Zügig nach Seattle

PortlandEs gibt eine Möglichkeit, komfortabel von British Columbia in den Staat Washington zu reisen – mit der Eisenbahn

Wer in Amerika in einem komfortablen Zug mit freundlichem Personal reisen möchte, dem ist der Cascades zu empfehlen. Er verkehrt zwischen Vancouver und Portland beziehungsweise Eugene. Die türkisfarbenen Abteile sind nicht so zugemüllt wie anderswo, die Sitze sind komfortabel, es gibt Fernseher für Landschaftsignoranten, dienstbare Geister bieten Kopfhörer zum Verkauf. Eigentlich kommt der Cascades dem Flugzeug am nächsten, nur dass man erdverbundener reist und sich nicht halb entblößen muss,umirgendwelche Sicherheitsschleusen zu passieren.

Vancouver ist eine beeindruckende Stadt vor noch beeindruckenderer Kulisse, wenn auch überschätzt. Mit der Skyline im Rücken schwingt sich der Cascades über die Skytrain Bridge, man strebt himmelwärts in jeglicher Hinsicht. Gleich darauf geht es über den Fraser River, da heißt es gelegentlich warten, wenn die Brücke hochgezogen wurde, um Schiffe passieren zu lassen. Der Schiffsverkehr hat Vorrang. Bis North Colebrook kann mansich getrost der Zeitung zuwenden. In White Rock trennt dasGleis die Stadt vom Strand, man rollt gemütlich auf der Uferpromenade, denn das Gleismaterial ist miserabel, von den schweren Güterzügen zuschanden gefahren, der Zug schlägt aus nach links und rechts, als ob er watscheln würde.

Da die Formalitäten inklusive erkennungsdienstlicher Behandlung schon am Bahnhof in Vancouver erledigt werden, rollt der Zug ohne Unterbrechung über die Grenze. Eine Viertelstunde nach Bellingham, von wo die großen Alaska-Fähren losschippern, trifft die Strecke auf die Chuckanut Bay, der Reisende sieht sich geradezu überwältigt von der bezaubernden Anmut der San Juan Islands: Als hätten sich die schwedischen Schären in mediterrane Gefilde begeben. Bald eilen linker Hand die Cascades herbei, die passende Bergkette zum Zug. Ab hier gibt’s Pickup-Truck-Amerika, willkommene Idyllen mitAirstreams, verfallenen Scheunen, verlassenen Tankstellen. Maritime Ensembles zur rechten, Backroads zur linken Seite, Orte wie Marysville, in denen das Holz verarbeitet wird, mit dem der Nordwesten so überreichlich gesegnet ist. Everett rückt Industriekomplexe ins Bild:Werften,Boeing, dazu dieMarine, bis zur Brücke über den Skykomish River hält man besser die Luft an. Der Trip führt abwechselnd durch Naturschutz- und Industriegebiete: Hier aufgestörte Reiher, mit Glück Seelöwen, Whale Watching soll vom Zug aus möglich sein, wenn man die richtige Jahreszeit erwischt – im Spätsommer. Dort das übliche Nordwestpanorama: Treibholz, Fähren, Leuchttürme, malerische Wracks,mit Moos überwuchert, Fischnetze, Kutter. Leider lassen sich die Fenster nicht öffnen, mit Zugangeln wird es also nichts. Eine Zeitlang reist man parallel zum Victoria Clipper, der den Staat Washington mit British Columbia verbindet. Mit etwas Glück erlebt man sogar ein Scharmützel zwischen kanadischen und amerikanischen Fischern um Fangquoten und Fischrechte.

CascadesSeattle ist natürlich einen längeren Stopover wert. Die neue Stadtbibliothek von Rem Kohlhaas bietet spektakuläre An- und Aussichten zum Nulltarif, der Espresso im Uptown auf Queen Anne ist so unverändert wie konkurrenzlos gut. Der King Street Station gebührt der Nobelpreis für die längste Bahnhofsrenovierung Nordamerikas. Seit mindestens zehn Jahren werkelt man herum, Fortschritte sind mit bloßem Auge kaum sichtbar. Nur das Viertel hat sich nicht zuletzt durch den Bau zweier gigantischer Stadien radikal gewandelt, werktags kannmansich hier problemlos proviantieren, was angesichts des beschämenden Bahnhofsangebotes ratsam erscheint. In den letzten zwanzig Jahren scheinen die Amerikaner so etwas wie Geschmacksnerven entwickelt zu haben, beim Kaffee, bei Bier, bei Brot, bei Zügen und neuerdings auch beiHotels. Aus dem mehr alt als ehrwürdigenHotel Vance ist das Hotel Max geworden, das von der Ausstattung her deutlich anders ist als die beige-braune Teppichbodenwüste gängiger Ketten. Das Max ist mit allen Schikanen ausgestattet, vom Flachbildschirmfernseher über den CD-Player bis zum drahtlosen Internetzugang. Die Türen sind mit großformatigen Fotos der örtlichen Musikszene verkleidet, da schielt man auf ein jüngeres Zielpublikum, denn ältere werden mit Eddie Vedder oder Kurt Cobain nicht so sehr viel anfangen können. Das Hotel liegt zentral, fünf Minuten vom Pike Place Market entfernt, zwei von der Monorail, schräg gegenüber der Greyhound-Station, aber da findet sich wohl nicht die Zielgruppe. Um halb acht Uhr am übernächsten Tag sitzt man wieder im Zug. Der Bildschirm zeigt einem wie im Flugzeug Streckenverlauf, Uhrzeit und die Außentemperatur am Zielort Portland an, fehlt nur der Nasdaq-Index. Nach etwa zwanzig Minuten erscheint kurz hinter Sumner bei schönem Wetter – das gibt es tatsächlich im Nordwesten – der mächtige Mount Rainier zwischen den Containern, das einzige Ereignis auf der linken Seite. Die Station Tukwila liegt mitten auf der Wiese, ohne jegliche Infrastruktur drumherum. Dies sollten arglose Reisende wissen, die sich einen Haltepunkt aus dem Fahrplan herauspicken: Sie sollten sich immer hundertprozentig sicher sein, wann und von wem sie abgeholt werden, wollen sie nicht nächtens in Utah in der Wüste stehen. Anderereits ist Tukwila bloß fünf Meilen vom Sea-Tac-Flughafen entfernt. In Puyallup lohnt sich die State Fair, wo man denWilden Westen in kondensierter Form erleben kann. Wenn man Glück hat, verteilen pinkgewandete Cheerleader vor dem Messegelände Tabletten gegen Sodbrennen – die benötigt man hier dringend.

