Remscheid

Ob es hier eine Buchhandlung gäbe, frage ich den Azubi hinter der Theke eines Optikers in downtown Remscheid. Bertelsmann gleich um die Ecke, lautet die Antwort. Ich habe nach einer Buchhandlung! gefragt, beharre ich. Der Kollege greift ein: Die Strasse hoch, sagt er, da, wo's nicht mehr weiter bergauf geht, da sei noch eine, gleich gegenüber von Ihr Platz .

Dass es hier irgendwo bergauf geht, ist mir trotz der nicht unbeträchtlichen Steigung, die die Fussgängerzone von Remscheid zu bewältigen hat, noch nicht aufgefallen. Hier in Remscheid scheint alles bergab zu gehen, selbst Billigdiscounter machen dicht. Die Stadt kann vielleicht nichts dafür, aber ich doch auch nicht, im Krieg ist sie scheint's stark gebeutelt worden, dennoch sei die Frage gestattet: Warum musste man sie a) ausgerechnet an diesem unwirtlichen Ort wieder hochziehen und b) so? Gleich noch eine Frage: Ob das wirklich so eine gute Idee ist, dass die Türkei der EU beitritt? Ich flüchte mich an Dönerbuden und unwirtlich gekachelten Geschäften vorbei in einen kleinen Pavillon namens Piccolina , Klein-Italien als rettender Zufluchtsort, wie so oft, grazie, grazie, grazie. Die Remscheider vertilgen hier natürlich Bergische Waffeln, trinken Glühwein und rauchen dabei, was das Zeug hält. Darauf kommt es in so einer Stadt auch nicht mehr an.

Ich bin erleichtert, als ich mich anderentags wieder dem Bahnhof nähere. Der Fahrplan weist zu den Hauptverkehrszeiten pro Stunde etwa ein Dutzend Züge aus, die sich redlich die Zielorte Wuppertal und Solingen-Ohligs teilen. Mal abgesehen von der deprimierenden Auswahl - über jedem dieser Züge steht im Fahrplan Der Müngstener . Ausnahmslos. Das Gebäude selbst erweckt den Eindruck, als habe man es vor einigen Jahr billig in der DDR erwerben können und im Maßstab 1:1 wieder aufgebaut. Dennoch bietet er Trost, denn ich darf hier wieder weg. Die Gleisüberführung allerdings könnte auch original aus der South Bronx stammen, dort allerdings beruhigt der Gedanke, dass um die Ecke Manhattan wartet.

Das ganze Ensemble Rhein-Ruhr habe ich trotz 25jähriger Tätigkeit für den WDR noch nie zu meinen Weidegründen gezählt, nirgends gab es schrecklichere Auftritte als in dieser region. Damit ist jetzt Schluss: In Zukunft nur noch wenige, ausgesuchte Orte. Remscheid bescherte genau 12 Zuschauer, und selbst die mussten sie wahrscheinlich von auswärts heranschaffen. Ich weiss auch ehrlich gesagt nicht, woher sich da ein Publikum rekrutieren sollte. Die Show war zwar in Lennep, was eigentlich ein recht hübscher Stadtteil ist, aber auf die Frage, wie sich denn das Leben in Lennep gestalte, antwortete die Ortskraft, wenn man sich für Schlägereien mit Russlanddeutschen interessiere, wäre man genau richtig. Keine Ahnung, woran das liegen mag, dass ich an Rhein und Ruhr keinen Fuss fasse, zuviel Comedy - 109 % aller deutschen Comedians scheinen im Rheinland zu wohnen, als unterhielten RTL und Pro 7 irgendwelche Zuchtstätten, eine ausgeprägte Vorliebe für Regionalkultur (ein Trend, der allerdings überall zu beobachten ist), die beängstigende Arbeitslosigkeit, zu teure Bräunungsstudios, die den Einheimischen das Geld aus der Tasche ziehen, sowieso die Leute feiern lieber ab, als dass sie sich ungemütlichen Personen wie mir aussetzen, bei denen sie geringfügig nachdenken müssen: Mit Stimmungsschwankungen meint gerade der Rheinländer bekanntlich etwas ganz anderes. Vielleicht ist auch nur der eine Satz symptomatisch, der mir zwar überall hätte zulaufen können, aber es war nun mal am Bahnhof in Ohligs, als die eine Frau der anderen hinterher rief: "Annie, ich mal eben zu die Bücher!"

Müngstener, take me home!

© Thomas C. Breuer Rottweil 24.02.2005