhof. Der „Express“ schraubt sich durch Landschaften, in denen das „Careering“ so etwas von aussichtslos zu sein scheint – wobei: gleich kommt die pulsierende Metropole Bullay – und meine Nachbarin nimmt entsprechend keine Notiz von einer Gegend, die sie wahrscheinlich nicht entscheidend nach vorne bringen dürfte. An das bisweilen doch liebliche Moseltal hat sie jedenfalls keinen Blick vergeudet.

In Wittlich steht ein Sonderzug mit dem sonderbaren Namen www.euro­strand.de. In Trier ist die junge Dame bei Kapitel 44 angelangt, kein schlechtes Pensum. Sie hält einen Moment inne, verzehrt gedankenverloren einen Apfel, und träumt dabei von der grossen Karriere bzw. vom Eurostrand. Der Zug fährt weiter nach Saarbrücken. Es warten bis dahin viel versprechende Ziele auf sie, Konz, Mettlach, Merzig – oder die grosse Karriere.

 

 

© Thomas C. Breuer KO-TR
24.1.2013 - 00:00