Kurz hinter Tacoma kommt eine Art Americana-Leporello mit verwitterten Holzhäusern mit Veranden, rostigen Silos, Pferden, silbrig glitzernden Wohnwagen, großmütterlich aussehenden Scheunen mit Haubendächern, breitbeinigen Wasserspeichern mit Ortsaufschrift und soviel Natur, dass man nicht länger darüber rätseln muss, warum Washington der „Immergrün“-Staat genannt wird – diese Farbe wird in allen Grün-Schattierungen geliefert. Freaks gibt es nicht wenige, etwa einen Cowboy-Prediger, dermit einem Buch über Jesus und einer Flasche Wein bewaffnet ist. Oder einen Mann, der ununterbrochen in sein Handy spricht, so dass man den Verdacht nicht los wird, dass er gar keinen Gesprächspartner hat.

In den vergangenen Jahren haben die Amerikaner Geschmacksnerven entwickelt

Amerikaner sind ja zu erstaunlichen Leistungen in der Lage, was Technik oder Sport angeht, aberwie man Klospülungen erfolgreich betätigt, das haben sie nicht drauf. Dementsprechend ist es um die sanitären Einrichtungen bestellt. Außerdem bringen sie es ohne mit der Wimper zu zucken fertig, beim Durchkreuzen atemberaubender Landschaften den Blick ungerührt auf den Bordmonitor zu heften. Und manchmal stellen sie einem Güterzüge, deren Länge hier legendär ist, vor das Blickfeld. So sieht man von der Hauptstadt Olympia rein gar nichts.

Sicher gibt es spektakulärere Strecken in diesem Land, kaum aber bessere Züge, nicht mal der Kaffee schwappt über. Linker Hand schieben sich nach längerer Abwesenheit mal wieder die Cascades ins Bild, man kann sogar Mount St. Helens erspähen. Volles Tempo ab Napavine, jetzt geht es wieder eine Weile schnurstracks geradeaus. Tiefgrün ist der Cowlitz River, über denmanauf einer dieser alten Stahlbrücken rattert, die man von Edward-Hopper-Bildern kennt. Noch eine Stunde bis Portland, endlich der erhabene Columbia River mit seinen Massenansammlungen von Holzstämmen. Der Highway I 5 löst für kurze Zeit den Fluss ab, dann die malerische Hausbootsiedlung kurz vor Hazel Dell. Ende der Sehenswürdigkeiten.

Vancouver, Washington (nicht zu verwechseln), ist für Portland das, was Tacoma für Seattle ist: eine Industriebrache, was ja auch seine Reize haben kann. In drei Tranchen geht es über den Columbia nach Oregon hinein bis nach Portland, dieRosenstadt, die grüne Stadt, in der einem die Einkäufe in Papier- statt Plastiktüten gepackt werden. Im Pearl District mit seinen Galerien, dem riesigen Naturkostladen, zahllosen Restaurants, gibt es vieles aus zweiter Hand. Man pflegt einen persönlichen Umgangston, und wer im Kaffeeladen – hervorzuheben wäre die Torrefazione Italia – eine Latte ordert, muss seinen Vornamen nennen.

Seattle – Foto: Celia BreuerWer die guten Erfahrungen aus dem Hotel in Seattle nach Portland hinüber retten möchte, ist mit dem Hotel Lucia bestens bedient, kein Wunder, beide gehören demselben Besitzer, sind ergo in privater Hand. Das Lucia ist ein wenig klassischer als das Schwesterhotel im Norden, vor allem die etwa 680 Fotos des ortsansässigen Fotografen David Hume Kinnerley wären ihr eigenes Eintrittsgeldwert. Im Lucia wirbt man mit Finessenwie einem Kopfkissenmenu, das auch größten Allergikern Labsal verspricht, oder den so genannten „Get-it-now-button“ für spontane Wünsche.

Für Regentage hält das Tourismuscenter übrigens Notfallpläne bereit: „Rainy Day Portland“. Doch für einen Regentag in Portland bleibt keine Zeit mehr, denn am nächsten Tag geht es zurück nach Hause. Während man sich mit der Frage quält, was wohl eigentlich aus dem Cowboyprediger geworden ist, läuft im Radio nicht unpassend der aktuelle Countryhit von Dierks Bentley: „I still gotta lotta leavin left to do“.

Fotos: T.C.Breuer

Dieser Text erschien in der Süddeutschen Zeitung, Donnerstag, 10. November 2005 • Nr. 259 • Seite V2/5

© Thomas C. Breuer Rottweil
22.2.2013 - 19:00